Mohrs Herzschlag: Die Illusion vom Gesundsein - DER SPIEGEL
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Mohrs Herzschlag Die Illusion vom Gesundsein

Krankheiten werden oft beschönigt, geheim gehalten, verleugnet. Doch kranke Menschen sollten sich nicht verstecken, denn Kranksein ist die Normalität - behauptet Joachim Mohr, der seit seiner Kindheit ein schweres Herzleiden hat.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Freddie Mercury, legendärer Sänger der britischen Rockband Queen, teilte der Öffentlichkeit am 23. November 1991 mit, dass er an Aids erkrankt ist. Zuvor waren immer wieder Gerüchte über seine Krankheit durch die Boulevard-Blätter gegeistert. Nur einen Tag nach dem Geständnis starb der Musiker in London an einer Lungenentzündung infolge der Immunschwäche.

Am Leiden und Sterben von Papst Johannes Paul II. konnten die Menschen rund um den Globus Anfang 2005 über Monate teilhaben. Bilder und Berichte über das schwer kranke Oberhaupt der Katholiken waren millionenfach durch die Massenmedien gereicht worden, bevor Karol Josef Woytila, so sein bürgerlicher Name, am 2. April 2005 in Vatikanstadt aus dem Leben schied.

Mercury betrachtete seine Krankheit bis kurz vor seinem Tod als seine Privatsache, Johannes Paul II. dagegen zelebrierte seinen Kampf mit seinem immer schwächer werdenden Körper in aller Öffentlichkeit.

Ist es sinnvoll, Krankheiten und Gebrechen für sich zu behalten, sie gezielt zu verheimlichen? Oder sollten Menschen im Alltag offensiv mit ihren körperlichen Leiden und Qualen umgehen? Vor der Alternative, sich zu verstecken oder sich zu offenbaren stehen nicht nur bekannte Personen, sondern auch Millionen Kranke wie du und ich. Viele Betroffene sind jahrelang hin und her gerissen zwischen Heimlichkeit und Freimut.

Johannes Paul II. und Freddie Mercury haben sich wahrscheinlich beide richtig entschieden, denn ausschlaggebend ist erst einmal immer, was der Einzelne selbst für angemessen hält.

Daneben gilt aber ein alles überragender Grundsatz: Krankheit ist nicht die Ausnahme, sondern Regel, die Normalität - ja, die Nor-ma-li-tät! Menschen leiden nicht nur beständig an Husten, Schnupfen, Heiserkeit, sie ringen mit Rheuma, Aids, Blutkrankheiten, Multipler Sklerose, Psychosen, Syphilis, Lungenfibrose, verschiedensten Arten von Krebs, Alzheimer, Parkinson und abertausenden andere fiesen Übeln - jeden Tag, immer wieder, überall auf dieser Welt. Die Menschheit ist schwer krank, jawohl!

Jeder Mensch muss sich täglich behaupten - das galt in den Steinzeithöhlen, das ist die Wahrheit in der Epoche der globalisierten Wirtschaft. In einer auf Wettbewerb ausgerichteten Welt sollte der Körper am besten jede Sekunde wie geschmiert funktionieren, permanent Höchstleistungen bringen. Krankheit kann Schwäche, Verlust, Abstieg, Ausgrenzung bedeuten. Das stimmt - aber gleichzeitig ist eben auch wahr: Das gesunde Individuum ist nicht mehr als ein Traum von geradezu göttlicher Anmaßung. Spätestens im Moment des Todes gibt ein Teil der menschlichen Maschine ja seinen Geist auf. Ich selbst habe ein missgebildetes, mehrfach operiertes Herz, das zu lebensbedrohlichen Rhythmusstörungen neigt - so ist es nun mal.

Wenn Krankheiten aber untrennbar zur menschlichen Existenz gehören, dann kann jeder Einzelne auch selbstbewusst mit seinen körperlichen Unzulänglichkeiten umgehen.

"Ich bin herzkrank - und das ist auch gut so!", könnte ich sagen in Anlehnung an das Outing des Regierenden Berliner Bürgermeisters Klaus Wowereit, schwul zu sein. Ganz stimmt das natürlich nicht, ich wäre ja lieber gesund. Als Kind bin ich allerdings, wenn ich Herzrhythmusstörungen hatte, still vom Fußballplatz verschwunden, ohne ein Wort zu sagen. Im Schulunterricht erklärte ich, ich müsse auf die Toilette, dabei lief mein Herz Amok. Heute stehe ich zu meinen Anfällen.

In vielen Momenten können Kranke ihr Leiden auch gar nicht verstecken. Sie bewerben sich um einen neuen Arbeitsplatz? Verschweigen Sie ihrem zukünftigen Arbeitgeben eine schwere Krankheit, können Sie später fristlos gekündigt werden. Sie wollen eine Lebensversicherung abschließen oder nur eine Zusatzversicherung für Krankenhausaufenthalte? Ohne ausführliche Infos über ihre medizinische Vorgeschichte, so heißt das oft so schön, geht gar nichts. Und bei einer neuen Liebe: Wie erklären Sie eine Narbe, die von einer Operation stammt?

Niemand versucht eine Grippe zu verbergen, viele aber eine Krebserkrankung unter der Decke zu halten. Alle klagen offen über Verspannungen im Rücken, bei "Unterleibsgeschichten" wird meist nur getuschelt. Lassen Sie sich davon nicht beeindrucken, es gibt keine Geschmackspolizei in Sachen Gesundheit.

Wenn Sie können, gehen Sie raus in die Welt - auch wenn Sie auffallen. Sie haben keine Haare mehr auf dem Kopf wegen einer Chemotherapie? Sie zucken, hampeln herum, machen ungewollt komische Geräusche oder schimpfen laut, weil Sie unter dem Tourette-Syndrom leiden? Machen Sie, zu was Sie Lust haben, es ist Ihr Leben! Und Sie haben nur eines, mit oder ohne Krankheit. Alle Menschen müssen mit Krankheiten zurecht kommen, auch die momentan gesunden.

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