Marie-Bäumer- Interview: Vision statt Strip und Straps - DER SPIEGEL
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Marie-Bäumer- Interview Vision statt Strip und Straps

Als neue Romy Schneider hatte man sie gepriesen, nachdem sie mit "Männerpension" auf der Kinoleinwand aufgetaucht war. Zuletzt aber war es still um die Schauspielerin Marie Bäumer. Mit SPIEGEL ONLINE sprach die Wahl-Hamburgerin über ihre Kindheit als Squaw, über den traurigen Zustand des deutschen Films und über Indianerfüße.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Frau Bäumer, Western sind Ihr Lieblingsgenre, jetzt sind Sie folgerichtig in der "Winnetou"-Parodie "Der Schuh des Manitu" zu sehen; während andere Mädchen mit Puppen gespielt haben, war die kleine Marie wohl auf Kriegspfad?

Bäumer: So ungefähr ist das in der Tat gewesen. Wir hatten zwar während meiner Kindheit keinen Fernseher, trotzdem bin ich aber seit damals fasziniert von den Indianern.

SPIEGEL ONLINE: Von Winnetou und Co.?

Bäumer: Nein, überhaupt nicht, ich habe nie Karl May gelesen. Die Affinität zu den Indianern habe ich von meiner Mutter. Wir hatten damals die Zeitschrift "Geo" abonniert, und meine Mutter hat mich immer auf die Geschichten über Indianer aufmerksam gemacht. Vor allem deren Füße hatten es ihr angetan.

SPIEGEL ONLINE: Die Füße?

Bäumer: Ja, Mutter mochte einfach Indianerfüße besonders gern und beschäftigt sich heute auch mit Fußreflexzonen-Massage. Das muss einfach seinen Ursprung in ihrer Leidenschaft für Indianer haben.

SPIEGEL ONLINE: In den Klatschspalten von "Bunte" oder "Bild" ist Ihr Name nicht zu finden. Stört Sie das?

Bäumer: Als ich meine erste Pressetour absolvieren musste, damals für "Männerpension", war ich sehr naiv, was Öffentlichkeitsarbeit betrifft. Eigentlich war ich noch immer eine kleine Studentin, die mit ihrem Köfferchen in die große, weite Filmwelt aufgebrochen war. Alles war neu und überzogen. Ich musste feststellen, dass ich mir die Cola aus der Mini-Bar eigentlich kaum leisten konnte, und ich wusste auch nicht, welches Kleid ich auf einem Filmfest zu tragen hatte.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie mit den Erwartungen an einen Shootingstar am Filmhimmel umgegangen, immerhin hat man in Ihnen damals die neue Romy Schneider gesehen?

Bäumer: Ich habe akzeptiert, dass Presse und Öffentlichkeitsarbeit zum Filmemachen einfach dazu gehören. Das ist die eine Ebene; die zweite besteht aus tausenderlei Einladungen zu diesem und jenem, hier ein wenig modeln, dort ein bisschen Strip und Straps. Das hat mich nicht interessiert.

SPIEGEL ONLINE: Legen Sie Ihrer Karriere mit dieser konsequenten Verweigerungshaltung nicht Steine in den Weg?

Bäumer: Nein, gerade bei uns in Deutschland gibt es genügend Theaterregisseure, die der Werbung gegenüber sehr, sehr kritisch eingestellt sind. Im Übrigen rede ich ja liebend gerne über meine Arbeit, bin aber auch todunglücklich, wenn das dann nicht gefragt ist. Ich verweigere mich auch nicht immer; manchmal gebe ich mir einen Ruck und präsentiere mich dann eben doch auf der Berlinale. Wenn man sich ein wenig rar macht, regt das die Phantasie der Produzenten umso mehr an.

SPIEGEL ONLINE: Wie verhält es sich mit dieser Phantasie, wenn es daran geht, anspruchsvolle Stoffe umzusetzen?

