Luftfahrt-Experte Das ist nicht das Ende der Concorde
SPIEGEL ONLINE:
Warum ist ein Triebwerkschaden bei einer Concorde noch dramatischer als bei einem gewöhnlichen Flugzeug?
Spaeth: Die Concorde startet schneller als ein normales Flugzeug. Sie hebt mit fast 400 Kilometern pro Stunde ab, das ist etwa ein Drittel mehr als bei einem herkömmlichen Flieger. Das schafft sie aber nur durch einen so genannten Nachbrenner, der für zwanzig Prozent mehr Schub sorgt. Dafür wird aber 50 Prozent mehr Treibstoff gebraucht. Es ist also mehr Treibstoff im Triebwerk - und wenn dann etwas passiert, ist besonders viel Nahrung für ein Feuer da.
SPIEGEL ONLINE: Es gab schon Tage zuvor Meldungen über Risse bei Concorde-Maschinen. Diese sollen beim Unglück von Paris zwar keine Rolle gespielt haben. Aber warum geht man nach solchen Warnungen nicht auf Nummer sicher und checkt jedes Flugzeug noch gründlicher, bevor man es an den Start gehen lässt?
Spaeth: Die Concorde ist schon das Flugzeug auf der Welt, das am besten gewartet wird - pro Flugstunde sechsmal mehr als ein Jumbo-Jet. Das liegt an der starken Beanspruchung durch Höhe, Geschwindigkeit und Reibungshitze. Nach menschlichem Ermessen war das verunglückte Flugzeug sicher.
SPIEGEL ONLINE: Die Concorde-Maschinen wurden schon vor 31 Jahren gebaut. Sind diese Flugzeuge nicht generell zu alt?
Spaeth: Es ist nicht so, dass ein altes Flugzeug auch gleich ein unsicheres ist. Jedes Flugzeug kann im Prinzip ewig fliegen, wenn man es entsprechend wartet. Die Concorde ist technisch nicht alt, weil sie extrem wenig Flugstunden hinter sich hat. Ein Concorde der British Airways zum Beispiel fliegt am Tag im Schnitt 2,4 Stunden, während ein Jumbo-Jet der selben Gesellschaft 13,6 Stunden fliegt.
SPIEGEL ONLINE: Ist dieses Unglück das Ende für die Concorde?
Spaeth: Natürlich muss zunächst die Unglücksursache geklärt werden. Aber die Concorde wird wieder fliegen. Denn es ist im Prinzip ein sehr ausgereiftes und bewährtes Flugzeug.
SPIEGEL ONLINE: In jüngster Zeit häufen sich Flugzeugunglücke und Notlandungen. Reiner Zufall oder Warnsignale für schlampigere Wartung oder zuviel Flugverkehr?
Spaeth: Der Flugverkehr hat sich in den letzten zehn Jahren fast um die Hälfte gesteigert. Die Unfallzahlen sind aber nahezu gleich geblieben. Das Fliegen ist also sicherer geworden. Es muss auch noch sicherer werden, weil die Experten mit einer nochmaligen Verdoppelung des Flugverkehrs in den nächsten zehn Jahren rechnen. Dieses Jahr war sogar bislang eines der sichersten.
Das Interview führte Alwin Schröder