Mehr als 170 Tote Inferno im Seilbahn-Tunnel
Wien - "Der gesamte Zug ist praktisch zerschmolzen", berichtete ein Helfer vom Ort des Grauens. Vergeblich versuchten Feuerwehrleute mit Atemschutzgeräten die Menschen aus dem giftigen Qualm zu holen, der durch den engen Tunnel bis in die Bergstation zog und selbst dort noch drei Menschen den Tod brachte.
Ob unter den Toten Deutsche sind, war nach Angaben des Auswärtigen Amtes in Berlin noch immer unklar. Mehrere Beamte reisten zum Unglücksort im Salzburger Land, um bei der Identifizierung zu helfen. Nach Darstellung der Rettungskräfte kann es noch mehrere Tage dauern, bis alle Toten identifiziert sind. Die Leichen könnten wegen der noch immer großen Hitze nur schwer geortet werden. Möglicherweise seien gentechnische Untersuchungen zur Identifizierung notwendig.
Die Ursache des bislang schwersten Seilbahn-Unglücks in Europa blieb bis zum Abend ungeklärt. Fest steht bisher nur, dass der Schwelbrand kurz nach 9 Uhr und etwa 600 Meter nach der Einfahrt in den 3,2 Kilometer langen Bahn-Tunnel ausbrach. Er breitete sich mit rasender Geschwindigkeit aus. Die mit 180 Menschen voll besetzte Bahn wurde zur Todesfalle.
Überlebende stehen unter Schock
Nach offiziellen Angaben haben nur 15 Personen das Unglück überlebt. Eine Sprecherin der Gemeinde Kaprun erklärte am Abend, bei den Überlebenden handele es sich vorwiegend um Deutsche. Nach Informationen der österreichische Nachrichtenagentur APA sind insgesamt 18 Verletzte ins Krankenhaus von Zell am See gebracht worden, darunter 14 Deutsche. Die Patienten seien zwischen zwölf und 63 Jahre alt und hätten Schocks, Quetschungen und Rauchgasvergiftungen erlitten.
Nach Darstellung der Überlebenden hatte "ein sehr kräftiger Mann mit einem Skistock" ein Fenster eingeschlagen, durch das einige Skifahrer fliehen konnten. Mehrere von ihnen seien jedoch nicht nach unten in die rettende Frischluft, sondern weiter in den Tunnel hinein nach oben gerannt.
Die Standseilbahn hatte die Passagiere zu dem Snowboard-Fest zur Saisoneröffnung auf den Gletscher bringen sollen. Das 3203 Meter hohe Kitzsteinhorn liegt etwa hundert Kilometer südwestlich von Salzburg. Der Gletscher auf dem Gipfel ist ein beliebtes Skigebiet. Die 1974 eröffnete Gletscherbahn führt von Thörl im Kapruner Tal bis zum Alpincenter Kaprun, dem Startpunkt der Pisten.
Helfer ohne Chance
Kurz nach Ausbruch des Brandes lösten die Behörden Großalarm aus. Die Zufahrt zu dem Alpengipfel wurde großräumig abgesperrt. Unzählige Rettungswagen eilten aus allen Richtungen herbei, über Tausend Helfer waren im Einsatz. Auch die deutsche Bundeswehr und der Bundesgrenzschutz schickten mehrere Hubschrauber. Zusätzlich entsandte die Bundeswehr drei Ärzteteams des Bundeswehr-Krankenhauses Ulm. Von einem Notärzte-Kongress in Salzburg kamen 20 Ärzte an den Unglücksort.
Doch die Helfer konnten nichts mehr ausrichten. Die Menschen sterben in solchen Fällen meist durch das Einatmen von Kohlenmonoxid, erläuterte der Frankfurter Feuerwehrdirektors Reinhard Ries. Bei der Katastrophe habe es zudem mehrere unglückliche Umstände gegeben. Wegen der starken Neigung des Tunnels seien die Flammen von unten mit Luft versorgt worden: "Das funktioniert wie ein Schornstein." Der Seilbahn-Tunnel sei außerdem - anders als viele Straßentunnel - sehr schmal und dadurch die Flucht- und Rettungsmöglichkeiten eingeschränkt. "Das ist einer der furchtbarsten Einsätze der Feuerwehr." Von den Toten bleibe nicht viel übrig.
Letzte Überprüfung 1997
Für besorgte Angehörige wurden in Österreich und Deutschland mehrere Telefonnummern geschaltet. In Deutschland standen die Telefone der zentralen Auskunfts- und Vermisstenstelle beim Münchner Flughafen (089/97620) nicht mehr still. Am Unglücksort selbst waren zahlreiche Psychologen eingesetzt, um die Angehörigen der Unfallopfer zu betreuen.
Die österreichische Regierung ordnete eine zweitägige Staatstrauer im ganzen Land an. Alle öffentlichen Gebäude werden Trauerbeflaggung tragen. "Österreich hat hier Trauer zu tragen und wir tun dies", sagte Bundeskanzler Wolfgang Schüssel am Abend in Wien. Sein deutscher Amtskollege Gerhard Schröder (SPD) und Bundespräsident Johannes Rau sprachen den Angehörigen ihr Mitgefühl aus. Auch Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) und Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) kondolierten.
Die Kitzsteinhorn-Bahn ist nach Auskunft der Einsatzleitung in Kaprun zuletzt im Juni 1997 technisch überprüft worden. Das Gesetz schreibe eine Überprüfung alle fünf Jahre vor. Die Betreiber hätten versichert, dass die Anlage erst vor kurzem gewartet worden sei, sagte Landeshauptmann Schausberger. Der Maschinenbau-Ingenieur Klaus Eisenkolb, der die Unglücksbahn wiederholt untersucht hatte, meinte, dass ein gerissenes Zugseil die Katastrophe ausgelöst haben könnte. Das fünf Zentimeter dicke Stahlseil wäre nach dem Riss talwärts gestürzt und hätte große Hitze entwickeln können.
Nach der Katastrophe waren noch etwa 2500 Skifahrer auf dem Gletscher, die mit einer Achter-Sesselbahn ins Tal gebracht wurden. Danach sollten alle Lifte auf dem Kitzsteinhorn in den österreichischen Alpen gesperrt werden.