Bäumer: Eigentlich bin ich immer mit hochgezogener Fahne herumgelaufen und habe verkündet, dass alles gar nicht so schlimm ist, weil es in Deutschland genügend Geld gibt und auch ambitionierte Produzenten. Aber dieses Jahr hatte ich noch drei weitere Kino-Projekte, die aber jetzt alle abgesagt werden mussten, weil die Produzenten ausgestiegen sind. Mittlerweile bin ich also doch eher kläglich gestimmt, was meine Entscheidungen aber umso radikaler macht.

SPIEGEL ONLINE: Prüfen Sie nun also einen Stoff dreimal, bevor Sie zusagen?

Bäumer: Ja, bei all der Beliebigkeit und den Massen von Menschen, die sich heute als Schauspieler definieren, ist es einfach notwendig sich abzugrenzen. Immer wieder mal rufen mich 20-jährige Frauen an und wollen wissen, wie man möglichst schnell berühmt und ein Star wird. Wenn ich dann frage: 'Was ist Deine Vision?', dann scheint es mir, dass ich für diese Frauen in einer fremden Sprache spreche, sie verstehen mich einfach nicht. Da könnte man schnell in eine Endzeitstimmung verfallen.

SPIEGEL ONLINE: Das hört sich nach Resignation an...

Bäumer: Nein, aber ein Kollege wie Götz George wird öffentlich hingerichtet, weil er es gewagt hat, in einer Talkshow mal auf den Putz zu hauen und zu sagen, wie banal alles geworden ist. Dann möchte ich aufstehen und sagen: "Hallo, wacht endlich auf, wir haben einen Beruf, und wir müssen einer Vision folgen". Die größte Aufgabe für einen Schauspieler muss doch sein, alleine auf der Bühne zu stehen und glaubhaft eine Geschichte zu erzählen; nichts anderes macht das Kino. Zu einem Regisseur wie Lars von Trier würde ich auf allen Vieren kriechen, auch wenn ich dann nur die Dritte von links hinten spielen dürfte. Meine Wurzeln und meine Liebe zum Kino liegen nun mal beim europäischen Film, bei den Franzosen, den Polen, bei Wajda oder Kieslowski.

SPIEGEL ONLINE: Zurzeit drehen Sie mit Stars wie Gérard Depardieu, John Malkovich und Isabella Rosselini den TV-Vierteiler "Napoleon". Ist das Lampenfieber bei solchen Namen größer als sonst?

Bäumer: Ich bin sehr gut aufgenommen worden, und wenn man miterlebt, dass Depardieu und Malkovich am Set wie zwei Teenager herumblödeln und zotige Witze reißen, dann relativiert sich die eigene Nervosität sehr schnell. Übrigens, einen so entspannten, uneitlen Star wie die Rosselini habe ich noch nie erlebt.

SPIEGEL ONLINE: Ist nach dieser europäischen Großproduktion Hollywood Ihr nächstes Karriereziel?

Bäumer: Nein. Meine Ambitionen bezüglich Hollywood und dem amerikanischen Mainstream-Kino liegen knapp über der Null-Grenze. In den USA könnte ich wohl auch kaum überleben. Als ich mit Roger Willemsen kürzlich in L.A. war, bestätigte sich meine Ahnung, dass diese Stadt unglaublich beliebig ist. Ob L.A. nun existiert oder nicht, das geht mir quer vorbei. Wie man dort allein schon lebt! Warum um Himmels Willen braucht einer 2600 Quadratmeter Wohnfläche und dreizehn Schlafzimmer? Ich bin schon mit meiner Vierzimmer-Wohnung überfordert.

SPIEGEL ONLINE: Realitätsverlust lässt sich aber nicht nur bei US-Stars beobachten, den zeigen auch deutsche Stars bisweilen.

Bäumer: Ist wahrscheinlich auch gar kein Wunder, wenn man sieht, wo auch unsereins überall hingekarrt wird, wenn man sieht, in welchen Nobelhotels wir wohnen. Mit meinem Alltag allerdings hat das überhaupt nichts mehr zu tun. Als Kind habe ich mit meinen Eltern nicht ein einziges Mal in einem Hotel Urlaub gemacht. Und wissen Sie was? Das war auch gut so!

Das Interview führte Andreas Kötter