MODE Mohnblumen auf den Schlachtfeldern des Lebens
Mittwochabend, 20 Uhr. Eigentlich sollte jetzt in den alten Gainsborough-Filmstudios Hussein Chalayans Modenschau beginnen - es ist die 49. und letzte Show der London Fashion Week. In der Eingangshalle stehen die Gäste, trinken Evian aus Henkelflaschen und suchen sich gegenseitig nach neuen Modetrends ab. Einige machen Fotos: eine grüngelbe, nietenbesetzte Handtasche, Stiletto-Pumps, die mit rosa Pailletten besetzt sind, Mini-Lederrock und Netzstrümpfe. So könnte die Mode nächstes Jahr oder vielleicht auch erst übernächstes Jahr aussehen.
Die Halle ist eine Baustelle, kahle Wände, roher Beton. Die Gainsborough-Studios werden gerade renoviert. Dort, wo früher Hitchcock einige Filme drehte, sollen nun Luxusappartements entstehen. Von denen kann es in der teuersten Stadt Europas offenbar nie genug geben. In der obersten Etage ist schon eine Musterwohnung zu besichtigen.
Eine gute Modenschau ist ein Ereignis und nicht bloß die Vorführung einer neuen Kollektion, deshalb findet sie nicht in einem Hotelsaal statt, sondern an einem möglichst skurrilen Ort. In dem alten Filmstudio hat Chalayan, 30, eine Bühne aufbauen lassen, rechts daneben auf der Empore spielt ein Symphonie-Orchester, und auf den steil ansteigenden Rängen sitzen die Wichtigen: die Einkäufer der Edelkaufhäuser, die Chefinnen der Modemagazine.
Allerdings hat das Londoner Ordnungsamt die Egos der obersten Geschmacksschiedsrichter beleidigt und um 18 Uhr die vorderste und zwei seitliche Stuhlreihen entfernen lassen. Vier Stunden lang ist Chalayan damit beschäftigt, eine neue Sitzordnung auszuarbeiten, die niemanden demütigt. Welches Desaster.
Um 22.15 Uhr beginnt die Show: Erst wird ein computeranimierter Film gezeigt, dann treten die Models auf die Bühne, begleitet von Musik aus Hitchcocks »Vertigo«. Das Publikum klatscht und jubelt wie bei einer sensationellen Premiere. »Großartig!«, schreit einer, gleich zweimal.
»Ein überwältigender Höhepunkt«, schreibt am nächsten Morgen der Londoner »Daily Telegraph«. »Spektakulär« nennt der »Independent« die Show. Chalayan überfliegt die Zeitungen und schlingt das Lob gierig in sich hinein. Nach drei Nächten fast ohne Schlaf ist er zu müde, um den Triumph zu genießen: Er hat bewiesen, dass er zu Recht als einziger Modeschöpfer zum zweiten Mal den Titel »Britischer Designer des Jahres« trägt.
Nach diesem Erfolg, so kolportiert Suzy Menkes, die Mode-Kolumnistin von der »International Herald Tribune«, wolle die amerikanische Investorengruppe Pegasus Chalayan als vierten Designer unter ihre Fittiche nehmen und finanziell unterstützen. Tatsächlich habe er »die Vision, das Engagement und die Kreativität«, so Menkes, um sich auf Dauer in der Elite zu behaupten.
Im Juli führte das amerikanische »Time«-Magazin den Modeschöpfer unter den 100 einflussreichsten und innovativsten Menschen für das 21. Jahrhundert auf. Im gleichen Monat nannte die amerikanische »Vogue« ihn einen der zwölf wichtigsten internationalen Nachwuchsdesigner - damit gehört er zu den ganz wenigen, die reelle Chancen haben, wie die Briten John Galliano und Alexander McQueen, ein Pariser Haute-Couture-Imperium zu übernehmen. Falls er das überhaupt noch nötig hat, denn die Pegasus-Gruppe gilt als die amerikanische Antwort auf den französischen Konzern Louis-Vuitton-Moët-Hennessy, der mehrere Modehäuser besitzt.
