MH370: Flugzeuge sollten Ortungssysteme erhalten - DER SPIEGEL
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Vermisster Flug MH370 Die doppelte Katastrophe

Wochenlang mussten die Hinterbliebenen der Passagiere von Flug MH370 warten. Und auch jetzt können sie immer noch nicht an der Absturz der Boeing 777 glauben, weil es nur Indizien dafür gibt. Die Lehre daraus lautet: Neue Ortungssysteme für Flugzeuge müssen zur Pflicht werden.
Trauernde Angehörige: Offenbarungseid für die Luftfahrt
Trauernde Angehörige: Offenbarungseid für die Luftfahrt

Trauernde Angehörige: Offenbarungseid für die Luftfahrt

Foto: Rolex Dela Pena/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wer kann sich schon vorstellen, was die Angehörigen der 239 Passagiere von Flug MH370 in den vergangenen 17 Tagen durchlebt haben? Niemand. Außer die Hinterbliebenen der 228 Toten von Air-France-Flug 447.

Sie wissen genau, was diese Ungewissheit bedeutet, wenn Tochter oder Sohn, Frau oder Enkelkinder an Bord eines Flugzeugs waren, das einfach verschwunden ist. Weg, nichts mehr da. Außer ein paar letzter Funksprüche und einem Wort auf der Anzeigetafel am Flughafen: "Delayed". Tage mussten sie warten, bis Trümmerteile gefunden wurden, Jahre auf die Unfallursache.

Fünf Jahre liegen zwischen diesen Ereignissen. Und wieder konnte man den Angehörigen nichts Genaues sagen über das Schicksal ihrer vermissten Lieben - tage-, und in diesem Fall sogar wochenlang.

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Verschollene Boeing: Die Wut der Angehörigen

Foto: GOH CHAI HIN/ AFP

Noch gibt es keine Hinweise darauf, warum die Boeing 777 der Malaysia Airlines im Indischen Ozean abgestürzt ist. Aber eine Lehre sollte die Luftfahrt aus diesem Unglück schon jetzt ziehen: Flugzeuge müssen mit einer Technik ausgestattet sein, die eine Ortung jederzeit möglich macht. Dass man in Passagiermaschinen im Internet surfen und telefonieren kann, dass Flugzeuge aber dennoch einfach verschwinden können - das muss aufhören.

Für die Angehörigen der Passagiere des Flugs MH370 dürfte es wie der reinste Zynismus klingen, was der malaysische Premierminister am Montagabend erklärt hat: Die Ingenieure des Kommunikationssatelliten von Inmarsat hätten sich noch einmal hingesetzt und die letzten Signale der Maschine analysiert. Nach neuesten, noch nie angewendeten Methoden hätten sie errechnet, dass die Boeing im Indischen Ozean unterwegs war - auf halbem Weg in die Antarktis, fern jeder Landebahn, ergo abgestürzt.

Die Verzweifelten können es nicht glauben: Die Todesnachricht wird ihnen überbracht in Form einer Computerkalkulation. Das ist bitter und es ist für die Luftfahrt ein Offenbarungseid.

Schon seit Jahren steht Technik bereit, mit der Flugzeuge am Himmel permanent verfolgt und geortet werden können: Die Daten des Flugschreibers lassen sich über die Satellitenverbindung zum Boden übertragen. Das ist die wohl aufwendigste Lösung. Airlines scheuen die Kosten, Piloten klagen, ihre Persönlichkeitsrechte würden dadurch verletzt.

Doch selbst wenn man diese Argumente teilt, so könnte man andere Geräte installieren: Sie senden in einer Notlage ein SOS-Signal samt Position an die Flugsicherung. Eine andere Methode greift beim Aufprall auf das Wasser: So lässt sich mit einer speziellen Vorrichtung eine Kapsel mit einem Sender aus dem Rumpf absprengen. Die schwimmt auf der Wasseroberfläche und funkt ein Signal, um das Wrack schneller lokalisieren zu können (Lesen Sie mehr dazu in der Titelgeschichte des aktuellen SPIEGEL: "Ein ganz normaler Flug").

Diese Techniken kosten Geld, und die Airlines haben sie immer abgelehnt, weil sie in keinem Verhältnis stünden zur Seltenheit solcher Ereignisse. Dabei wird auch andere Sicherheitstechnik für extrem rare Unfallsituationen an Bord vorgehalten, allem voran Schwimmwesten. Die befinden sich unter jedem Sitz. Dabei lachen Piloten untereinander nur darüber, dass Stewardessen vor jedem Flug über offenes Wasser den Passagieren das Anlegen der Westen erklären. Denn sie wissen, dass eine Notwasserung sehr selten ist und in der Regel im Desaster endet.

Der Einbau neuer Ortungstechnik kostet viele tausend Euro. Aber nach zwei verschwundenen Flugzeugen innerhalb von fünf Jahren lassen sich diese Sicherheitssysteme mit einer Kosten-Nutzen-Analyse nicht weiter ablehnen. Technik muss ins Flugzeug, damit es schnell gefunden wird und damit die Ursache für den Unfall ermittelt werden kann.

Die Fürsorge für die Passagiere und deren Angehörige gebietet es, alle technischen Möglichkeiten auszuschöpfen, damit sich nicht wieder eine solche Katastrophe nach der Katastrophe abspielt: Angehörige, die sich falsche Hoffnungen machen, ihre Lieben könnten doch noch am Leben sein.

Es ist nicht damit zu rechnen, dass einzelne Fluggesellschaften mit dem Einbau beginnen. Dafür ist der Konkurrenzkampf unter den Airlines zu hart. Deshalb ist es die Aufgabe der internationalen Aufsichtsbehörden wie etwa der Internationalen Zivilluftfahrt-Organisation der Uno, entsprechende Standards festzulegen. Dann müssen alle Airlines die Investition gleichermaßen tätigen.

Für die Hinterbliebenen sind Lehren das Einzige, was ihnen nach einem Flugzeugabsturz als Trost übrig bleibt. Denn möglicherweise wird man das Rätsel um Flug MH370 nie lösen können.

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