Modetrend: Die Erotik der Sanduhr - DER SPIEGEL
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Modetrend Die Erotik der Sanduhr

Modemacher setzen nach einer Unisex-Periode wieder verstärkt auf betonte Weiblichkeit. Dreh- und Angelpunkt dabei ist die Taille. Doch Vorbild Wespe ist nicht nur sexy, sondern auch hoffnungslos retro.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Für Romantiker wie Vivienne Westwood ist die Taille schon lange "Brennpunkt" der weiblichen Figur: Als Wegweiser zum Gesicht lenke sie den Blick von der Körpermitte über das Dekolleté nach oben. "Wenn die Taille wirklich den Mittelpunkt bildet, dann gleitet der Blick nach oben, und man sieht alles auf einmal", schwärmte die britische Stardesignerin in einem Interview. Das war 1996, als Modemacher modische Akzente eher auf Hüfthöhe setzten. Dadurch wurde optisch der Oberkörper verlängert.

Noch lange beherrschte das kurzbeinige "Rough and Tough" der Street- und Jeanswear die Straßen. Doch jetzt wird die Taille als Reizzone wieder entdeckt. Modemacher stilisieren sie zum Blickfang und erotischen Angelpunkt: Kordeln und Schärpen umspielen sie. Gürtel schnüren und verlängerte Hosenbünde strecken sie. In diesem Winter hat sich auch auf der Straße das Bild zugunsten der Fifty-Fifty-Proportion verschoben: Frauen raffen ihre Mäntel mit raffinierten Gürteln auf Taillen-Chic. Große Schnallen markieren die schmale Körperzone der Frau. Nach einer Phase vorherrschender Unisex-Silhouetten erwacht jetzt das Bedürfnis nach Weiblichkeit.

Vor allem die Zielgruppe der über 25-Jährigen trage Taille und nutze die ausgewogeneren Proportionen als Mittel persönlichen Ausdrucks, sagt Uwe Janssen, Modedesign-Professor an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. "Das optisch gestreckte Bein ist einfach sexy", fügt Janssen, der 2001 das Studentenlabel "30 paar haende" gründete, hinzu. Die Marke, die wegen ihrer puristischen Schnitte und erstklassigen Materialien inzwischen mit Jil Sander verglichen wird, ist jedoch noch ein Geheimtipp.

Blüten treibt der Taillentrend in der Fashion-Welt: Modebewussten Jet-Set-Lesern rät die "Vogue" jetzt vom Fitnessstudio ab: Muskeln trübten leider allzu häufig den grazilen Sanduhr-Effekt der Figur. Und der ist angesagt. Eine starke Fraktion von Modellen ist auf den Laufstegen in New York, Mailand und Paris zu sehen, die die Taille - teilweise bis zur Wespentaille - drapieren: sogenannte Waist Watcher (Taillenwärter) - kurze Hemdenkleider und Minis wie etwa bei Phi, Alexandre Herchowitch und Alexander McQueen, die die Körpermitte durch breite Gürtel auf Figur trimmen.

"Die Taille gibt klassischen Halt"

Gucci präsentiert ein langes, hochgeschlossenes Abendkleid, das vorne bis zum schmalen Taillen-Gürtel geschlitzt ist. Und auch Diane Fürstenbergs in der Taille geschnürtes Wickelkleid ist wieder im Trend. Vieles, was zurzeit auf Straße und Catwalk zu sehen ist, erinnert die Grazer Künstlerin und Modedesignerin Lisa D., alias Elisabeth Prantner, an alte Zeiten. "Die jungen Mädchen stylen sich wie ihre eigene Omi", meint kritisch die Österreicherin, die zu ihren Kunden in den Berliner Hackeschen Höfen auch die Schriftstellerin und Landsmännin Elfriede Jelinek zählt.

Prantner fühlt sich an die fünfziger Jahre erinnert, die Nachkriegszeit, als die Frauen sich aus dem aktiven Leben zurückzogen und den Modediktaten aus Paris nacheiferten. Auch jetzt könne die Ungewissheit, die das Arbeitsleben unter der Globalisierung annehme, Motiv für die Besinnung aufs Weibliche sein. "Taille?", fragt sie. "Absolut retro! In einer Zeit, in der die Existenz prekär wird, gibt die Taille klassischen Halt."

Feminine Linien müssen nicht konservativ sein, meint dagegen die Hamburger Modemacherin Anna Fuchs. Die Designerin, die seit fünf Jahren ihr Label im Hamburger Karoviertel führt, wurde in diesem Winter zum zweiten Mal für den New Yorker Mode-Nachwuchspreis nominiert. Der "Spagat zwischen Angezogensein und trotzdem schwingender, femininer Silhouette" ist für sie absolute Herausforderung. Schon immer hat sie die Taille propagiert: "Taille heißt für mich Frau."

Anne Przybyla, ddp