Mode und Politik Das amerikanische Schneiderlein
Bei "Amerika" und "Mode", fällt einem Donna Karan ein, oder Ralph Lauren - aber nicht wirklich George W. Bush. Abgesehen von seiner zugegeben ziemlich coolen Fliegermontur ist der mächtigste Mann der Erde bisher nicht mit modischen Extravaganzen aufgefallen.
"Dubyah" gibt am liebsten in Jeans und großkarierten Hemden das texanische Landei; den präsidialen Klamottenkauf regelt, so reimt man sich das jedenfalls zusammen, wohl Gattin Laura per Eddie-Bauer-Katalog vom heimischen Blümchensofa aus. Das Herrenmagazin "Esquire" kürte Bush Anfang 2002 dennoch zu einem der zehn bestangezogenen Männer der USA. Ein kleines Wunder - doch eines, das einen Namen hat: Paris.
Georges de Paris ist schon seit Lyndon B. Johnson allen US-Präsidenten mit Nadel, Zwirn und Tuch zu Diensten gewesen. Der inzwischen 70-jährige Couturier dürfte so der einzige Mann auf Erden sein, vor dem George W. Bush die Hosen runter lässt - wenn auch nur, um sich neue Beinkleider anmessen zu lassen.
Lob vom Kaschmir-Kanzler
Kaum war Bush junior Ende 2000, unter etwas zweifelhaften Umständen, ins Amt gelangt, orderte er für seine erste Rede zur Lage der Nation einen nachtblauen Zweiknöpfer beim Maître, im französischen Schnitt und aus feinem Kaschmirgarn. Seither sind etliche dazugekommen.
Auch der deutsche Regierungschef, als Brioni tragender Kaschmir-Kanzler in Stilfragen von zweifelsfreier Kompetenz, kann seinem Männerfreund im Weißen Haus die Anerkennung nicht versagen: "Georges, der deutsche Kanzler hat meinen Anzug gelobt!", habe Bush gestrahlt und ihn in den Arm genommen, berichtete der agile Schneidermeister stolz dem "Handelsblatt". Auf einem Foto in Georges' Atelier, das die Szene festhält, hat Bush die Finger zum Victory-Zeichen erhoben.
Der Mann, der solche Triumphe möglich macht, wirkt mit seinen von schlohweißem Wallehaar gekrönten 160 Zentimetern und den über eine altmodische Lesebrille hinwegblitzenden Äuglein wie die Karikatur eines Pariser Herrenschneiders aus dem vorletzten Jahrhundert. Drüben in "Old Europe", in Marseille, wurde Georges 1934 auch geboren. Doch seit 44 Jahren lebt er in der Neuen Welt, seit 1966 als eingebürgerter Amerikaner.
Geschäftsschädigende Eiffeltürme
Seine Geschichte - zumindest wie er sie gerne erzählt - variiert einmal mehr den uramerikanischen Mythos vom Tellerwäscher, der es zum Millionär bringt. Bis heute legt Georges jedes Jahr am 4. April, dem Tag seiner Ankunft in den USA, einen Strauß rote Rosen an einem Denkmal im Washingtoner Lincoln Park nieder. Dort hatte er sechs Monate als Obdachloser kampiert, erzählt er, bevor er Anstellung als Schneider fand. Seither kennt er nichts als arbeiten, vom Morgengrauen bis spät in die Nacht - und hat es so ganz an die Spitze seines Metiers gebracht.
In der alten Heimat war der gebürtige Franzose, dessen Englisch nach wie vor mäßig ist, seit 1960 nur zwei Mal. Dennoch hat Georges nun unter den Verwerfungen im französisch-amerikanischen Verhältnis durch den Irak-Krieg zu leiden. In Zeiten, in denen es bei der amerikanischen Mittelklasse als politisch korrekt gilt, edle Bordeaux-Weine in den Ausguss zu kippen und sich US-Bürger in Internetforen wie "fuckfrance.com" über die feigen Käsefresser, "frogs" und "weasels" echauffieren, erweisen sich Georges' Name, Akzent und die Eiffelturm-Miniaturen in seinem Laden als geschäftsschädigend.
