EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Mann beißt Hund
Der Samstag war ruhig in Gainesville, Florida, Heimat einer der ältesten Universitäten des Staates. Der Polizist Al Moore rollte in seinem Streifenwagen durch die Straßen der Stadt, seine Kollegin Tracy Plank in ihrem. Sie sind beide erfahrene Polizisten, seit Jahren im Dienst, und die Arbeit in Gainesville gefällt ihnen. Sie beenden Streitigkeiten häufiger mit Worten als mit Waffen.
Ein Funkspruch der Zentrale unterbrach die Ruhe ihrer Schicht. Eine Frau habe um Hilfe gerufen. Sie werde vom Freund ihrer Tochter bedroht. Es folgte die Adresse. Die beiden Streifenwagen beschleunigten.
Das Haus, vor dem Moore und Plank ihre Wagen zum Stehen brachten, ist ein rohes, einfaches Gebäude, aus großen Hohlsteinen eilig gesetzt, unverputzt und mit Gittern vor den Fenstern. Es steht nicht in einer der guten Ecken von Gainesville.
Moore und Plank stiegen aus ihrem Wagen und näherten sich dem Haus. Noch bevor sie an der Tür waren, hörten sie wütende Schreie, Flüche. Sie klopften, dann: »Aufmachen, Polizei!«
»Haut ab«, schrie jemand von drinnen. Es war die Stimme eines Mannes. Er klang aufgeregt, aggressiv. Dann bellte ein Hund. Es musste ein sehr großer Hund sein.
Im Haus, auf der anderen Seite der Tür, stand Mount L., 21 Jahre jung, schlank, schmal, mit einem Oberlippenbart, dessen Enden zum Kinn wachsen.
L. stemmte die Füße in den Boden, um »Breaker«, einen ausgewachsenen Bullmastiff, davon abzuhalten, durch die Tür zu stürmen. Es war eine dünne, einfache Holztür mit Hohlräumen in der Mitte. Sie wäre kein echtes Hindernis für Breaker, den Zerstörer.
»Machen Sie die Tür auf«, rief ein Polizist von draußen.
Breaker bellte.
L. rührte sich nicht. Auch Julia, L.s Freundin, und ihre Mutter wagten es nicht, die Tür zu öffnen.
Julias Mutter hatte die Polizei um Hilfe gerufen, weil L. mal wieder bei ihnen zu Besuch war und sich mit ihrer Tochter darüber gestritten hatte, wie man Hunde erzieht. Es war kein neuer Streit, er flammte immer wieder auf, wenn Julias Hund »Lady«, ein kleiner Jack Russell, auf den Teppich geschissen hatte und L. sich den Hund griff, um ihn zu disziplinieren.
L. schlug den Hund nicht. Er drückte ihn auch nicht zu Boden. Er biss ihn.
L. tat das nicht, um den Hund zu quälen, nichts lag ihm ferner. Er wollte ihn erziehen, ihm auf angemessene Art deutlich machen, dass es nicht in Ordnung ist, Haufen auf den Teppich der Leute zu setzen, die ihn ernähren. Und was war falsch daran, einen Hund durch einen Biss zu erziehen? Ranghöhere Hunde beißen rangniedrigere Tiere auch.
Und wenn man sich als Mensch dazu durchringt, einen Hund zu beißen, dann muss man es richtig tun - bis es blutet. Wie soll der Hund sonst verstehen, dass er einen schwerwiegenden Fehler begangen hat? Ein zartes Knabbern reicht da nicht.
So erklärte L. den Vorfall, und wenn man in sein Gesicht sieht, es ist ein offenes Gesicht, dann kann man geneigt sein, ihm zu glauben, dass er so denkt.
Es war also keine neue Situation im Haus der Bertrands, aber diesmal eskalierte sie, diesmal blieb es nicht bei Vorwürfen, sondern das Ganze wuchs sich aus zu einem handfesten Streit, der mit dem Anruf bei der Polizei endete.
»Aufmachen, Polizei!«, riefen Moore und Plank zum letzten Mal, dann traten sie die Tür ein. Sie sahen L., der mit beiden Händen eine Leine hielt, an der ein riesiger Hund tobte. Es schien möglich, dass der Mann den Hund auf sie hetzen würde, es schien auch möglich, dass der Hund sich gegen den Willen seines Besitzers losreißt. Dies war keine Situation, die sich mit Worten beenden ließ. Breaker schnappte nach den beiden Polizisten. Moore und Plank zogen ihre Waffen.
L. sah die Waffen und zog sich zurück, Breaker im Schlepp. Moore und Plank folgten in die enge Wohnung, ihre Pistolen auf den Hund gerichtet. L. versuchte, ins Badezimmer zu flüchten, aber der Hund war ihm im Weg. Was dann passierte, ist nicht mehr genau zu sagen, am Ende war Breaker allein im Bad, und L. trug Handschellen. Die Polizisten steckten ihn in ihren Streifenwagen, schlossen die Tür und gingen zurück zum Haus.
Dort sahen sie, endlich, nach Lady, dem kleinen Jack-Russell-Terrier, dem Anlass der ganzen Aufregung. Lady saß verängstigt in einer Kiste und zog sich in eine Ecke zurück, als sich ihr ein Polizist näherte. Sie sah jämmerlich aus und hielt ihre linke Pfote in die Luft. Sie blutete.
Im Moment ist Lady vor L. sicher. Er sitzt in Untersuchungshaft, wegen des Verdachts der Tierquälerei - und fühlt sich zu Unrecht beschuldigt. UWE BUSE