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MODE Marke ohne Kopf

Nach nur fünf Monaten endet die Firmenehe zwischen Jil Sander und der italienischen Edel-Marke Prada - die Hamburgerin wirft entnervt die Brocken hin.
Von Joachim Kronsbein
• aus DER SPIEGEL 5/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Jahrzehntelang war sie Deutschlands Goldmarie der Mode: Ungemein ehrgeizig, konsequent und kreativ baute sich die Hamburger Blondine ein kleines, aber feines Imperium mit zuletzt weltweit 450 Beschäftigten und 214 Millionen Mark Jahresumsatz auf.

Doch dann führte gerade der Erfolg direkt in die Krise. Jil Sanders überschaubare Firma war mit ihrer hochwertigen, teuren Qualitätsmode so groß geworden, dass sie immer weiter expandieren musste, um weltweit mitzuspielen im Fusionspoker der Global Players. Ein Partner musste her.

Ihre Wahl war logisch und leuchtete allen Experten ein. Im vergangenen August überließ Sander, 56, für angeblich 275 Millionen Mark 75 Prozent der Stamm- und 15 Prozent der Vorzugsaktien ihres Unternehmens dem Mailänder Konkurrenten Prada. Sander sollte Chefdesignerin und Vorstandsvorsitzende der AG bleiben.

Doch nun, nach einem heißen Herbst der Auseinandersetzungen mit den Italienern, kam die Trennung. Sander verlässt im nächsten Monat ihr eigenes Unternehmen. Dabei hätte - in der Theorie - der Fusions-Deal eine Traumehe sein können.

Wie die Hamburgerin entwirft auch Miuccia Prada, 49, der kreative Kopf der Mailänder Firma, klare, minimalistische Garderobe für die Begüterten.

Und das straff organisierte Haus Prada, so der Masterplan, könnte das von Sander vernachlässigte, aber lukrative Geschäft mit Accessoires wie Taschen, Schuhen, Schals oder Sonnenbrillen kräftig ausbauen. Gemeinsam könne man produzieren, gemeinsam profitieren.

Doch in der Rechnung der Buchhalter fehlte der menschliche Faktor. Heidemarie Jiline Sander, die ihre Modekarriere 1968 in einer kleinen Hamburger Boutique begonnen und für das Start-Kapital ihren VW-Käfer verkauft hatte, war immer Alleinherrscherin gewesen.

Nun musste sie plötzlich die Macht mit einem Macho aus Mailand teilen, mit Patrizio Bertelli, Miuccia Pradas Ehemann und Chef des Modekonzerns.

Bertelli, 53, Familienmensch, Hochseesegler und geschäftlich eher Raubein als Gentleman, und die feinfühlige Modequeen aus der norddeutschen Tiefebene verstrickten sich in Abneigung. Im Stil zu unterschiedlich und in der Sache zu ähnlich, lautet die Konflikt-Diagnose von Branchenkennern.

Die schüchterne, pressescheue Sander und der bullige Bertelli kämpften um die Vorherrschaft im deutschen Prada-Ableger. Der Italiener schickte Aufräumkommandos mit alerten Managern aus Mailand, die die Kostenstruktur der Firma gnadenlos auf Effektivität trimmen sollten.

Auch die Arbeitsweise der Chefin soll dem neuen Herrn im Hause partout nicht gefallen haben. Zu viele Stücke seien zu aufwendig aus zu teuren Materialien probeweise geschneidert worden, ohne dass die Mehrzahl der Modelle je den Weg in die sündhaft teuer ausgestatteten Sander-Showrooms gefunden hätten.

Zum Schluss, so drang es aus der edlen Sander-Villa am Harvestehuder Weg, der Hamburger Millionärsmeile, habe es lautstarken Streit gegeben. Die Trennung war nur noch eine Frage der Zeit und des Stolzes.

Für Modemacher Wolfgang Joop, der seine Firma selbst vor Jahren verkaufte, ist Sanders Trennungsbeschluss eine »konsequente Entscheidung«. In der Welt der Kollegin »existieren keine Männer«, da sei die Zusammenarbeit zwischen der »etepetistischen« Designerin und dem italienischen Kraftmeier Bertelli von vornherein schwierig gewesen.

Die Zukunft der Marke Sander ohne Sander erscheint nicht nur Modeexperten ungewiss. An der Börse fiel nach der Trennungsnachricht der Kurs der Sander-Aktie nach einem kleinen Zwischenhoch von 230 Euro auf inzwischen 216 Euro. »Für die Marke gehört der Kopf dazu«, begründete eine Frankfurter Analystin ihre Skepsis.

Und auch an der Verkaufsbasis herrscht Zweifel, ob ein neuer Designer von Pradas Gnaden die eingeschworene Sander-Klientel bei der Kleider-Stange halten kann. Linda Dresner, die seit zwölf Jahren Sander-Mode in ihrer New Yorker Boutique an der vornehmen Park Avenue verkauft, will die Marke »fürs Erste« in den Regalen lassen. Bis jetzt sei die Mode aus Hamburg das »bedeutendste Label« für ihren Laden gewesen.

Auf eines werden Sander-Fans allerdings wohl erst mal verzichten müssen: auf die unnachahmlich verquasten anglo-germanischen Kommentare der Meisterin über ihre neuesten Kreationen.

Ihre Karriere beschrieb die Minimalistin, die in New York wegen ihrer japanisch anmutenden Schlichtheit als »German sushi« verulkt wird, einmal so: »Für den Erfolg war mein coordinated concept entscheidend, die Idee, dass man viele Teile einer collection miteinander combinen kann. Aber die audience hat das alles von Anfang an auch supported.«

So lange, bis Signore Bertelli über die Schwelle schritt. Da war es mit dem support vorbei. Und coordinated ist im Hause Sander im Moment gar nichts mehr. Die audience ist verstimmt. JOACHIM KRONSBEIN

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