Maître von Arabien Kochunterricht vorm Bombenkrater
Beirut - Obwohl es nur noch drei Minuten bis zum Beginn der Live-Sendung sind, ist Chef Ramzi die Ruhe in Person. Souverän trifft er die letzten Vorbereitungen, rührt Zuckersirup an und pfeift dabei ein Liedchen. Dann wird er noch schnell verkabelt - und schon gehts los. "Liebe Zuschauer, heute machen wir eine Süßigkeit nach einem sehr alten, traditionellen Rezept, die in der ganzen arabischen Welt verbreitet ist und besonders im Fastenmonat Ramadan geschätzt wird: Muschabbak. Wir Libanesen färben diese süßen Teig-Kringelchen zur Hälfte rot und nennen sie dann Muschabbak Beiruti."
Chef Ramzi im Kochstudio: Vergessene arabische Rezepte
Foto: Lutz Jäkel
Schon beginnt der großgewachsene Mann mit dem dünnen schwarzen Haar und dem mächtigen Koch-Bauch in seinen Schüsselchen zu rühren, während der Kameramann heranzoomt und den entstehenden Teig in Großaufnahme zeigt.
Seit zwölf Jahren präsentiert Ramzi Schwairi in seiner täglichen Kochshow im libanesischen Fernsehkanal al-Mustaqbal Rezepte. Über 4000 sind es inzwischen und beileibe nicht nur arabische. Er begann als erster arabischer Fernsehkoch und ist heute der bekannteste Koch in der arabischen Welt überhaupt. Acht Millionen Menschen in der ganzen Welt schauen ihm täglich beim Rühren, Braten und Sieden zu und testen hinterher seine Kreationen. Klappt mal etwas nicht, rufen sie den Meister während der Sendung in seinem Beiruter Studio zwischen einem Nobelhotel und einer Bürgerkriegsruine an und beschweren sich.
Gerade hat der Meisterkoch die ersten Muschabbak-Kringel ins heiße Öl gelegt, da ist schon eine Zuschauerin in der Leitung, eine Araberin aus Stockholm. "Guten Morgen, wie ist das Wetter bei euch da oben?", fragt Chef Ramzi und erklärt der Dame dann, während er weiter Kringel frittiert, wie sie den angebrannten Kartoffeleintopf für ihre Abendgesellschaft noch retten kann.
Der Prinz von Katar schickte seine Töchter
Eine Hausfrau aus der syrischen Hauptstadt Damaskus ruft an und will wissen, welche Marinade der Maître für gegrillte Hühnerspieße empfiehlt. Eine Libanesin aus Hamburg erkundigt sich nach dem besten Rezept für eine französische Pilzpfanne. Chef Ramzi erklärt das Gewünschte ruhig und freundlich. Seine Genialität besteht darin, Hunderte von Rezepten und Küchentricks binnen Sekunden aus dem Gedächtnis abrufen und problemlos vom einen zum nächsten springen zu können.
Die Quantität, unter der die Qualität nicht leidet, ist seine große Stärke. "Besonders gerne zeige ich den Leuten vergessene arabische Rezepte", erklärt er in einer Werbepause, "dann rufen sie an, fragen mehrmals nach, ob das wirklich aus ihrer eigenen Küchentradition stammt, und kochen es begeistert nach. Das ist mein Beitrag, den Ruf der arabischen Küche und der arabischen Kultur zu verbessern."
Ein Beitrag unter vielen. Denn der 35-Jährige, der in London, Paris und Beirut ausgebildet wurde, hat mittlerweile zwei dicke Kochbücher geschrieben, die sich mehrere hunderttausend Mal verkauft haben und in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Ein weiterer Effekt, den die Arbeit an seinen Büchern hatte, ist eher physischer Art: Chef Ramzi hat währenddessen zehn Kilogramm zugenommen. Dabei drängt ihn seine Ehefrau Tanya immer wieder abzunehmen. "Ich will ja, aber ich kann einfach nicht. Es ist alles so lecker", seufzt er. Und schiebt sich rasch noch einen Kringel in den Mund.
Es gibt Wichtigeres als eine schlanke Linie. Zum Beispiel seine eigene Tiefkühlkost-Serie, die er im Nahen Osten und in der Golfregion vermarktet. Oder seine Kafaât-Gastronomieschule, in der er 600 Jugendliche aus armen libanesischen Familien zu Köchen, Kellnern und Konditoren ausbilden lässt und die mittlerweile als die beste ihrer Art im Vorderen Orient gilt. Die jährlich 150 Abgänger schwärmen zum Arbeiten in alle arabischen Länder aus. Sogar der Prinz von Katar schickte seine Töchter zu Chef Ramzi in die Lehre, damit sie "endlich anständig kochen lernen", wie Majestät sich auszudrücken beliebte.
Zu Hause ist die Ehefrau Chef
Als Workaholic lässt sich Chef Ramzi nicht einmal von Bedrohungen aufhalten. Als sein Fernsehstudio Ende 2003 bei einem Raketenanschlag auf ein Nachbargebäude zerstört wurde, stellte er einen Tisch vor die rauchenden Trümmer und erklärte seinen Zuschauern das Geheimnis des besten Eisbechers. Am nächsten Tag war das Bild auf den Titelseiten der libanesischen Zeitungen. "Ich lasse mich nicht so schnell einschüchtern", sagt er, "schließlich wollen die Zuschauer mich jeden Tag sehen."
Zu Hause allerdings muss selbst Chef Ramzi sich unterordnen: Er hat dort strenges Kochverbot. "Meine Frau lässt mich nicht das Geringste machen, sie besteht darauf, dass sie zu Hause der Chef ist, weil sie es nicht mag, wenn ich Küchenkommandos erteile", klagt er, "sogar wenn Besuch kommt, kocht sie allein und heimst das ganze Lob ein. Natürlich verkneife ich es mir, die Gäste darauf hinzuweisen, dass die Rezepte für die Gerichte aus meinen Büchern stammen."