Michael-Jackson-Prozess Flucht in der Pinkelpause
Santa Maria - Zum Schluss nutzt der Angeklagte eine Pinkelpause zur Flucht. "Mr. Jackson wünscht sich kurz zu entschuldigen", sagt Anwalt Mark Geragos. Der Richter nickt, Michael Jackson steht auf und verlässt den Saal. Als er nach einigen Minuten aber nicht mehr zurückkommt, dämmert es dem Vorsitzenden Richter Rodney Melville, dass er gelinkt worden ist. "Ich nehme an, dass Mr. Jackson auf die Toilette musste", wütet er, außer sich. "Ich muss auch... So was mag ich nicht." Spitz weist er Geragos an, seinen prominenten Klienten künftig zu ermahnen, "auf seine Flüssigkeitsaufnahme zu achten". Dann vertagt er die Verhandlung auf Februar.
Mit dieser bizarren Episode endet, so bizarr wie er begonnen hat, der erste Tag im neuen "Jahrhundertprozess", wie Anwalt Geragos es sensationstrunken formuliert. Ein Superstar als Angeklagter, der sich wenig um die Benimmregeln der Justiz schert. Ein Verteidiger als Superstar, dessen Maßanzug mehr kostet als ein Monatsgehalt des Richters. Ein Staatsanwalt, der den knittrigen Cowboy gibt. Ein Saalpublikum aus Mega-Prominenten, Millionären und pickligen Teenie-Fans. Anders gesagt, so Geragos: "Der größte Zoo."
Janet Jackson ballt die Fäuste
So spaßig findet das Richter Melville aber nicht. Das macht er vor allem einem Beteiligten gleich klar. "Mr. Jackson, sie haben mit mir auf dem falschen Fuß begonnen", bellt er den Angeklagten an, nachdem der sich - ganz Diva, mit Sonnenbrille auf dem weiß geschminkten Maskengesicht - fast 20 Minuten zu spät in den Verhandlungssaal 102 des Bezirksgericht im kalifornischen Santa Maria bemüht. "Dies ist eine Beleidigung des Gerichts. Sie müssen hier pünktlich sein. Verstehen Sie das, Sir?"
Michael Jackson war mit großem Gefolge angerauscht - ein Gefolge unsanft gealterter Pop-Legenden. Als Vorhut nehmen Vater Joe und Mutter Katherine in der zweiten Reihe Platz. Danach seine Brüder Tito und Jermaine. Schwester LaToya, die Überkandidelte, fehlt.
Schwester Janet, der letzte wahre Weltstar dieser Familie, kommt hinterher. Ebenfalls hinter einer übergroßen Sonnenbrille versteckt, im weißen Kamelhaarmantel mit hohem Kragen, sieht sie aus wie eine Stummfilm-Göttin. Still schiebt sie sich in die fünfte Reihe. Ihr perfektes Kindergesicht steht in krassem Gegensatz zu ihren Händen, die sehnig sind und sich bei der Verlesung der Anklage zu blutleeren Fäusten ballen.
Gewisperte Unschuldsbeteuerung
Die 60 kindlichen Fans beben. Sie haben ihre Sitzplätze per Los ergattert. Als "Jacko" den Saal betritt, können sie sich Beifall nicht verkneifen. Obwohl sie eine barsche Gerichtspolizistin zuvor noch gewarnt hat: "Wer sich nicht benimmt, fliegt raus." Zu diesem Benimm gehört nach Auskunft eines Schilds auch "kein Essen, Kauen oder Trinken".
Jackson hat sich heraus geputzt. Er trägt einen schwarzblauen Blazer mit Goldwappen und weißer Armbinde. Sein Haar glänzt matt. Im Neonlicht schimmern seine Wangenknochen und die Nasenprothese durch die Schminke.
Starr und aufrecht in seinem Stuhl hört Jackson zu, wie der Richter die Vorwürfe zusammenfasst: Sieben Anklagepunkte wegen eines "unzüchtigen Aktes gegen ein Kind", zwei Anklagepunkte wegen "Verabreichen einer berauschenden Substanz an ein Kind". "Verstehen Sie die Natur der Vorwürfe gegen Sie?", fragt Melville. "Ja", wispert Jackson mit hoher Stimme. "Und wie bekennen Sie sich?" Jacksons Antwort, kaum hörbar: "Nicht schuldig." Der Prozess hat begonnen.
"Karawane der Liebe"
Auch die Reporter im Saal verrenken sich, um einen Blick auf Jackson erhaschen zu können. Die Crème de la crème der Kriminaljournaille ist dabei. In Sitz C1 rutscht Marcia Clark hin und her, einst Chefanklägerin gegen Ex-Footballer O.J. Simpson, heute Kommentatorin für die TV-Boulevardsendung "Entertainment Tonight". Hinter ihr, Sitzplatz D2, hat Jeffrey Toobin Platz genommen, Edelfeder des "New Yorker" und CNN-Justizkorrespondent, auch ein Ex-Staatsanwalt.