Zwar hängen in seinem Atelier an Washingtons 14. Straße, fast im Schatten des Weißen Hauses, neben der Trikolore auch die Stars and Stripes. Dennoch verlor Georges im vergangenen Jahr den einen oder anderen Kunden wegen der transatlantischen Spannungen - dabei ist er der einzige Schneider in Washington, der Anzüge noch in reiner Handarbeit anfertigt.
"Der eleganteste von allen"
"Das sind Trottel", entrüstet sich das Männchen, dessen Markenzeichen das Nadelkissen Unterarm und das Maßband um den Hals sind, über den irregeleiteten Nationalismus solcher Ex-Kunden. Doch einige seiner Konkurrenten, die vor allem in New York residieren, reiben sich schadenfroh die Hände.
Sich politisch festzulegen, vermeidet Paris dabei so gut er kann. "Ich bin kein Republikaner, ich bin kein Demokrat, ich bin Schneider", ist seine Standardantwort auf die unvermeidliche Journalistenfrage.
In seinem Urteil kommen die republikanischen Präsidenten, die bei ihm zur Anprobe weilten, allerdings besser weg als ihre demokratischen Amtskollegen. Den aktuellen Bewohner des Weißen Hauses etwa empfindet Georges als "höflich und entspannt" und seine Gattin als eine "fantastische First Lady, comme il faut". Bush sei "der eleganteste von allen" Präsidenten, diktierte Paris dem Reporter der linken französischen Tageszeitung "Liberation" in den Block: "Er liebt Qualität."
Doch auch Richard Nixon ist Paris in positiver Erinnerung, denn "Tricky Dicky" war stets überaus höflich und überhaupt "ein Gentleman". Gerald Ford wiederum hatte immer einen Scherz auf den Lippen (gerne über die kleine Statur seines Schneiders) und George Bush senior gab sich vornehm zurückhaltend.
Clintons rote Boxershorts
Ronald Reagan ließ de Paris bei der Anprobe an seinen geliebten jelly beans Teil haben und redete viel. Allerdings habe sich der Herr über den roten Knopf, der einst der Sowjetunion im Scherz androhte, sie werde in fünf Minuten ausgelöscht, davor gefürchtet, bei der Anprobe von Georges' Nadeln gepikst zu werden.
Über die Demokraten Carter und Clinton hat der flinke Nähkünstler dagegen nicht viel Gutes zu berichten. Der eine sei unpersönlich und wie ein Geschäftsmann aufgetreten, am anderen missfielen dessen rote Boxershorts und die Ignoranz in Stilfragen überhaupt: Clinton orderte Paris' handgefertigte Meisterwerke in unsäglichen Farbtönen und trug, horribile dictu, sogar Stangenware.
Die Geschäfte mögen weniger blendend gehen als früher, doch Georges de Paris hat längst ausgesorgt. Und mit seinem prominenten Namensvetter im Weißen Haus einen kaum zu toppenden Werbeträger. "Meine Kunden sind sehr stolz darauf, den gleichen Schneider zu haben wie der Präsident", verrät Pamela Burns, die als "Personal shopper" für reiche Geschäftsleute einkauft.
Initialen in Übergröße
Mehr noch: Der Präsident der Vereinigten Staaten lässt es sich nicht nehmen, für seinen Schneider höchstselbst neue Kunden zu akquirieren. Dem demokratischen Abgeordneten Jim Ramstad drückte er einmal dessen Karte in die Hand, und seinen Stabschef Andrew Card schickte er vor dessen offizieller Ernennung erst einmal zum Einkleiden in die 14. Straße.
Nur wegen GWB (die Initialen in Übergröße schmücken das Futter der präsidialen Sakkos) ging Amerikas ungekröntem König der Nähnadel auch schon dem deutschen Bundeskanzler an die Wäsche. Als Gerhard Schröder bei einer Washington-Visite 2001 - war es der Streit über den Irak-Krieg? - buchstäblich der Kragen platzte, fügte George W. Bushs französisch-amerikanischer Schneider schnell wieder zusammen, was doch zusammengehört.