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Der Berliner Szene-Autor Krischan Schoeninger, 33, über Sinn und Zweck erotischer Nachtlesungen
• aus DER SPIEGEL 41/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Sie bieten in einem Lokal Nachtlesungen erotischer und obszöner Literatur. Erschöpft sich das Thema nicht irgendwann?

Schoeninger: Immer wieder gute erotische Geschichten zu finden ist nicht leicht. Vieles ist vergriffen, passables Neues kommt nicht allzu viel hinzu. Aber Erotik ist seit mehr als 2000 Jahren ein Thema der Literatur. Wer gezielt sucht, stößt immer wieder auf ein verstaubtes Goldstück.

SPIEGEL: Was wird dem Publikum geboten?

Schoeninger: Keine Gebrauchsanweisungen für den Stellungswechsel, sondern gute Literatur in allen Härtegraden - von Henry Miller bis Nabokovs »Lolita«. Schließlich kommen Besucher aus allen Altersschichten und Milieus.

SPIEGEL: Hebt der Vortrag die Stimmung der Gäste?

Schoeninger: Sicher. Bei uns geht es nicht so bedächtig zu wie bei den meisten Buchhandlungslesungen. Die Stimmung schwankt zwischen Amüsiertheit und stockendem Atem, wenn es wirklich hart zur Sache geht.

SPIEGEL: Bewegt sich beim Zuhörer mehr, wenn er lauscht statt zu lesen?

Schoeninger: Das laute Lesen erotischer Literatur birgt Spannung. Als Privatmann schäme ich mich, durch einen Raum zu brüllen: »Ihr wollt also ficken!« Wenn ich vorlese, steht für mich die literarische Bedeutung des Satzes im Vordergrund, ich tue also so, als sei dieser Ausruf das Normalste auf der Welt. Das verfehlt seine Wirkung nie.

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