EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Mach's noch einmal
An einem Oktober-Tag des Jahres 1999 beschloss Helmut Färber, ein anderer Mensch zu werden.
Bis zu diesem Tag war sein Leben, von Ausflügen in die Werbung und in die Gastronomie einmal abgesehen, kein schönes Leben gewesen: Es gab die zahlreichen Gerichtsverfahren, und es gab die Zeiten dazwischen. Färber war wegen Diebstahl angeklagt und wegen Hehlerei, wegen Urkundenfälschung, Körperverletzung und Betrug. Einige Einbrüche standen auch in seinem Lebenslauf. Spätestens als das verdammte Kokain dazukam, war ihm klar, dass dieses Leben kein gutes Ende nehmen konnte.
Im Oktober 1999 entschied ein Gericht, ein paar Einzelstrafen zu einer Gesamtstrafe von fünf Jahren und fünf Monaten zusammenzufassen; weil der Richter keine Fluchtgefahr sah, durfte Färber zunächst nach Hause. Kurz darauf erhielt er die Aufforderung, sich im Gefängnis zu melden, um die Strafe anzutreten.
Färber kannte das Gefängnis. Fünf Jahre und fünf Monate waren eine lange Zeit. Also beschloss Färber, den Verbrecher Helmut Färber verschwinden zu lassen.
In den ersten Wochen klingelt immer wieder die Polizei bei seiner Frau. Irgendwann behauptet sie, sie habe sich von Färber getrennt. Danach ist Ruhe.
Färber ruft bei Einwohnermeldeämtern an. Er habe seine Papiere verloren. Welche Unterlagen nötig seien, um neue zu bekommen? Die Geburtsurkunde reiche, sagt ihm eine Frau vom Meldeamt Jülich am Telefon. Ihre Stimme klingt freundlich. Färber beschließt, sein neues Leben in Jülich zu beginnen.
Am 2. März 2000, Weiberfastnacht, fährt er zum Meldeamt, es ist sein 37. Geburtstag. Um fünf Minuten nach elf Uhr betritt er das Gebäude. Er hat sich eine Geburtsurkunde besorgt, auf der ein neuer Name steht, nennt sich sonstwie. Das Amt schließt an diesem Tag um 11.11 Uhr; er setzt darauf, dass die Beamten bereits in Karnevalsstimmung sind.
So kommt Färber zu einer neuen Identität.
Er macht unter seinem neuen Namen noch einmal den Führerschein: Pkw, Motorrad, Lkw. Warum er so gut fahren könne, will der Fahrlehrer wissen. Färber murmelt etwas von einer amerikanischen Fahrerlaubnis, die nicht länger gültig sei. Er hat zwar eine neue Identität, aber keine dazu passende Biografie.
Er kauft sich einen Achttonner, und weil er die Bank glauben macht, er verfüge über ein festes Einkommen, erhält er problemlos einen Kredit. »21 000 und 'n paar Kleine« zahlt er an, den Rest finanziert ihm die Bank. So kommt Färber zu einer eigenen Spedition.
Er zieht nach Oberbayern, 700 Kilometer entfernt, sicher ist sicher; ein Bekannter verschafft ihm eine Wohnung. Die bayerische Idylle erscheint ihm »wie Ausland«.
Färber geht davon aus, dass die Strafe, der er sich durch seine Flucht entzogen hat, nach zehn Jahren verjährt. Aus seinem ersten Leben kennt er den Strafverteidiger Reinhard Georg Birkenstock, der in Köln einen hervorragenden Ruf genießt. Wenn die zehn Jahre rum sind, soll Birkenstock ihm helfen, seine Angelegenheiten zu sortieren.
Färber zahlt Einkommen- und Gewerbesteuer, und wenn er an den Wochenenden seine Frau in Jülich besucht, ist er nie ohne Gurt unterwegs - die Angst vor Entdeckung macht ihn vorsichtig und gesetzestreu. Einmal, in München, überfährt er aus Versehen eine rote Ampel. Im Auto hinter ihm sitzen Zivilpolizisten. Er muss eine Strafe zahlen und bekommt drei Punkte in Flensburg, die ersten auf seinen neuen Namen. Die Polizisten schöpfen keinen Verdacht.
Das Ende kommt am 30. März 2004, gegen acht Uhr abends. Färber ist gerade von der Arbeit heimgekehrt, als es an seiner Wohnungstür klingelt. Durch den Spion sieht er einen Mann mit einer Kladde, offenbar ein Polizist.
Es ist sein früheres Leben, das vor der Tür steht.
Färber beschließt, seine Vergangenheit draußen zu lassen.
Die Polizisten, sechs Beamte, begleitet von einem Diensthund, treten die Tür ein. Sie haben mehrere Haftbefehle dabei und einen Beschluss, seine Identität per DNA-Analyse klären zu lassen. Die Polizisten reden ihn mit seinem alten Namen an, jemand muss ihn verpfiffen haben. Färber ahnt, wer es sein könnte, will aber nicht darüber sprechen. Ein Polizeitransporter bringt ihn in sein altes Leben zurück.
Und jetzt sitzt Färber in der Besuchszelle der JVA Köln und will erklären, dass er tatsächlich ein anderer Mensch geworden ist. Der 41-Jährige steckt in einer Trainingsjacke von Fila, am Hals baumelt eine amerikanische 20-Gold-Dollar-Münze, ein Talisman. Viereinhalb Jahre hat er durchgehalten, ist nicht straffällig geworden, hat kein Kokain angerührt. Sein neues Leben gefällt ihm. Er weiß jetzt, dass er es schaffen kann.
Färber trägt eine goldene Uhr am Handgelenk, die Trainingsjacke lässt ihn schmächtig erscheinen. Färber ist nicht sein richtiger Name, er bittet darum, den Ort nicht zu nennen, wo er mehr als drei Jahre untergetaucht war. Er will die Menschen schützen, die ihm geholfen haben.
Hat er keine Angst, dass ihm im Knast jemand die Uhr abnimmt?
»Sehe ich aus wie jemand, der sich seine Uhr abnehmen lässt?«, fragt er.
HAUKE GOOS