Tatsächlich gibt es Parallelen zwischen den britischen Superstars und Chalayan: Sie alle sind Absolventen der berühmten Londoner Central Saint Martins School of Art and Design. Galliano war der Erste, dessen Debüt-Kollektion von dem edlen Londoner Modehaus Browns ins Schaufenster gestellt wurde. Chalayan war der Zweite: Er hatte die Kleider zusammen mit Eisenstücken für ein paar Wochen im Garten vergraben, um zu sehen, wie der Verrottungsprozess das Material verändert.
Chalayan ist auch der Einzige, dessen Modenschau bei der London Fashion Week ebenso bedeutend und unentbehrlich ist für die Einkäufer und die Moderedakteure wie McQueens Show. Dessen Vorführung ist schon wegen ihrer Monstrosität ein Ereignis: Dieses Mal gestaltete McQueen ein Busdepot zum Irrenhaus um; auf einem Diwan mit Büffelhornbeinen lagerte eine dicke nackte Frau, den Kopf in einer grotesken silbernen Maske, im Mund lange Schläuche.
Während McQueen die Grenzen von Tragbarem und Erträglichem hinausschiebt und Galliano sich als Meister der historisierenden Mode zeigt, gilt Chalayan als der Intellektuelle unter den Schneidern. Er orientiert sich nie an neuen oder recycelten Stilen, wie es in New York, London und Mailand üblich ist. Dort wurde der Welt bei den Schauen das Comeback der achtziger Jahre diktiert: Für den Sommer 2001 sind Hotpants, Leder-Minis und regenbogenfarbene Ringelsocken vorgesehen. Chalayan dagegen hat sich ein Thema vorgenommen und in Kleidung umgesetzt.
Vielleicht hat diese Distanz zur Hatz nach dem nächsten Trend eine biografische Begründung: Chalayan lebte bis zum zwölften Lebensjahr auf Zypern und zog erst dann nach London. In seiner zwischen Griechenland und der Türkei aufgeteilten Heimat ging es damals um existenzielle Fragen, um den fragilen Frieden und die Suche nach einer neuen, dauerhaften Identität. Wen interessierte da eine halbjährlich wechselnde Mode? Zunächst hatte Chalayan auch vor, Architektur zu studieren. Häuser haben eine längere Lebenserwartung als Kleider.
Chalayan kann sich mit der Rastlosigkeit der Branche immer noch nicht abfinden: »Die Geschwindigkeit ist nur so hoch, weil es ums Geldverdienen geht.« Eine statt zwei Schauen pro Jahr, sagt er, würde ihm mehr Zeit zum Nachdenken lassen. Aber niemand, der von der Modeindustrie lebt, kann sich ihren Gesetzen widersetzen. Also hastet auch Chalayan nun von einem Halbjahr zum nächsten. Damit er dabei keine Zeit verschwendet, hat er sich sogar den Weg zur Arbeit gespart und lebt in einer winzigen Dachgeschosswohnung über seinem Atelier im Londoner Stadtteil Covent Garden.
»Ventriloquy« - Bauchreden - hieß Chalayans Show für die Sommerkollektion 2001. Damit sei gemeint, dass sein Konzept durch den Entwurf spreche, erzählt Chalayan: »Ich habe mich damit beschäftigt, wie Werte sich nach Katastrophen wie Krieg, Erdbeben, Orkanen verändern.« Es habe ihn interessiert, wie soziale und moralische Kategorien zerfallen und wieder neu entstehen.
Die virtuelle Welt der Computeranimation zu Beginn der Schau zeigt, was er meint: Auf einem von Linien durchzogenen Hintergrund, der an Konstruktionszeichnungen erinnert, tritt eine Figur in einem weit ausgestellten Kleid nach vorn. Eine andere taucht neben ihr auf und zerschlägt sie mit einem Hammer. Aus den Scherben wächst eine Mohnblume, aus ihr entsteht eine neue Frau, die sich aus vorbeifliegenden Stoffstücken ein neues Kleid zusammensetzt.
Dieses Motiv wiederholt sich in der realen Welt: Goldene Lichtstreifen durchziehen die weiße Bühne, die Models tragen die gleichen Kleider wie die Computeranimationen. Die Modelle sind aus unterschiedlichen Materialien zusammengesetzt, haben asymmetrische Falten. Der weiße Stoff erinnert an Rechenpapier, die Röcke sind mit computergenerierten Mohnblumen bedruckt.