Clark und Toobin schwelgen leise in Erinnerungen. Sie kennen sich vom Simpson-Prozess, dem früheren Jahrhundertprozess, über den beide ihre eigenen Bestseller geschrieben haben. Clark: "Dies wird schlimmer als O.J.." Toobin: "Glaubst du?" Clark: "Warte nur ab. Dies ist ja erst die Anklageverlesung. Das wird noch irre."
Irre ist es schon jetzt, besonders draußen. Hunderte Jackson-Fans sind aufmarschiert, haben sich, von einem Bataillon Polizisten zurück gehalten, hinter den Gittern postiert wie bei einer Oscar-Verleihung, nur der rote Teppich fehlt. Mit Bussen waren sie in der Nacht aufgebrochen, von Los Angeles, Las Vegas, aus dem San Fernando Valley - eine "Karawane der Liebe", so die Organisatoren.
Ironie, drinnen wie draußen
Sie sei "eine Botschafterin von Christus", sagt die Schwarze Kaya Gibson, 48, aus Kansas City. Nachdem sie bei einem Autounfall gelähmt gewesen sei, habe ihr Michael Jackson mit seiner "reinherzigen" Musik wieder das Laufen gelehrt. "Das Schlimme an dieser Welt", empört sich Gibson, auf ihren Stock gestützt, "ist, dass sie gegen das Gute ist."
Straßenhändler bieten T-Shirts feil ("Lasst ihn in Ruhe"), zehn Dollar das Stück. Anwohner brutzeln Frühstücks-Burger auf Holzkohlegrills. Helikopter kreisen. Ein gutes Dutzend Bodyguards der umstrittenen radikalen Schwarzengruppe Nation of Islam, die sich als Jacksons Leibgarde verpflichtet hat, bauen sich drohend auf. Sie tragen feine Kaschmir-Mäntel in Modefarben und gucken böse.
Dass der bleiche Jackson ausgerechnet von der Nation of Islam beschützt wird, ist nur eine der vielen Ironien dieses Tages. Eine andere findet sich auf dem Flur vor dem Prozesssaal. Hier stellt das Gericht Kinderbilder aus, Malereien aus der Arellanes-Grundschule. Ein Schüler namens Jonathan Martinez hat Bäume, Häuser und ein US-Sternenbanner gemalt und schreibt dazu: "Gerechtigkeit heißt, dass jeder frei sein kann, aber auch dem Recht gehorchen muss."
"Der beste Anwalt, den es gibt"
Im Saal hat unterdessen die Rangelei um dieses Recht begonnen. Richter Melville beschert der Verteidigung gleich eine doppelte Niederlage: Er schmettert einen Antrag auf Offenlegung der Haft- und Durchsuchungsbefehle gegen Jackson ab und verhängt allen Beteiligten auf Wunsch der Anklage einen Maulkorb. Doch auch den plump stotternden Staatsanwalt Tom Sneddon kanzelt Melville mehrfach ab - und macht so deutlich, dass er keine Geduld hat mit den PR-Scharaden der Herren. Vergeblich macht Sneddon auf cool: Jedes Mal, wenn er aufsteht, legt er die Hände an die Hüfte wie ein Sheriff, woraufhin sein Billig-Sakko nach oben rutscht und einen Blick auf das verknautschte Hemd frei gibt.
Die Szene stiehlt jedoch Ben Brafman, Jacksons neuer Co-Verteidiger. Brafman wurde kurzfristig auf Vermittlung des einstigen O.-J.-Simpson-Anwalts Johnnie Cochran angeheuert. Der New Yorker Strafjurist ist eine - fast unbezahlbare - Legende; er vertrat Mafioso-Killer Sammy Gravano (erfolglos) und Rapper Sean Combs alias P. Diddy (erfolgreich). "Der beste Anwalt, den es gibt", wispert Jeffrey Toobin. Er selbst habe einmal erlebt, wie Brafman drei Drogendealer freigeboxt habe, "und die waren schuldiger als schuldig".
"Im Dienst von Liebe und Gemeinsamkeit"
Nach exakt zwei Stunden ist dieser erste Tag im Gericht auch schon wieder vorbei. Doch der dramatischste, groteskeste Moment kommt erst. Als Jackson unter einem schwarzen Sonnenschirm zu seiner Autokolonne stolziert, drehen die Fans durch. Hysterisch quetschen sie sich gegen die Sperrgitter, schreien, brüllen, heulen, keuchen, röcheln. Plötzlich springt Jackson aufs Dach seines schwarzen Jeeps, winkt huldvoll, lacht, tänzelt ein bisschen herum und klatscht in die Hände, als habe er gerade ein erfolgreiches Konzert absolviert. "We love Michael!", skandiert die Menge ekstatisch. Im Gerangel geraten ein paar Kids beinahe unter die Räder.
Anschließend lädt Jackson, auf drei Millionen Dollar Kaution frei, die Fans zu einer Freiluft-Party auf seine Ranch ein, eine halbe Autostunde entfernt, "im Geiste von Liebe und Gemeinsamkeit". Die Fahrzeugkolonne staut sich mehrere Kilometer. Derweil hat Richter Melville schon den nächsten Anhörungstermin anberaumt: Freitag, der 13. Februar.