LITERATEN Mit Sartre im Stundenhotel
Manche Mädchenträume werden sogar wahr. Das junge Ding, das Anfang der fünfziger Jahre in einem Pariser Kloster fast die gesamten Ferien über in einem Intensivkurs den Abiturstoff noch einmal büffeln musste, weil es durch die Abschlussklausuren gerasselt war, hatte sich geschworen, die »Stadt zu erobern und mich dort im strahlenden Glanz des Ruhms zu sonnen«.
Die unbarmherzige Sonne der Berühmtheit schien bald tatsächlich auf die Kleine mit dem Strubbelkopf. Das Mädchen hatte in eine Kladde die Geschichte von Cécile gekritzelt, einem Mädchen, das ein Internat absolviert hat und nun mit seinem Vater Urlaub macht. Der verwitwete Papa hat eine junge Geliebte im Schlepptau, was der Erholung nicht schadet. Doch plötzlich taucht eine ältere Dame auf, in die sich Monsieur ernsthaft verliebt. Töchterchen Cécile drangsaliert die Frau derartig, dass diese sich mit dem Auto in einen Abgrund stürzt.
Diese anrührende Erzählung wird 1954 verlegt, avanciert zum (auch verfilmten) Welterfolg, der Titel - »Bonjour Tristesse« - bleibt bis heute ein geflügeltes Wort, und die Feuilletons feiern die damals 19-jährige Hobbyautorin als literarisches Fräuleinwunder made in France.
Inzwischen ist Françoise Sagan 64, und um die einstige Mademoiselle Melancholie ist es literarisch ruhig geworden. Knapp zwei Dutzend Romane hat sie verfasst, und einige ("Lieben Sie Brahms?") schafften es noch einmal auf die Bestsellerlisten - Zeit für »Mein Blick zurück«. So nennt die Sagan ihre originellen Memoiren*.
Nie, so bekennt sie, habe sie ihre Bücher wieder gelesen. Für die Erinnerungen griff sie nun beherzt in den Bücherschrank: chronologische Autoren-Archäologie in eigener Sache. So wird die Zeitreise eine Art monologische Lesereise, und außer pointierten Inhaltsangaben ihrer Werke erfährt der Leser, was Madame zur Zeit der Niederschrift des jeweiligen Buches noch so zugestoßen ist.
Bisweilen jedoch leidet die Autorin, die als »Stilistin der Einsamkeit« in die Literatur- und als Autonärrin und Kokain-Freundin in die Klatschgeschichte eingegangen ist, unter befremdlichen Schüben von Diskretion. Ihre Drogen- und Alkoholexzesse handelt sie mit der Dezenz einer Betschwester ab, und auch die zwei Ehemänner und zahlreichen Liebhaber beleben nur als verschwommene Schattenrisse die Memoiren.
Aber auch so bietet das Buch manch amüsantes Histörchen. Den Denker und Dichter Jean-Paul Sartre etwa traf die Sagan gelegentlich auf der Treppe eines Pariser Stundenhotels, wo sich die beiden mit jeweiligen erotischen Mitbringseln »ent-
spannten«. Auf der Stiege grüßten sich die Schriftsteller wortlos, aber »würdevoll«.
Komisch wurde die Sache erst, als bei einem zufälligen gemeinsamen Diner Sartres Gefährtin Simone de Beauvoir ihren Jean-Paul als Streber lobte: »Stellen Sie sich vor, Sartre arbeitet jeden Tag bei seiner Mutter, er gönnt sich nicht mal einen Tag Pause, um sich zu entspannen.« Die Sagan, die den Verspannten kurz zuvor noch in dem Stundenhotel gesehen hatte, musste sich vor Lachen unter den Tisch flüchten.
Auch ihre, platonische, Beziehung zu dem Tänzer Jacques Chazot barg erotische Verwerfungen. Als einige der ersten Prominenten brachten die beiden in den sechziger Jahren das damals unbedeutende südfranzösische Fischerdorf Saint-Tropez in Mode. Sie wohnten gemeinsam in einem Hotel-Appartement, hatten aber je ein großes Bett und ein freizügiges Arrangement: Bis zum Abendessen durfte jeder »mit seinen Eroberungen herumlungern«, ab »zehn Uhr abends waren wir zwei brave Internatszöglinge«. Chazot und Sagan hatten praktischerweise eines gemeinsam: Sie liebten beide Männer.
Lotterleben und Leichtsinn, das sind die Attribute der Sagan geblieben, dabei hat sie auch Zeiten tiefster Dunkelheit durchgemacht. Drei Jahre lang, schreibt sie, habe sie die Depression Anfang der achtziger Jahre »in den Klauen« gehalten. Und sie, der einstige Dauergast in Nachtclubs und auf Promi-Partys, schlich nur noch »wie ein Schatten durch die Straßen und Kliniken«.
Ein bisschen Trost brachte ihr die Freundschaft zu Präsident Mitterrand. Françoise und François - das ist eine Freundschaft mit einer seltsamen »Gemeinsamkeit: die Treulosigkeit, die bis zur Treue geht«.
Leser, die sich von diesem Paradox überfordert fühlen, können sich mit rein hausfraulichen Ratschlägen der Autorin schadlos halten. Eines Tages, kurz vor einer Kabinettssitzung, schaute Monsieur le Président bei der Dichterin vorbei. Sagans Hund wedelte ein Rotweinglas vom Tisch, die Krawatte des Staatsoberhauptes wurde durchtränkt, und die praktische Françoise legte das gute Stück Mitterrands kurzerhand in »Weißwein ein«. Der Binder entfärbte sich und Mitterrand präsidierte den Ministern bald darauf wieder »makellos«.
Die Autorin bietet noch andere Ratschläge zur Lebensführung. Betagteren Konsumenten ihrer Memoiren wird das optimistische Lebensresümee der Sagan gefallen: »Man kann in jedem Alter noch einmal lernen zu leben.« Françoise, sag an! JOACHIM KRONSBEIN
* Françoise Sagan: »Mein Blick zurück«. Aus dem Französischenvon Claudia Feldmann. Ullstein Verlag, München; 208 Seiten; 36Mark.