Mitten im Westerwald Expedition zum Nabel Europas
Johann Schmidt ist sich nicht ganz sicher und seine Frau Maria anderer Meinung: "Ne", sagt sie, "das war nicht der von der Kölner Zeitung. Das war der Mann von der Frankfurter Allgemeinen!"
"Wie auch immer", antwortet Schmidt gutmütig, "der hat mich jedenfalls vor meiner Windmühle fotografiert. Und hier hat er gesessen."
Jetzt sitze ich da, wo gestern der Kollege der "FAZ" saß, kurz nach dem vom "Express" - oder war es doch der "Kölner Stadtanzeiger"?
Egal, die vom Radio waren auch da, viele davon, aber die machen ja keine Fotos. Und alle, alle kommen sie am Garten der Schmidts vorbei, weil sie direkt hinter dem Ortseingang beim Bürgerhaus parken, das bietet sich ja an. Hundert Meter weiter sitzen Maria und Johann Schmidt auf ihrer Gartenbank und grüßen freundlich. Selbst der Hund ("Hier wache ich!") hat sich mittlerweile an die Stampede der Fremden gewöhnt und schlägt nur kurz an. "Der tut nix", versichert Schmidt. Nur die Hand soll ich ihm lieber doch nicht hinstrecken: "Das mag er nicht".
Das Herz Europas: Alles ganz normal
Das alles ist nicht ungewöhnlich, denn seit Freitag letzter Woche sind sie alle ein kleines bisschen berühmt, die Einwohner von Kleinmaischeid. Das liegt nicht nur im Westerwald, sondern auch ganz nah an diesen magischen Koordinaten: 7 Grad 35 Minuten 50 Sekunden östlicher Länge und 50 Grad 31 Minuten 31 Sekunden nördlicher Breite. Als Wegbeschreibung reicht das Normalsterblichen aber kaum. Wo also liegt Kleinmaischeid?
Der Weg nach Kleinmaischeid
"In der Nähe von" ist ein ziemlich dehnbarer Begriff. Auf der Karte liegt Kleinmaischeid zwischen Neuwied und Koblenz, natürlich in der Nähe von Großmaischeid, aber auch Dierdorf ist nah, was gut ist, weil die Kinder es dann nicht so weit zur Schule haben. Beschildert ist der Ort gut, wenn man aus Richtung Süden anfährt und schlecht, wenn man von Norden kommt. Ich komme von Norden und wende südlich des Dorfes. Ab da funktioniert die Sache.
Der Wald steht dicht und hell und strahlt in jungem Grün, Anrainer schlagen Holz für den nächsten Winter, ein Forstarbeiter hängt Staniolstreifen in die Bäume, damit die Rehe nicht vor die Autos laufen. Ein, zwei, drei Einheimische kennen den Weg, und jeder kennt ihn anders. "Ganz einfach" sei es, nach Kleinmaischeid zu kommen, "einfach aus dem Ort raus in den Wald und dann links". Ah ja.
Der Wald öffnet sich dem sanften Hügelland des Westerwalds, Rapsfelder leuchten im Sonnenschein. Dann ein altes Ortschild, das wohl bald ausgewechselt wird: Noch fehlt darauf ja der Hinweis "Geografischer Mittelpunkt der Europäischen Union".
Die Welt sieht auf Kleinmaischeid
"Wir waren ja in Nizza", erzählt Egbert Daubländer, gemütlich zurückgelehnt am Tresen der Wirtschaft "Zum Isertal". "Da kauf ich mir am Flughafen ne 'Bild'-Zeitung, und was seh' ich? Kleinmaischeid, auf der Titelseite, direkt neben der Weltpolitik!" Alle lachen herzlich. Ein anderer Gast erzählt, er sei in Turin angerufen worden und hätte es erst kaum glauben wollen. Die Stimmung steigt.
Überhaupt wird viel gelacht in Kleinmaischeid, über die Sache an sich, über sich selbst, über die neugierigen Medienleute, die alle die gleichen Fragen stellen und alle dasselbe schreiben. Zum Teil schmeichelt das, zum Teil stößt es übel auf. "Kaff", sagt Werner Kern erregt, "hat dieser Mensch vom 'Focus' geschrieben. Das ist nicht höflich!"
Ist es nicht. Und nicht nur dieser Münchner, auch der von der Regionalzeitung wollte witzig sein. Schrieb, dass wenn Kleinmaischeid der Mittelpunkt der EU wäre, Großmaischeid wohl längst die Mitte der Vereinten Nationen sei. Kindisch finden das alle in der Kneipe und haben ja auch Recht: Dass es nun Kleinmaischeid getroffen hat, ist ja reines Glück. Was also sollen diese blöden Retourkutschen?
Die Mitte ist die Mitte ist die Mitte, und wenn da noch so viele Professoren kommen und das anfechten und behaupten, die läge in Siegen. "Blödsinn!", wissen alle.
Der Egbert Daubländer, gerade frisch mit Ehefrau Margit aus dem Urlaub heimgekehrt und kein Ortansässiger, sagt: "Ich bin extra deswegen hergekommen!"
