Mitterrand: Vom Liebesnest in den Elysée-Palast - DER SPIEGEL
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Mitterrand Vom Liebesnest in den Elysée-Palast

Einen Großteil seiner 14-jährigen Amtszeit soll der französische Staatschef Mitterrand weder im Elysée-Palast noch bei seiner Frau verbracht haben - sondern bei der Familie seiner Maitresse. Das behauptet niemand anderes als Mitterrands uneheliche Tochter.
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Paris - Zu Lebzeiten wirkte der französische Präsident Mitterrand oft so kalt und unnahbar, dass ihm Beobachter den Beinamen "Die Sphinx" verliehen. Dass François Mitterrand alles andere als ein kaltherziger Mensch war, enthüllt Mazarine Pingeot, Mitterrands uneheliche Tochter, in ihrem jetzt erschienenen Buch "Bouche Cousue" ("Versiegelte Lippen"), aus dem das Magazin "Le Nouvel Observateur" vorab Auszüge veröffentlichte.

Mehr als zehn Jahre lang waren Mazarine Pingeot und ihre Mutter Anne eines der wohl am besten gehüteten Geheimnisse Frankreichs. Weil niemand von ihrer Existenz wissen durfte, schirmte Mitterrand sein anderes, verbotenes Leben von der Öffentlichkeit vollständig ab. Auch wenn sich der Präsident der Außenwelt meist ganz staatsmännisch kühl präsentiert habe, sei er seiner verborgenen Familie ein liebevoller Vater gewesen, berichtet Pingeot. So oft wie möglich habe ihr Vater sie und ihre Mutter Anne besucht, statt seine freie Zeit mit seiner Frau Danielle und seinen beiden Söhnen zu verbringen. Abends habe er ihr immer Gutenacht-Geschichten erzählt, erinnert sich die heute 30-jährige Pingeot. Dann, "nach dem Frühstück, fuhr Mama mit dem Fahrrad zur Arbeit ins Museum und Papa mit dem Auto in den Elysée-Palast oder ans Ende der Welt, und ich ging zum Gymnasium".

Die Tochter des mächtigsten Mannes des Landes zu sein hatte aber auch zahlreiche Schattenseite. So durfte Pingeot ihren geliebten Vater in der Öffentlichkeit niemals "Papa" nennen. Besuchte sie ihn in seinem Pariser Amtssitz, sei sie von den Chauffeuren angewiesen worden, sich rechtzeitig auf die Rückbank zu kauern, damit niemand dem unbekannten Besucher auf die Spur kam. Bei gemeinsamen Ausflügen beherrschte sie die Angst, dass jemand die prominente und zugleich streng geheime Familienbande entdeckte: "Wenn wir mit meinem Vater einen Spaziergang machten oder wenn wir in einem Restaurant essen waren, war er glücklich und ich hatte fürchterliche Angst", schreibt die Autorin. In solchen Momenten habe sie sich ständig gefürchtet, Bekannte zu treffen.

Dennoch verbreiteten sich die Gerüchte vom präsidentiellen Doppelleben. Die Illustrierte "Paris-Match" veröffentlichte 1994 ein Foto Mitterrands zusammen mit seiner unehelichen Tochter. Zwei Jahre später wagten Anne und Mazarine den ersten und zugleich letzten Auftritt in der Öffentlichkeit zusammen mit François Mitterrand: Als ihr Vater im Januar 1996 an Prostata-Krebs starb, stand sie bei seiner Beerdigung mit ihrer Mutter und Mitterrands Frau Danielle an seinem Sarg.

Laut Pingeot habe sie das Leben im Geheimen so krank gemacht, dass sie einen Therapeuten habe aufsuchen müssen. "Mitterrand kontrollierte fast alles, was seine Tochter betraf, aber auf eine zärtliche Art und Weise", sagt Betty Mialet vom Julliard-Verlag, der "Bouche Cousue" herausbringt. "Offensichtlich war sie das Zentrum seines Lebens, und das ist überraschend, wenn man seine Pflichten als Präsident und die Tatsache beachtet, dass er mit einer anderen Familie zusammenlebte."

Erst kürzlich waren Einzelheiten darüber bekannt geworden, welche Vorsichtsmaßnahmen Mitterrand zu Lebzeiten unternommen hatte, damit die Identität seiner zweiten Familie ein Staatsgeheimnis blieb. In einem Prozess um illegale Abhörmaßnahmen sagten auch ehemalige Personenschützer Mitterrands aus. Nach Aussage des Leiters der Überwachungseinheit sei es sein oberstes Ziel gewesen, Mazarines Name vor Journalisten und Mitgliedern der Opposition geheim zu halten. Mitterrand Witwe Danielle wollte zu dem Buch keine Stellung nehmen.