Mohrs Herzschlag Einfach mal die Sau rauslassen
Fans bei Rockkonzert: Alle in Ekstase
Foto: PETRAS MALUKAS/ AFPDröhnende Gitarren, ein treibender Bass, ein pulsierendes Schlagzeug - die Musiker spielen, als wollten sie Tod und Teufel vertreiben. Es ist eines dieser wunderbaren kleinen Rockkonzerte, bei denen Lärm einen fühlen lässt, wie unglaublich lebendig man ist. In der Halle ist es heiß und stickig, die Zuschauer wogen vor der Bühne hin und her, hüpfen, schreien, klatschen, pfeifen.
Alle sind in Ekstase. Nur einer nicht - ich. Ich stehe am Rand, im Abseits. Ich darf nicht toben, muss mich schonen, darf auf keinen Fall die Kontrolle über mich verlieren.
Immer wieder fragen mich Menschen, die von meinem schwer kranken Herzen wissen: Was fehlt dir im Alltag am meisten? Was vermisst du, bedingt durch deine defekte Blutpumpe, besonders?
Bei einem mitreißenden Rockkonzert nicht mittendrin sein zu können, am Eingang verharren zu müssen, dort wo es ruhiger ist, von wo ich im Notfall schnell nach draußen komme - das nervt mich ungemein.
Mich peinigt, dass ich meinen Körper nicht ausreizen darf, dass ich nicht auf volle Leistung gehen kann, dass ich körperlich nicht die Sau rauslassen darf. Meine Krankheit will mir die Freude am eigenen Fleisch und Blut nehmen.
Das Herz, chemisch gedrosselt
Beim Joggen auf den letzten 500 Metern noch einmal richtig Tempo machen, bis man am Ende kaum mehr stehen kann - darf ich nicht. Mit einer Horde Kinder im Park Fangen spielen bis zum Umfallen - soll ich nicht. Beim Straßenfest schnell mal einen Getränke-Lkw entladen helfen - kann ich nicht. Bei einem Konzert Toben bis zum Umfallen - nein, auf keinen Fall. Ich muss immer Rücksicht nehmen auf mich selbst - oh, wie ich das hasse!
Die Lust an purer Kraft und Körperlichkeit, 100 Prozent Einsatz bringen, sich wilder Energie hingeben: Für mein Herz ist das gefährlich - und auch gar nicht möglich. Denn mein Puls kann, bedingt durch meine Medikamente, nur auf rund 90 Schläge pro Minute steigen. Mehr Leistung, mehr Tempo ist nicht drin. Mein Herz ist, so kann man sagen, chemisch gedrosselt.
Aber auch die Angst hemmt mich. Die Furcht ist mächtig, ich könnte eine Attacke meiner ärgerlichen Herzrhythmusstörungen auslösen, wenn ich mich zu sehr anstrenge oder ruckartig belaste. Deshalb bewege ich mich stets kontrolliert, lebe in einer Art Alarmmodus, laufe in Hab-Acht-Haltung durch die Welt.
Denn attackieren mich meine Herzrhythmusstörungen, helfen meist keine Medikamente mehr. Dann heißt es ab in die Klinik. Oft können nur noch Elektroschocks mein Herz überzeugen, wieder in einem normalen Rhythmus zu schlagen.
Fahrrad fahren, joggen, wandern, schwimmen - aber nur zurückhaltend
Dabei soll ich mich durchaus sportlich betätigen, sagt der Kardiologe meines Vertrauens. Auch meinem kranken Herzen hilft Bewegung, nur auf dem Sofa zu kleben, schwächt jedes Herz. Ich darf Fahrrad fahren, joggen, wandern, schwimmen - aber gefälligst dezent, zurückhaltend bitte. Sich selber nur nicht von der Leine lassen!
Halb so schlimm, werden nun viele sagen. Mit solch einer Einschränkung kann man doch gut leben. Stimmt. Wäre meine gezügelte Lebenskraft mein einziges Problem mit meinem Herzen, gebe es da nicht Lebensgefahren, ich würde jubilieren. Für mich gilt beim Sport eben das olympische Motto "Dabei sein ist alles", auch wenn ich nur hinterherzuckle.
Ab und zu aber sehne ich mich danach, meinen Körper vor Energie beben zu lassen, jeden einzelnen meiner Knochen zu spüren, mit jeder Faser zu brennen, wie eine Bombe zu explodieren. Denn das ist wunderbar, ich kann mich noch erinnern, damals vor vielen Jahren.
Deshalb genießen Sie Ihre Kraft, so lange Sie gesund sind. Verausgaben Sie sich, bis es wehtut! Spätestens wenn Sie das nicht mehr können, werden Sie es vermissen. Seien Sie wild, seien Sie lebendig!