Moderne Mythen: Birmingham zittert vor Blutsauger - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Moderne Mythen Birmingham zittert vor Blutsauger

Er ist schwarz, Ende zwanzig und mit äußerst scharfen Beißerchen bewaffnet: Seit einiger Zeit soll ein Vampir in der mittelenglischen Stadt Birmingham sein Unwesen treiben. Die Bewohner sind in Panik, die Polizei wittert ein Großstadtmärchen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Birmingham - Erste Gerüchte über einen Mann, der des Nachts seine Zähne in wehrlose Passanten schlägt, um ihnen wohlschmeckendes Hämoglobin aus den Adern zu saugen, machten bereits im Dezember die Runde. Den Erzählungen zufolge biss ein etwa 30-jähriger Schwarzer einen Passanten auf offener Straße und stürzte sich auch auf Nachbarn, die dem Opfer zur Hilfe geeilt waren. Eine Frau habe berichtet, ihr sei "ein großes Stück Fleisch" aus der Hand gebissen worden. Örtliche Medienvertreter wurden seither von Anrufen geradezu überrollt. Bewohner der Stadtteile Saltley, Small Heath und Alum Rock hatten von Beißattacken auf Menschen gehört, die auf ein Klingeln die Haustür geöffnet und sich unversehens dem Monster gegenüber gesehen hätten.

Die Polizei der West Midlands scheint trotz der haarsträubenden Berichte wenig überzeugt von der Mär um den anämischen Wiederholungstäter. Die Beamten sind der Überzeugung, dass es sich bei den Erzählungen eher um ein großes Märchen als einen großen schwarzen Vampir handelt. Rätselhaft ist zudem der Mangel an real existierenden Opfern des gierigen Beißers. "Bis heute liegt uns kein einziger Bericht von Menschen vor, die tatsächlich gebissen wurden", resümierte ein Sprecher der Polizei gegenüber der "Birmingham Evening Mail" die magere Beweislage. "Es scheint sich dabei um einen Großstadt-Mythos zu handeln", so der Schutzmann.

Obwohl die Polizei sich redlich bemüht, die Legende um den "Schwarzen Mann" zu demontieren, wissen viele Bewohner Birminghams offenbar nicht mehr, wem sie denn glauben sollen. "Alles was ich gehört habe, ist, dass da ein Kerl durch die Gegend läuft, der Menschen wie ein Hund angreift und sie beißt", sagte Kellnerin Josephine McNally aus dem "Old Barley Mow Pub" dem "Guardian". "Das macht einen schon unruhig".

Auch im öffentlichen Freizeitzentrum von Saltley waren die Gerüchte das beherrschende Thema. "Ich habe gehört, dass der Typ in bisschen verrückt ist, und dass er Leute gebissen hat", sagte ein Angestellter des Zentrums der Zeitung. "Ich habe die Geschichte neulich beim Friseur gehört", berichtet Vater Anthony Rohan von der katholischen "Holy Family Church". "Man hat mich gefragt, ob ich an Vampire glaube und ich habe nein gesagt." Der Geistliche macht sich ohnehin keine Sorgen: "Ich habe ein Menge Kruzifixe zu Hause."