Luxusbau Potsdamer Platz: Die Blüte im Pleitesumpf - DER SPIEGEL
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Luxusbau Potsdamer Platz Die Blüte im Pleitesumpf

Berliner Realitäten: Die Stadt ist pleite, die Zuschüsse für den sozialen Wohnungsbau wurden gerade gestrichen - und am Potsdamer Platz entstehen Wohnungen für fünf Millionen Euro pro Stück. So viel kostet ein Apartment im Beisheim-Center. Am Dienstag wurde dort Richtfest gefeiert.
Von Domenika Ahlrichs
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Solche Reden liebt Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Die deutsche Hauptstadt sei eine "vor Leben sprühende, pulsierende, spannende Stadt, deren Vitalität jeden inspiriere", lobt Willard Marriott, Vorsitzender der Marriott International. Und Wowereit steht breit lächelnd neben ihm auf der Rednerbühne. Anlass der Ansprache: Am Beisheim-Center, dem letzten großen Bauprojekt am Potsdamer Platz, wird Richtfest gefeiert.

Es ist kein normales Gebäude, zu dessen Ehren es am Dienstag Reden, Musik, Bier, Eisbein und Sauerkraut gibt. Vielmehr errichtet sich der Gründer der Metro-Handelskette Otto Beisheim mit dem gleichnamigen Center sein eigenes Denkmal. Laut "Manager Magazin" einer der "reichsten und mächtigsten Männer der Republik". Knapp ein Jahr nach Grundsteinlegung stehen die Gebäude. Hotels, Wohn-und Büroräume für den gehobenen Geschmack und die dicke Geldbörse. Zum Beisheim-Center gehören ein Marriott-Hotel mit vier Sternen, das Fünf-Sterne-Hotel Ritz Carlton, zwei Bürogebäude und ein Apartment-Haus. Der Multimilliardär investiert rund 463 Millionen Euro aus seinem Privatvermögen.

Auch die künftigen Hotelgäste und Käufer der entstehenden Luxus-Wohnungen gehören zu denen, die nicht auf einen Bausparvertrag angewiesen sind, um sich die eigenen vier Wände leisten zu können. 302 Zimmer hat das Ritz-Carlton, 32 Suiten, einen Ballsaal. Direktor Walter Junger verspricht das teuerste, luxuriöseste Hotel Berlins und will das Ritz-Carlton als "Preisleader" sehen. Er orientiere sich an Metropolen wie London, wo Hotels dieser Kategorie um die 800 Euro pro Nacht kosten. Mehr als 10.000 Gäste haben bereits vorgebucht.

Über dem Hotel entstehen die so genannten "Tower Apartments". Auf je 287 Quadratmetern kann sich dort der wohlhabende Käufer seine eigene Wohnung gestalten. Wer mag, darf auch gleich zwei Apartments zusammenlegen, wie der deutsche Unternehmer, der die oberste Etage komplett erworben hat.

Zwischen 6000 und 9500 Euro pro Quadratmeter kostet eine Wohnung im Beisheim-Center. In etwa so viel wie zehn Reihenhäuser am Rande Berlins. Eine Unternehmerin aus Chicago zahlte kürzlich knapp über fünf Millionen Euro für ihre Residenz mit Blick auf Reichstag, Brandenburger Tor und Kanzleramt.

Wie passt das mit dem Berlin zusammen, das die Schlagzeilen seit Monaten beherrscht? Einer Stadt, in der Finanzsenator Thilo Sarrazin die "extreme Haushaltsnotlage" ausrufen musste, weil sie faktisch pleite ist? Berlin, das heißt: gut 47 Milliarden Euro Schulden, fast 320.000 Arbeitslose, annähernd 7000 registrierte Wohnungslose. Der Senat geht von einer Dunkelziffer von weiteren 4000 Menschen aus, die auf der Straße leben.

Da mag es wie Hohn wirken, wenn der Regierende Bürgermeister zum Richtfest des Beisheim-Centers davon spricht, er könne "bei der Größe der hier geplanten Apartments schon neidisch werden", um dann lakonisch zu bemerken: "Nur der Preis, der lässt mich das mit dem Neid dann noch mal überlegen."

Die Kluft zwischen arm und reich, zwischen dem Metropolen-Flair am Potsdamer Platz, im Regierungsviertel, dem noblen Berlin-Mitte einerseits und den unsanierten Plattenbauvierteln in den Außenbezirken, maroden Schulgebäuden und von der Schließung bedrohten Einrichtungen scheint unüberbrückbar. Die Berliner Regierung sieht jedoch genau in Investitionen wie dem Beisheim-Center Grund zur Hoffnung auf eine Kehrtwende. "Wir brauchen mutige Investoren in der Stadt", sagt Wowereit vor dem noch leeren Luxus-Bau. Das nun fast vollendete Projekt sei "ein Zeichen dafür, dass in Berlin seit der Wende viel passiert".

Schon zur Grundsteinlegung des Centers hatte Bausenator Peter Strieder (SPD) leicht trotzig darauf hingewiesen, dass Berlin "mehr zu bieten" habe "als nur Schulden". Er begrüße die teuren Wohnungen als "Vertrauensbeweis der Investoren in die Zukunft der Stadt". Diese zeige, sagte er kürzlich, dass es "Manager und Macher, die internationalen Standard gewohnt sind", nach Berlin ziehe. Die Stadt werde von den Einkommensmillionären profitieren. Nicht zuletzt deshalb, weil sie hier zur Steuer veranschlagt werden.

Bisher sind allerdings nur vier der rund 50 Wohnungen im Beisheim-Center verkauft. Lockt Berlin womöglich doch nicht so viele der "vermögenden Menschen, Unternehmer, Vorständler, Leute aus der Wirtschaft", wie Immobilienmakler Dirk Zabel die Zielgruppe umschreibt? "Wir haben viele Anfragen aus dem Ausland", sagt Klaus Groenke, Geschäftsführer des Unternehmens Trigon, der das Beisheim-Projekt leitet. "Das ziert Berlin doch ganz besonders." Auch über die Bürogebäude gebe es bereits "intensive, Erfolg versprechende Verhandlungen".

Ob Beisheim selbst einst am Potsdamer Platz wohnen wird, ist ungewiss. Der Multimilliardär besitzt Apartments überall in der Welt. Eins steht jedoch fest: Seinen nächsten Geburtstag möchte er im Ballsaal des Ritz-Carlton in seinem Center feiern. Im Januar 2004 wird Otto Beisheim 80. Spätestens bis dahin muss das Bauprojekt vollendet sein. Das werde gelingen, kündigte Groenke an. Bisher sei der gesteckte Zeit- und Finanzrahmen voll eingehalten worden. Das sei der Vorteil eines Privatinvestoren: "Da wird beschlossen, was gemacht werden muss, und am nächsten Tag ist das Geld da."