Luftfahrt-Experte Concorde ist eine "fliegende Zeitbombe"
Hamburg/Paris - Als Konsequenz auf den Absturz der Concorde bei Paris hat der Berliner Luftfahrt-Experte Elmar Giemulla dazu aufgefordert, das französisch-britische Prestige-Projekt sofort still zu legen. In der "Bild am Sonntag" bezeichnete der Experte die Überschallflugzeuge vom Typ Concorde als "fliegende Zeitbomben", die sofort aus dem Verkehr gezogen werden müssten.
Unterdessen gerät auch die Fluggesellschaft British Airways (BA) unter wachsendem Druck, ihre Concorde-Flüge vorläufig einzustellen. Britische Zeitungen berichteten am Sonntag, dass BA und Air France in den vergangenen Jahren in einer "Serie von Berichten" vor der Anfälligkeit der Concorde für geplatzte Reifen und Triebwerksbrände gewarnt worden seien. Britische und amerikanische Sicherheitsbehörden warnten nach Informationen der "Sunday Times" vor vier verschiedenen Triebwerkproblemen, die "unsichere Bedingungen" für die Concorde zur Folge hätten.
Luftfahrt-Experte Giemulla kritisierte in der "Bild am Sonntag": "Normalerweise fliegt in einem hochzivilisierten Land kein Flugzeug, das älter als 25 Jahre ist." Bei der Concorde würden sich inzwischen Alterserscheinungen an den Maschinen bemerkbar machen. Aber auch das technische Risiko sei hoch.
Dass der Überschall-Jet offenbar jahrelang von einer schweren Panne zur nächsten getrudelt ist, beweisen, so die Zeitung, auch Inspektoren-Protokolle der amerikanischen Luftaufsichtsbehörde Federal Aviation Administration (FAA). Den internen Papieren zufolge kam es von November 1996 bis Juni 2000 allein am New Yorker Kennedy-Airport zu 40 schweren Zwischenfällen. In allen Fällen musste entweder der Start abgebrochen werden oder die bereits gestartete Maschine zum Flughafen zurückkehren.
Laut den Protokollen hätten die Flugzeuge Hydraulik-Flüssigkeit verloren, Bremsen seien heiss gelaufen oder hätten gebrannt, es habe Ölverluste in den Triebwerken und Triebwerksbrände gegeben, außerdem defekte oder abfallende Ruder und Schubverluste.
Dieser Airport könnte schon bald für den Jet gesperrt sein. "Wir werden mit den französischen Kollegen über die Sicherheit der Concorde-Flüge beraten", sagte ein FAA-Sprecher zu "BamS". "Dabei werden wir auch über einen Entzug der Landeerlaubnis auf amerikanischen Flughäfen diskutieren müssen."
Trotz der anhaltenden Diskussion über die Sicherheit der Concorde will Frankreich die Flüge seiner Überschallflugzeuge wahrscheinlich in den nächsten Tagen wieder aufnehmen. Voraussetzung dafür sei jedoch die Einführung neuer Vorschriften, nach denen die Maschinen künftig vor jedem Start gründlicher überprüft werden sollen, zitierte die französische Zeitung "Le Journal du Dimanche" am Sonntag den Sprecher der französischen Zivilluftfahrt-Behörde DGAC (Direction generale de l'aviation civile).
Die Abstimmung über den neuen Katalog für die Sicherheits-Checks soll am Montagnachmittag in Paris stattfinden. "Für alle Concorde-Flüge soll ein verstärktes Wartungs- und Prüfungssystem installiert werden", sagte der DGAC-Sprecher der Zeitung.