Michael-Jackson-Anklage: "Substanziell sexuell" - DER SPIEGEL
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Michael-Jackson-Anklage "Substanziell sexuell"

Die offizielle Anklageerhebung gegen Michael Jackson verlief ganz wie erwartet: als jüngster Akt einer tragikomischen Soap Opera, bei der alle Beteiligten nach dem besten Kamerawinkel schielen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?



New York - Die sehr korpulente Dame ist sich ihrer momentanen Bedeutung bewusst. Mit ernstem Schritt wogt sie über den Gang, walkürenhaft und doch irgendwie nonchalant, fast wie in Zeitlupe, und sie tut dabei so, als sehe sie die Kamera nicht, die sie live verfolgt. Sie trägt eine babyblaue Strickbluse über einem babyblauen Shirt, sie hat eine frische Dauerwelle, und ihre grell rot lackierten Fingernägel umklammern das derzeit wohl explosivste Dokument im Showbusiness: die Anklageschrift gegen Michael Jackson.

Als sei's ein Knöllchen wegen Falschparkens, überreicht die korpulente Dame die Akte einer Kollegin. Die wiederum sitzt an einem Schalter hinter einer Plexiglasscheibe und gibt sich ebenso lapidar. Klack, klack, klack: Blatt für Blatt versieht sie mit dem Eingangsstempel des Obersten Gerichts von Santa Barbara, leise vor sich hin plappernd. Ihr Haar ist rot getönt und ihre Brille blau, und an ihren Fingern stecken Modeklunker. Die Golden Girls spielen Justitia.

So gnadenlos profan begann es gestern Nachmittag also, das jüngste und bisher wichtigste Kapitel in der Reality-Justizshow um die alternde Pop-Ikone Michael Jackson, 45. Als sie mit dem Stempeln fertig ist, steht die Frau auf und bringt die Akte in einen anderen Raum. Eine Weile sieht man sie noch im Hintergrund stehen, sie plaudert mit dem Sheriff. So was tun sie hier jeden Tag.

Verführung per Alkohol und Drogen

Doch der Inhalt der Akte ist alles andere als alltäglich. Aktenzeichen 03-12-098996: "Staat von Kalifornien gegen Michael Joe Jackson, Anklage wegen Kapitalverbrechen", registriert von Wonda Strand, stellvertretende Gerichtsschreiberin. Das ist die Dame mit den Modeklunkern.

Somit ist es verbrieft: Der einst größte Popstar aller Zeiten ist angeklagt wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern. Staatsanwalt Tom Sneddon, der Jackson vor einem Monat in einer Aufsehen erregenden Aktion festgenommen und gegen drei Millionen Dollar Kaution wieder freigelassen hat, meint es wirklich ernst. Wonda Strand und ihre Kollegin waren die offiziellen Vorbotinnen des dramatischsten Promi-Prozesses hier seit dem Verfahren gegen O.J. Simpson.

Auf nur drei Seiten listet die Schrift neun einzelne Anklagepunkte gegen Jackson auf. Sieben wegen "unzüchtiger Akte gegen ein Kind" unter 14 Jahren (in der Anklage mit dem Pseudonym "John Doe" benannt, ein und derselbe Junge also, was frühere Berichte bestätigt). Zwei wegen "Kindesmisshandlung" durch "Verabreichung einer berauschenden Substanz", sprich: Alkohol oder Drogen. Besagte Unzucht wird später noch einmal erläutert: "substanzielles sexuelles Verhalten".

Im Prinzip nichts Neues also. Doch jetzt ist es amtlich, aktenkundig und vorerst nicht mehr aufzuhalten. Deshalb auch die mit Erlaubnis der Staatsanwaltschaft live auf allen TV-Sendern übertragene Stempelzeremonie mit den zwei Damen. Schwarz auf weiß gewinnen die Vorwürfe einen ganz neuen Charakter. Sie sind nicht mehr nur Vorwürfe. Sie sind eine Anklage. Tom Sneddon weiß, was wirkt.

"Sehr bezaubernd, sehr süß"

Es ist eine Anklage, deren Reiz im Detail liegt. Geschwärzt ist Jacksons Geburtsdatum, als solle dem Angeklagten ein letzter Rest falscher Eitelkeit bewahrt werden. (Jackson wurde, wie allgemein bekannt, am 29. August 1958 geboren.) Geschwärzt sind auch die Felder für "Geschlecht" und "Rasse", wie zur Bestätigung seiner bizarren Mutation vom Black Kid zum androgynen Wesen ungewisser Hautfarbe. Als einzige verbliebene Merkmale sind Jacksons Größe (1,80 Meter), sein Gewicht (magere 54,4 Kilogramm), seine Haarfarbe (schwarz) und seine Augenfarbe (braun) vermerkt.

Am interessantesten jedoch ist der Zeitraum, in den die Anklage die mutmaßlichen Taten einordnet: 7. Februar 2003 bis 10. März 2003.

