EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Mann gegen Mann
Er rollte sich auf dem Fensterplatz zusammen, stopfte zwei Kissen zwischen Sitz und Flugzeugfenster, zog die dünne Decke über sich und fand, er sei ein Schwächling.
David Brian Ware, 42 Jahre alt, groß, schlank, braun gebrannt nach einem Wochenende in Sydney, brillanter Manager, Reiter, Besitzer einer 600-Flaschen-Wein-Sammlung, schaute auf den glitzernden Pazifik tief unter sich, sah auf seine Frau Bellinda neben sich, schlummernd und im achten Monat schwanger, das Leben ist schön, dachte er, aber jetzt werde ich fertig gemacht.
Die Firma, ich, wir alle. Das haben wir nicht verdient.
Die Belegschaft war loyal, sogar großartig. Eine Reihe von Leuten hatte sich das TeamTalk-Logo sogar tätowieren lassen, auf Rücken, Schulter, Nicky Elliott von der PR-Abteilung sogar auf den Po. Dabei war es doch nur eine Firma, die Ambulanzen und Taxis mit Funkgeräten ausstattete, Sendemasten errichtete und mit Frequenzen handelte, nicht gerade glamourös, aber sie liebten ihre Arbeit. Und der Boss? Das Wenigste wäre, dachte dieser Boss, dass ich mich wie ein tasmanischer Werwolf auf meinen Konkurrenten stürze. De facto aber werden wir Krisenmeetings abhalten und am Ende Rechtsanwälte beauftragen, na toll.
Der Prozess würde ein Jahr dauern. Oder zwei. Tonnen von Schriftsätzen, Gutachten, Verfügungen, Vorladungen. Und Schlagzeilen, wie der große Marktführer TeamTalk den armen, kleinen Konkurrenten MCS Digital vom Markt schubste. Ihm boshaft Frequenzen verweigerte. Welches Recht hatte MCS Digital auf diese Frequenzen? Keines, fand er. Die anderen waren sechs Jahre zu spät ins Geschäft eingestiegen. Jetzt wollten sie einen Teil davon, im Wert von 200 000 Neuseeländischen Dollar oder 100 000 Euro, sie beschimpften ihn als Monopolisten, versuchten es über Gerichte, über das Kartellamt, über öffentlichen Druck. David gegen Goliath. Alle hassen Goliath.
Geschäft ist archaisch. Ist Kampf, Krieg, Phantasie. Der Lunch wurde serviert, er stocherte in seinem Huhn mit Reis, ihm fiel nichts ein. Erst als die Maschine, Air New Zealand 142, auf der Landebahn des Wellington International Airport aufsetzte - erst da hatte David Ware, Chef der Mobilfunkfirma TeamTalk, die rettende Idee.
Er erzählte sofort seiner Frau von dieser Idee, noch im Taxi, als sie vom Flughafen Richtung Downtown fuhren, Bellinda hörte genau zu, und als sie im Mount-Victoria-Tunnel waren, erklärte sie, das sei die schwachsinnigste Sache, von der sie je gehört hätte. »Du meinst wohl, es ist etwas zu gewagt?«, fragte er.
»Nein«, sagte sie, »ich meine, es ist etwas zu idiotisch.«
Er kam pünktlich ins Head Office, zum Krisenmeeting mit den Abteilungsleitern, er hatte gute Laune, als Einziger. Er präsentierte seine Idee, bat um erste, spontane Meinungen.
Hirnrissig. Das waren die spontanen Meinungen. Aber jetzt zeigte Ware, was er kann; er redete, leuchtete, entfachte Begeisterung. »Leute, wir sind gut«, schloss er, »weil wir unkonventionell sind!«
Am nächsten Morgen überbrachte ein eilig engagierter, mittelalterlich kostümierter Schauspieler dem Manager Allan Cosford im Büro von MCS Digital in Auckland eine Herausforderung zum Armdrücken - im Namen von Mr. David Brian Ware. Gewönne Mr. Cosford, bekäme MCS die Frequenzen und ein Entree in den Markt. Gewönne Mr. Ware, würde sich MCS zurückziehen und auf rechtliche Schritte verzichten. Am Ende schleuderte der Mann einen Fehdehandschuh auf den Teppichboden. Er machte das mehrmals, damit auch alle Pressefotografen zum Schuss kamen. Es waren viele Fotografen. Nicky Elliott, die PR-Frau mit dem tief sitzenden Tatoo, versteht etwas von ihrem Job.
Das »Boxing Central« liegt in Newmarket, im Industriegebiet von Auckland. Im Boxring stand diesmal ein Tisch, dazu zwei Stühle. Es war Freitag, 7. März, 18.30 Uhr.
Zwei Männer beim Armdrücken geben ein statisches Bild ab, in Wahrheit wird der Körper extrem gefordert. Allein 24 Muskeln in Hand und Unterarm müssen Schwerstarbeit leisten, dazu Bizeps, Trizeps, Brachialis, Pectoralis, Deltoideus - etwa 120 Muskeln in Arm und Schultergürtel, außerdem Bauchmuskeln und Atemhilfsmuskeln. Die Kontrahenten dieses Abend waren durchschnittlich fit, also: völlig überfordert.
Die erste Runde dauerte drei Minuten. David Ware gewann. Er sprang auf, riss die Arme hoch, jubelte. Sein Kontrahent blieb sitzen, schob den Unterkiefer vor.
Zweite Runde. Sie dauerte etwa 40 Sekunden. Ware drückte, presste, knirschte, dachte an die 200 000 Dollar, die Augen tränten, der Arm tat weh, so weh, sein Magen war voller Batteriesäure, er verlor.
Die dritte Runde dauerte nur wenige Sekunde. »Allan packte mich«, sagt Ware, »drückte, peng, das war's, schrecklich, aber genau weiß ich's nicht mehr.«
Zwei zu eins. Jubel bei MCS Digital. Jaulen bei TeamTalk. David Ware brauchte fünf Tage, bis er seinen rechten Arm wieder bewegen konnte. Aber er hielt Wort.
»Es war ein fairer Kampf«, sagt er, »wir haben Anwaltskosten gespart, und sollten mich meine Kinder je auf mehr Taschengeld ansprechen, kann ich sagen, hey, wisst ihr, wie ich mal viel Geld verloren habe?« RALF HOPPE