Luxemburg: Thronwechsel beim Nachbarn - DER SPIEGEL
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Luxemburg Thronwechsel beim Nachbarn

In Luxemburg dankt der Großherzog zugunsten seines erstgeborenen Sohnes Henri ab, und eine in Havanna geborene Bankierstochter bürgerlicher spanischer Abstammung wird am Samstag die neue Landesmutter.
Von Rudolf Wagner
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Luxemburg - Aus solchen Stoffen lassen sich Träume spinnen: Die junge, schöne Maria Teresa wird wegen Fidel Castros kubanischer Revolution nach Genf auf das Mädchenpensionat "Marie-Thérèse" geschickt, setzt dann ihre Ausbildung an der Genfer Universität fort und lernt dort einen Kommilitonen besser kennen. "Henri de Clervaux" studiert - genau wie sie - politische Wissenschaften und Wirtschaft; später erst erfährt sie, dass er der luxemburgische Erbprinz ist.

Seit fast 25 Jahren sind die beiden ein Paar und standen fast nie in den Klatschspalten. Doch einmal wollte "Madame", wie man Prinzessin Maria Teresa heute anredet, fliehen - und fast hätte sie es geschafft. 1994 stand sie mit gepackten Koffern am Check-in der Luxair und gab das Reiseziel New York an. Die Flughafenpolizei verständigte den Palast. Ihr Ehemann und die fünf Kinder wussten von nichts; die Reise wurde gecancelt. Sie habe ihre Schwester in Amerika besuchen wollen, behauptete die Prinzessin später. Wahr ist wohl eher, dass für die weltoffene und weit gereiste Frau die Luxemburger Idylle auf einmal zu eng und zu muffig geworden war.

Heute will sich niemand mehr an diesen Vorfall erinnern. Die künftige Landesmutter von Luxemburg hat sich wieder im goldenen Käfig eingerichtet. Manchmal sieht man sie in der Innenstadt beim Schaufensterbummel, und im Kaufhaus reiht sie sich wie alle anderen in die Schlange vor der Kasse ein. Ein entspanntes Verhältnis herrscht zwischen dem Paar und der Bevölkerung. Auch dass Henri, der am 7. Oktober von seinem Vater Jean den luxemburgischen Thron übernimmt, öfter mit seinem BMW zu schnell über die Landstraßen donnert, nimmt das kleinste EU-Volk gelassen hin. Die Polizei schaut jedenfalls weg.

Terroristen in Luxemburg? Undenkbar

Der 79-jährige luxemburgische Großherzog Jean hat sein Haus rechtzeitig, still und weise bestellt, während sich das internationale Publikum an der unehelichen Tochter von Belgiens König Albert II. und den Affären bei den Windsors ergötzen konnte. Henri ist schon seit März 1998 offizieller Stellvertreter seines Vaters, der "lieutenant représentant". Die Herrscherfamilie, die sich stets verfassungskonform aus allen politischen Streitigkeiten im Land herausgehalten hat, ist bei allen beliebt und geachtet. Mit dem Thronwechsel hat Luxemburg das jüngste Staatsoberhaupt in der EU.

Maria Teresa und der 45-jährige Henri werden am Samstag mit dem Volk feiern. Nur ein bisschen, denn nach dem schweren Autounfall von Henris Bruders Guillaume vor vier Wochen sind alle lauten Veranstaltungen bis April verschoben worden. Der jüngste Sohn von Großherzog Jean ist bei dem Unfall nur knapp dem Tod entkommen und lag rund drei Wochen im Koma. So bleibt es beim Händeschütteln: Nach der Abdankung des Vaters und Henris Vereidigung wollen die neuen Landeseltern auf dem Wochenmarkt die Huldigungen der Käsehändler und Schnäppchenjäger entgegennehmen und sich danach Tänze der "Mucidade portugesa" anschauen. Zehn Prozent der 426.000 Einwohner Luxemburgs kommen nämlich aus Portugal.

Über die Sicherheitsvorkehrungen bei diesem festlichen Anlass gibt es nur Vermutungen. Terroristen in Luxemburg? Undenkbar. Andererseits soll sich auch nicht jene Nachlässigkeit wiederholen, die vor kurzem von einem Journalisten aufgedeckt wurde: Er hatte am Nationalfeiertag, zur Militärparade, ungestört und unentdeckt einen stinkenden Abfallkübel neben die Vip-Loge der großherzoglichen Familie gestellt. Der Kübel stand noch am nächsten Tag da. Er enthielt natürlich keine Bombe, aber ein Skandälchen war das doch.

Staatsoberhaupt in Luxemburg ist ein glücklicher Beruf. "De Heng", wie Henri von einem Untertanen auch schon einmal angeredet wurde, ist sozusagen Vorstandsvorsitzender der Luxemburg AG. Ein feiner, gut gehender Laden. Wo sonst kann der Ministerpräsident aus Anlass einer Thronübergabe eine Steuersenkung ankündigen, weil die Landeskassen randvoll sind? Daran sind vor allem die großen Geldhäuser schuld. Im ersten Halbjahr 2000 haben die luxemburgischen Banken im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung des Geschäftsergebnisses um 28,36 Prozent auf rund fünf Milliarden Mark erzielt. Gerade die Deutschen legen ihr, sagen wir mal, Erspartes unverändert gern beim quellensteuerfreien Nachbarn an. Der neue Großherzog Henri, der zu Hause eben noch eine Abordnung kuwaitischer Parlamentarier empfing, wird deshalb bald die Koffer packen: Kurz nach seiner Vereidigung wird er in Berlin zum Antrittsbesuch beim Bundespräsidenten Rau erwartet.