Mörderischer Mediziner Tötete der Mann mit der Giftspritze 297-mal?
London - Der Verfasser des Berichts, Richard Baker, verglich die Todeszahlen unter Shipmans Patienten mit denen anderer Hausärzte in der Region Manchester und listete auf, wann und wo die Patienten starben und ob Angehörige dabei waren. Shipman begann demnach vermutlich schon als junger Arzt damit, Patienten mit Giftspritzen umzubringen. Im Laufe der Jahre habe er dies dann in immer kürzeren Abständen getan.
"Diese Analyse ist eine beklemmende Lektüre", sagte der höchste Beamte im britischen Gesundheitswesen, Liam Donaldson. "Aber alles deutet darauf hin, dass ein Arzt mit einer so bösen und makabren Motivation wie Harold Shipman eine absolute Ausnahmeerscheinung ist."
Eine Untersuchungskommission soll nun herausfinden, wie es sein konnte, dass Shipmans Machenschaften fast ein Vierteljahrhundert lang unentdeckt blieben. Denn der großväterlich aussehende Doktor mit Brille und weißem Bart war "ein hoffnungslos inkompetenter Mörder" ("The Independent"). Seine typischen Opfer waren ältere Patientinnen, die bis auf ein paar leichte Beschwerden gesund waren. Dennoch wurden sie alle eines bösen Tages tot in ihrer Wohnung gefunden: meist in einem Lehnstuhl, oft noch mit einer halb vollen Tasse Kaffee neben sich. Sie seien "ganz sanft entschlafen", versicherte der Arzt dann den fassungslosen Familienmitgliedern.
Als ein Beerdigungsunternehmer misstrauisch wurde, ließ sich die Polizei schnell von Shipman abwimmeln. Erst nachdem er auf plumpe Art ein Testament gefälscht hatte, begannen 1998 ernsthafte Ermittlungen. Aber selbst als die Polizei nachts auf dem Friedhof Dutzende von Leichen ausgrub, waren die meisten seiner über 3000 Patienten noch von seiner Unschuld überzeugt. Hunderte von aufmunternden Karten gingen in der Praxis ein.
Vor einem Jahr wurde Shipman schließlich zu lebenslanger Haft verurteilt. "Ich habe keinen Zweifel daran, dass jedes Ihrer Opfer lächelte und Ihnen dankte, als es sich Ihrer tödlichen Behandlung unterzog", sagte der Richter.
Geldgier kann nur in einem einzigen Fall das Motiv gewesen sein. Psychologen glauben, dass Shipman vom Tod anderer Menschen fasziniert war, seit er seine Mutter an Krebs sterben sah. Chefinspektor Mike Williams vermutet: "Der sagte sich: Ich will die absolute Kontrolle." Shipman selbst bestreitet die Morde. In den Vernehmungen mit der Polizei stellte er sich als Opfer medizinischer Laien hin, die falsche Schlüsse gezogen hätten.
Und offenbar hat er die Rolle des überlegenen Herrn Doktors auch im Gefängnis noch nicht abgelegt: Als er in Untersuchungshaft kam, suchten zunächst so viele Häftlinge seinen Rat als Mediziner, dass er sie anwies, sich in einer Reihe aufzustellen. Jeder komme dann schon dran.
Von Christoph Driessen, dpa