Lynchs Kriegsschicksal: Ohne Hand und Fuß? - DER SPIEGEL
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Lynchs Kriegsschicksal Ohne Hand und Fuß?

Eine Propaganda-Legende bröckelt: Das Schicksal der Jessica Lynch wird immer mehr zum Horrormärchen. Laut einem neuen Buch musste sie gegen irakische Ärzte kämpfen, die ihr ein Bein amputieren wollten.
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Washington - Gewehrt habe sie sich, "Nein! Nicht!" gebrüllt und das Gesicht immer wieder weggedreht, als die Krankenschwester ihr die Narkosemaske auf Mund und Nase drücken wollte, heißt es in dem Buch "I Am a Soldier, Too: The Jessica Lynch Story", das heute - pünktlich zum Gedenktag an die Kriegsveteranen - auf den Markt kommt.

"CNN Online" berichtet nun unter Berufung auf einen Vorabdruck des Buches, Lynch sei völlig überrascht worden, als sie plötzlich in einen Operationssaal gefahren wurde, denn schließlich sei sie davon ausgegangen, dass die Ärzte bereits alles getan hätten, um ihre diversen Knochenbrüche zu versorgen. Als ihr dann die Mediziner eröffnet hätten, dass das linke Bein abgenommen werden müsse, habe sie sich heftig gewehrt.

Schließlich habe ein Arzt die Krankenschwester angewiesen, die Narkosemaske wieder zu entfernen. Lynch habe man dann in ihr Zimmer zurück gebracht. Laut dem CNN-Bericht soll Lynch später erfahren haben, dass die Ärzte den Amputationsbefehl bekommen hätten, um sie schneller nach Bagdad verlegen zu können. Dort hätte das Saddam-Regime die Gefangene möglicherweise für ein Propagandavideo gebraucht, heißt es unter Berufung auf Braggs Buch.

Erst im Früjhar hatte der Autor für Wirbel gesorgt: Im Zuge der Fälscheraffäre, die die "New York Times" erschüttert hatte, war auch er vom Dienst suspendiert worden. Der Pulitzer-Preisträger Bragg hatte sich bei einem Bericht auf die Rechercheergebnisse eines freien Mitarbeiters gestützt, diesen dann aber nicht als Autoren erwähnt.

Erst in der vergangenen Woche hatten US-Zeitungen ebenfalls unter Berufung auf die Lynch-Biografie gemeldet, Lynch sei während ihrer Gefangenschaft vergewaltigt worden. Beleg dafür sollen medizinische Unterlagen sein, die der Autor für sein Buch ausgewertet habe. Die 20-Jährige habe vor dem Missbrauch nichts mitbekommen, "sie habe drei Stunden verloren". Es sei nicht klar, ob ihre Angreifer "ihren fast leblosen, gebrochenen Körper" aus dem Wrack des Militärfahrzeugs geborgen und sie dann vergewaltigt hätten oder ob die Vergewaltigung erst erfolgt sei und sie dann "ihre Knochen brachen, bis sie fast tot war".

Lynch selbst erklärte, sie könne sich an einen Übergriff nicht erinnern. "Nur daran zu denken ist zu schmerzhaft", sagte sie der TV-Moderatorin Diana Sawyer. Heute wird das Interview beim US-Sender ABC in voller Länge ausgestrahlt.

Der irakische Arzt, der sie nach ihrer Gefangennahme behandelt hatte, hatte erklärt, er habe keine Hinweise auf eine Vergewaltigung gefunden. Auch eine Krankenschwester, die die Gefangene in dem Hospital betreute, stritt das ab. Lynch sei weder vergewaltigt, noch angegriffen, noch allein gelassen worden.

Nach dem Überfall auf Lynchs Konvoi im Irak am 23. März war zunächst berichtet worden, die junge Frau habe gegen ihre Angreifer gekämpft, bis ihr die Munition ausgegangen sei. Stimmt nicht, erklärte Lynch später. Weil ihre Waffe geklemmt habe, habe sie nicht einen Schuss abgegeben können. Auf den Knien habe sie um ihr Leben gebetet. Dass die Armee ihre Befreiung gefilmt und als Propaganda eingesetzt hatte, hatte Lynch verurteilt. Die Truppen hätte ihr Schicksal benutzt, um die Unterstützung der Öffentlichkeit für den Krieg zu gewinnen.

Jule Lutteroth

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