Massensterben: Killer-Hitze tötete 10.000 Menschen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Massensterben Killer-Hitze tötete 10.000 Menschen

Empörung in Frankreich: In Kliniken fehlt Personal, hunderte von Leichen lagern in notdürftigen Kühlzelten. Der Hitzesommer hat schwere Mängel im französischen Gesundheitswesen offenbart. Nun musste die Regierung auch noch einräumen, dass die Hitze nahezu doppelt so viele Menschen umgebracht hat wie bisher angenommen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Paris - Die Empörung war groß: Viele alte Menschen, die wegen der Hitze kollabiert waren, konnten in den Krankenhäusern des Landes nicht angemessen behandelt werden. Nun korrigierte die Regierung in Paris die Zahlen nach oben. Hubert Falco, Staatssekretär für Senioren im Pariser Sozialministerium, sagte, die Behörden gingen jetzt von etwa 10.000 Hitzetoten aus. Bisher sprach die Regierung von maximal 5000 Opfern. Staatspräsident Jacques Chirac kündigte in einer Rundfunk- und Fernsehansprache Verbesserungen im Gesundheitswesen an.

Er habe eine umfassende Untersuchung der Krise angeordnet, sagte der Präsident in seiner ersten Stellungnahme zu der Hitzewelle. Er sprach davon, dass die außergewöhnliche Hitze "sehr vielen" Menschen das Leben gekostet habe. Es werde alles getan, um die im Gesundheitssystem festgestellten Mängel zu beheben. Viele kranke und ältere Menschen seien einsam in ihren Wohnungen gestorben. Ähnliche Dramen müssten in Zukunft vermieden werden, sagte Chirac kurz nach seiner Rückkehr von einem dreiwöchigen Kanada-Urlaub.

Das größte französische Bestattungsunternehmen OGF hatte bereits am Mittwoch erklärt, den hohen Temperaturen seien vermutlich mehr als 10.000 Menschen zum Opfer gefallen. Staatssekretär Falco nannte diese Zahl "äußerst wahrscheinlich", konkrete Statistiken lägen jedoch noch nicht vor.

Volle Leichenhallen

Weil die Leichenhallen und Kühlhäuser der Krankenhäuser voll sind, stehen die Behörden seit Wochen vor dem Problem, wie sie die vielen Leichen lagern sollen, bevor sie beerdigt werden. Die Behörden haben riesige Kühlzelte aufgestellt, in denen mehrere Hundert Leichname in Reih und Glied auf Feldbetten zwischengelagert werden.

Die Regierung war in den vergangenen Tagen wiederholt beschuldigt worden, sie habe auf die Krise zu spät reagiert und dann zu wenig getan. Kritik gab es besonders am Personalmangel in Krankenhäusern und Altenheimen. Chirac ging nicht auf diese Vorwürfe ein, sagte jedoch: "Heute ist es an der Zeit für Besinnung, Solidarität und zum Handeln."

Der frühere Bildungsminister Jack Lang von der Sozialistischen Partei kritisierte im Interview von "Le Parisien", dass die Regierung viel zu lange geschwiegen habe. Sie sei einfach nicht präsent gewesen, als die Bevölkerung im ganzen Land unter der Hitzewelle gelitten habe, und dies werde ihr sehr übel genommen.

Bei einer Umfrage der Zeitung vertraten 51 Prozent von 1000 Befragten die Ansicht, die Regierung habe nicht angemessen auf die Krise reagiert.

Viele Opfer auch in Südeuropa

Auch in etlichen südeuropäischen Ländern fielen viele Menschen der Hitze zum Opfer. In Portugal starben nach Angaben der Gesundheitsbehörden vom Donnerstag während der heißen Periode vom 27. Juli bis zum 12. August 1316 Menschen mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. In Italien sind Presseberichten zufolge seit Juli etwa 500 Alte und Kranke an den Folgen der Hitze gestorben. Die Regierung in Spanien geht weiterhin nur von etwa 100 Opfern aus. Nach den Statistiken der Kommunen und der Bestattungsunternehmen in Spanien gab es allerdings auch dort während der Hitzewelle Hunderte oder Tausende von Todesfällen mehr als im Vorjahreszeitraum.

Bei dieser Zahl sind nur die Opfer berücksichtigt, die durch direkte Hitzeeinwirkung - zum Beispiel durch einen Hitzschlag - ums Leben gekommen waren. Das größte französische Bestattungsunternehmen PFG hatte schon vor einigen Tagen geschätzt, dass in den ersten drei heißen Augustwochen 10.400 Menschen im Land mehr gestorben seien als im gleichen Zeitraum der Vorjahre.

Im Jahr 1991 hatte es in Portugal schon einmal 1300 Hitzetote gegeben, 1981 waren es gar 1900 gewesen. Während der diesjährigen Hitzewelle hatte die Temperatur im Dorf Ameraleja in der Region Alentejo mit 47,3 Grad den höchsten Wert erreicht, der jemals in Portugal gemessen wurde. Die Hauptstadt Lissabon verzeichnete mit 41,7 Grad ebenfalls einen Hitzerekord.

Deutsche Senioren waren während der extremen Hitzephase nicht so stark gefährdet wie ältere Menschen in Frankreich. Diese Ansicht vertritt der Geriater Werner Vogel. Dies liege daran, dass "wir ein gut funktionierendes, flächendeckendes Versorgungsnetz haben". Frankreich dagegen sei für ein Flächenland zu zentralistisch organisiert.

Mindestens 500 Tote in den Niederlanden

Allerdings vielen auch im benachbarten Holland in den vergangenen drei Monaten schätzungsweise 500 bis 1000 Menschen der Hitze zum Opfer, wie das niederländische Statistikbüro mitteilte. Jedes Grad über normalen Sommertemperaturen habe pro Woche vermutlich 25 kranken und schwachen Menschen das Leben gekostet, hieß es. In den im Sommer eher kühlen Niederlanden stiegen die Temperaturen seit Juni zeitweise auf 38 Grad.