Im Finale treten drei Frauen mit seltsam steifen, farblosen Kleidern aus gehärtetem Zucker auf die Bühne. Neben jede stellt sich ein Model, in der Hand einen kleinen Hammer. Mit einem theatralischen Schlag zertrümmern sie die Kleider.
Der Rechenpapier-Stoff repräsentiert den Entwurfsprozess. Die Patchwork-Kleider stehen für neu entstandene Werte. Mohnblumen sind die ersten Pflanzen, die auf Schlachtfeldern blühen. Die Zuckerkleider seien die »Geister-Version«, so Chalayan, der wirklichen Mode - sie werden zerschmettert, wie auch Ideale beispielsweise von Menschlichkeit und Moral im Krieg zerstört werden.
Im Grunde setzt Chalayan mit seiner Sommerschau das Thema fort, das er für die Herbstkollektion 2000 entwickelt hatte. Damals ging es darum, wie man eilig alle Sachen packt, wenn eine Katastrophe das Haus zu vernichten droht: Die Models zerrten Überzüge von den Sesseln und zogen sie an. Ein Mädchen stieg in einen Tisch, der sich zum Rock ausfaltete. Dieser Einfall, konstatierte die US-»Vogue«, sei in die Modegeschichte eingegangen.
Dasselbe gilt sicherlich auch für Chalayans Skandalkleider vom Frühjahr 1998. Damals stellte er sechs Models nackt unterm schwarzen Tschador nebeneinander. Der längste Schleier reichte bis zur Wade, der kürzeste nur noch bis zur Kinnspitze. Ihn habe die Anonymität beschäftigt, erklärt Chalayan, die aus der Verhüllung des Gesichts folge: »Das ist wie der Tod. Man gibt vor, nicht zu existieren.«
Mit seiner eigenen Kollektion verdient Chalayan kaum Geld. Dabei sind die Kleider tatsächlich elegant und tragbar, und zwar ganz unabhängig davon, auf welcher abstrakten Idee sie basieren und was intellektuelle Konzepte in der Mode überhaupt wert sind. Doch sie werden nur in kleinen Auflagen hergestellt und in London, Paris, New York und vor allem Japan verkauft.
Finanzielle Basis seiner Firma, die sieben Angestellte hat, sind seit zwei Jahren seine Einnahmen als Chefdesigner der New Yorker Cashmere-Firma TSE und wechselnde Nebenjobs - wie zum Beispiel Entwürfe für die Billigkette Top Shop oder für die »Autograph«-Kollektion des britischen Kaufhauses Marks & Spencer, die auch in der Frankfurter Filiale geführt wird.
Wenn er über seine Arbeit für TSE spricht, dann redet Chalayan, weniger ambitioniert, nur von Ideen statt von Konzepten - die Amerikaner interessieren sich eben nicht für Gedanken, sondern für Verkaufszahlen. Für die TSE-Sommerkollektion 2001 habe er »mit der Idee von Kreis, Quadrat und Dreieck« gespielt: Cashmere-Pullover mit geometrischen Mustern und kompliziert geschichtete Kleider. »Eine der hübschesten Kollektionen der Marke«, lobte der »Independent«.
Chalayan trägt selbst Pullover, die er für TSE entworfen hat, aber nur die einfachen, eine schwarze Kapuzenjacke zum Beispiel. Als er einmal in Frankreich zu einem Foto-Shooting ging, fiel ihm auf dem Weg dorthin ein, dass er nicht passend angezogen war. Er hat sich dann schnell bei der US-Freizeit-Kette »Gap« eingekleidet.
Am Ende unterscheidet sich Chalayan wahrscheinlich nicht von einer Kundin, die einen seiner Pullover kauft, weil er bequem ist, oder eines seiner Kleider, weil es schön aussieht - und nicht weil der Pullover mit Geometrie zu tun hat und das Kleid ein aus Trümmern entstandenes neues Wertesystem symbolisiert. »Ich denke nicht, dass meine Kleidung das repräsentiert«, sagt Chalayan, »was ich denke.« Wenn er morgens vor dem Schrank steht, zieht er einfach irgendetwas an. Für mehr hat er sowieso keine Zeit. MARIANNE WELLERSHOFF