"Unsinn!", lacht da Hannelore Schulz, die Wirtin, "der kommt immer!"
"Hören Sie dem gar nicht zu", meint auch Werner Kern, "der ist ein Randeuropäer!"
Klar, denn Daubländers kommen aus Großmaischeid.
Jetzt wird's politisch: Der Presserummel wirkt wie ein Crashkurs, macht die Kleinmaischeider zu Medienprofis. Manche wittern das Geschäft, andere die Politiker, die auf den fahrenden Zug aufspringen wollen. Weiter geht's, mitten ins Herz der EU...
Das Herz Europas ist ein freundlicher Ort
Seit fünf Jahren pendelt Anja Schäfer jeden Morgen die 60 Kilometer aus Limburg und abends zurück. Der Imbissstand an der Tankstelle, natürlich der "letzte vor der Autobahn", ist ihrer. Kunden kommen und gehen, und viele haben nur einen Vornamen, aber Zeit für ein Schwätzchen. Zum Kaffee oder zur Wurst, was Anja Schäfer auf eine Idee bringt: "Eigentlich", sagt sie, und ihre Augen funkeln, "müsste ich jetzt ja eine Europawurst anbieten!"
Auf den Straßen sind nur wenige Menschen zu sehen, aber jeder von ihnen weiß, warum die Fremden da sind, wer sie sind: Presseleute. "Das ist was für die Medien", sagt Werner Kern, der die Sache gern skeptisch klein redet, obwohl es ihm in Wahrheit Spaß macht. "Morgen ist das vergessen. Aber jetzt stürzt ihr euch darauf."
Die örtlichen Gewerbe bieten Arbeit, aber nicht genug. Also wachsen Kinder heran, die sich als Jugendliche einen Roller kaufen und damit das Weggehen üben. Als junge Erwachsene bleiben manche, viele ziehen fort, andere kommen irgendwann zurück.
Die Jugendlichen schaffen es mit 50 Kubik bis Diersdorf zur Eisdiele, Ältere mit Führerschein nehmen sie dann mit auf abendliche Streifzüge zwischen Asbach und Koblenz. "Hier ist ja nichts los", sagen Sara-Carina und Alessandra, weil sie noch nicht wissen, dass das in der Stadt eigentlich nicht anders ist.
Trittbrettfahrer: Kohl wäre okay, aber Beck?
Der Bürgermeister, ja, der hat seine Pläne: Eine Europafeier will er am Samstag aus dem Boden stampfen. Die Ortsschilder mit einem Vermerk versehen. "Dabei", grantelt der Werner Kern, "gibt es nur zwei Politiker, die daran einen Verdienst haben: De Gaulle und Adenauer! Und es gibt auch nur einen einzigen europäischen Ehrenbürger, und wer das ist, wisst Ihr ja wohl!"
"Der Kanzler", sagt Egbert Daubländer, und Werner Kern nickt. "Der Mann von Oggersheim."
Dass da vielleicht sogar noch der Kurt Beck antanzen könnte, um die ganze Sache politisch auszuschlachten, fehle ja wohl noch und dürfe nicht angehen. "Rheinland-Pfalz lag schon immer im Herzen Europas", hatte der Ministerpräsident in einem Interview gesagt, "jetzt ist das auch mathematisch bewiesen". Bald schon wolle er die berühmte Gemeinde besuchen.
"Lassen Sie mal", beschwichtigt die Wirtin Hannelore Schulz da, "bei uns bleibt es ruhig". Da nicken auch Daubländers und Herr Kern. Ja, es bleibt ruhig. Selbst wenn der Beck kommt.
Die wahre Mitte: Es bleibt, wie's ist
"Wissen Sie eigentlich, wo der Mittelpunkt ganz genau sein soll?", will ich wissen.
Das weiß der Werner Kern, denn zufällig war er sein Leben lang beim Katasteramt. Die alten Kollegen wussten am Freitag schon um 7.28 Uhr Bescheid und hatten den genauen Punkt ausgemacht: "Ich habe den Wagen da. Ich kann Sie da hinfahren!"
So geht es wieder in den Wald, Buchen und Lärchen, frisches Grün im schwindenden Abendlicht, die wenigen Tannen gewinnen dunkel an Gewicht. Vorbei an der Dorf-Grillhütte mit dem kleinen Kinderspielplatz, über Schotterwege, rechts, wieder links. "Da hinten", sagt Kern, "ist jetzt der Wegknick, sehen Sie?"
Er deutet auf die Fotokopie einer Karte, auf der der magische Punkt, der Kleinmaischeid über Nacht berühmt machte, eingezeichnet ist. Steigt aus und zeigt die Bäume, die er dem Fotografen vom "Express" gezeigt hat: "Ist ziemlich genau da, aber da drüben sieht es besser aus, da hat man die dunklen Nadelbäume nicht."
Auch da hat er Recht, und wir orientieren uns ein wenig rechts, die untergehende Sonne im Rücken. "Ob Sie jetzt diesen Baum da als Mittelpunkt Europas fotografieren oder den da, ist ja auch völlig egal. Baum bleibt Baum."
Genau.