Denn der 7. Februar 2003 war kein beliebiger Tag. Es war der Tag nach der US-Ausstrahlung der umstrittenen TV-Dokumentation "Living with Michael Jackson" des britischen Journalisten Martin Bashir. In dieser Dokumentation war auch der heute 14-jährige Junge zu sehen, der jetzt in der Klageschrift als "John Doe" auftaucht. Er hielt mit Jackson Händchen und lehnte den Kopf an seine Schulter. Jackson berichtete, er verbringe oft die Nacht mit Kindern: "Es ist nicht sexuell. Es ist sehr bezaubernd, sehr süß."

Dass der Kindersex nun ausgerechnet an diesem Tag begonnen haben sollen, hält Jacksons Anwalt Mark Geragos für keinen Zufall. "Das ist doch lächerlich", sagte er gestern Abend, Larry Kings CNN-Talkshow als Bühne der Verteidigung nutzend. "Lächerlich!"

Sexuellen Missbrauch abgestritten

Das Datum hat noch eine andere Bedeutung. Eine Woche später, am 14. Februar, klingelte die Hotline des Department of Children and Family Services (DCFS) von Los Angeles. Am anderen Ende, so ein späteres DCFS-Memo, das vor kurzem publik wurde: ein Mitarbeiter des Schulbezirks, der "Vernachlässigung" zweier Brüder durch ihre Mutter und "sexuellen Missbrauch durch einen Entertainer" melden wollte. Bei dem älteren, krebskranken Bruder handelte es sich um den Jungen aus dem Bashir-Film, bei dem Entertainer um Jackson.

Die Ermittlungen des DCFS und des L.A. Police Departments verliefen damals jedoch im Sande: Der Junge habe "jede Form sexuellen Missbrauchs abgestritten" und beteuert, nie "im selben Bett wie der Entertainer geschlafen" zu haben. Die Kinderschützer legten die Vorwürfe als "nicht fundiert" zu den Akten.

Das Memo, das kurz nach der Festnahme an die Website smokinggun.com lanciert wurde, widerspricht den Aussagen, die der Junge später bei der Staatsanwaltschaft machte. "Das zeigt, dass Michael total unschuldig ist", sagt Bruder Jermaine Jackson.

Staatsanwalt Sneddon zuckt da nur mit den Schultern: "Kein signifikanter Faktor", sagt er. Zu seinen Gunsten spricht, dass er die Zeitspanne der Vorwürfe bis zum 10. März ausdehnt: Da war die DCFS-Untersuchung seit zwei Wochen abgeschlossen und dessen entlastendes Statement nicht mehr relevant.

Schadensbegrenzung aus Hollywood

All das wird sich erst beim eigentlichen Prozess klären können. Der dürfte nach Einschätzung des Justizexperten Jeffrey Toobin "nicht vor Ende 2004" beginnen. Schon hat das Gericht die Verlesung der Anklage vom 9. auf den 16. Januar verschoben, um Jackson Gelegenheit zu geben, Konzertverpflichtungen zu erfüllen.

Da bleibt viel Zeit für alle Beteiligten, den Plot dieser Seifenoper durch ihre öffentlichen Auftritte weiter voranzutreiben. Staatsanwalt Sneddon zum Beispiel, der sich nach Überreichen der Anklage auf den Parkplatz des Courthouses in Santa Maria stellt und den über hundert Reportern abermals zeigt, dass sie ihn hier nicht ohne Grund "Mad Dog" nennen: Er brüllt und bellt, bis er heiser ist, sein Mund zu einer angeekelten Grimasse verzogen, die Augen geblendet von Sonne und Scheinwerferlicht.

Der Fall, kündet Sneddon melodramatisch, enthalte "spezielle Vorwürfe", die garantierten, dass Jackson nicht mit Bewährung davonkommen werde, und die die potenzielle Haftzeit erheblich erhöhten - auf mindestens 24 Jahre. Zum Effekt sagt Sneddon aber nicht einfach nur Haftzeit, sondern: "die Länge der Zeit, die er eingekerkert verbringen könnte".

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Hollywood pur. Journalisten, die darüber hinaus Fragen an Sneddon haben, müssen sich leider direkt an eine PR-Agentur wenden - in Hollywood. Tellem Worldwide, ab sofort für alle Begehren an die Staatsanwaltschaft zuständig, ist jedoch eine ausgesprochen ironische Wahl: Eine Spezialabteilung der Firma beschäftigt sich mit "Prominenten in der Krise"; Tellem-Präsidentin Susan Tellem sieht es dabei als ihre Aufgabe, "den Schaden zu begrenzen".

Keiner wird davonkommen

Aber auch die andere Seite lässt sich nicht lumpen. Längst wurde die Familie des krebskranken Jungen offen diskreditiert. Von einem bitteren Unterhaltsverfahren der getrennt lebenden Eltern ist da die Rede, von Ladendiebstahl und hohen Geldsummen. Keiner wird hier ungeschoren davon kommen.

Und Michael Jacksons eigene Kinder? Die würden sie notfalls adoptieren, lassen Jacksons Eltern Katherine und Joe wissen.