Mohrs Herzschlag: Es lebe die Disziplin! - DER SPIEGEL
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Mohrs Herzschlag Es lebe die Disziplin!

Selbstdisziplin: Gute Ärzte, gute Medizin und eben diese Sekundärtugend braucht man, um gesund zu werden oder mit einer Krankheit zu leben. Doch wie zwingt man sich zu Dingen, die beschwerlich oder gar schmerzhaft sind? Ich habe da meine eigene, erfolgreiche Methode.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Der amerikanische Schriftsteller Truman Capote hat zu Recht gesagt: "Disziplin ist der wichtigste Teil des Erfolgs." Und die US-Schauspiellegende Katharine Hepburn, vier Oscars hat sie gewonnen, drückte es so umfassend wie treffend aus: "Ohne Disziplin kein Leben."

Das gilt besonders für kranke Menschen: Wer gesund bleiben oder werden will, der braucht Disziplin. Wer sich gehen lässt, wird kaum ein Leiden besiegen.

Jetzt also stramm gestanden, Brust raus, Bauch rein, die Hände an die Hosennaht?

Natürlich nicht, schließlich geht es nicht darum, gehorsam zu sein und sich dem Willen eines anderen, etwas dem des Arztes, blind unterzuordnen, sondern Selbstkontrolle zu üben, das eigene Leben aktiv auf Gesundsein auszurichten.

Wer ernsthaft krank ist, der muss nicht nur mit den fiesen Lasten seines Leidens kämpfen - ich selbst zum Beispiel mit meinen Herzrhythmusstörungen, der Angst vor Schlaganfall und Herzstillstand, den Sorgen um die dauerhafte Schädigung meiner Pumpe.

Nein, als Kranker ernte ich auch noch jede Menge hübsche Aufgaben und Pflichten: Regelmäßig, viel zu oft muss ich mich bei meinen Ärzten und in Krankenhäuser präsentieren, zu genau bestimmten Zeiten meine Medikamenten schlucken, auf große körperliche Anstrengungen und manches Nette und Flotte mehr verzichten, muss mich aber trotzdem genug bewegen, gesund essen und trinken und nach Möglichkeit immer ruhig und ausgeglichen sein.

Für das alles erhalte ich dann nicht einmal die Garantie, dass ich gesund werde - was für ein Mist!

Viele Patienten mit körperlichen Gebrechen fühlen sich hilflos und ohnmächtig, sie erleben sich als ausgeliefert und schutzlos, ihr Leben als wertlos. Die Verzweiflung mündet oft darin, passiv in den Tag hinein zu leben oder sogar gegen gewichtige ärztliche Regeln zu verstoßen. "Das alles nützt ja sowieso nichts", heißt es dann lapidar.

Wenn Sie kurz vor dem finalen Abschied von diesem Planeten stehen, mag solch ein Fatalismus verständlich sein. Ansonsten ist es natürlich Quatsch, den Beleidigten zu spielen. Niemand kann wissen, wie es mit seiner Gesundheit genau weiter geht. Vor allem aber: Unlust und Faulheit nützt weder der Gesundheit noch einem selbst. Wenn es einem schlecht geht, sollte man wenigstens so viel wie möglich von der Lebensqualität retten, oder?

Halten Sie nicht nur die nervenden ärztlichen Direktiven ein, versuchen Sie selbst etwas beizutragen - was kann Ihre miese Lage lindern helfen: anders essen? Sich mehr bewegen? Meditieren? Ehrlicher zu sich und Vertrauten sein? Die Freizeit insgesamt neu gestalten? Informationen zu Ihrem Gebrechen sammeln? Krankengymnastik nach einer Operation ist unendlich mühsam, doch sie gibt oft nicht nur körperlich, sondern auch seelisch Kraft. Sie sind aktiv, sind mit im Spiel!

Bei einer Untersuchung im Jahr 2004 gaben über 80 Prozent der Erwachsenen an, dass Selbstdisziplin ihnen Halt gibt und das Leben erleichtert. Das funktioniert umso mehr, wenn Sie krank sind. In einer anderen Studie erklären 90 Prozent aller Teilnehmer Selbstdisziplin für "bedeutsam". Ja, wie heißt es doch so schön: "Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung."

Aber wie sich motivieren? Wie sich zwingen zu Dingen, die beschwerlich oder gar schmerzhaft sind? Ich versuche, jeden noch so kleinen Fortschritt wahrzunehmen und mich darüber zu freuen. Ich male mir meine Ziele und die damit verbunden Vorzüge blumig aus. Und ich lobe mich für das, was ich schon erreicht habe, was ich geleistet habe. Klingt banal? Mag sein, funktioniert aber.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich damals nach meiner Herzoperation auf einer Wachstation der Universitätsklinik Tübingen zu mir gekommen bin: angeschlossen an verschiedenste medizinische Apparaturen, zerschlagen, geplagt von Schmerzen.

Nach zwei Tagen bin ich zum ersten Mal aufgestanden, drei Wochen nach dem Eingriff nach Hause gegangen, einige Monate später habe ich wieder angefangen zu studieren und als freier Journalist zu arbeiten. Heute sitze ich trotz meiner Herzprobleme in der SPIEGEL-Redaktion - das ist meine persönliche Erfolgsgeschichte.

Ob dieser Weg immer leicht war? Natürlich nicht. Ob ich immer diszipliniert war? Leider nicht. Aber schon wenige Tage nach der Herz-OP bin ich Runde um Runde in den Krankenhausfluren gelaufen, um wieder Kraft zu bekommen, sobald es ging auch treppauf und treppab. Krankengymnastik habe ich nicht nur mit der Therapeutin gemacht, sondern jeden Tag zusätzliches Training eingelegt.

Heute ernähre ich mich gesund, habe vor Jahren mit dem Rauchen aufgehört, treibe - so gut es meine Herz zulässt - Sport, trinke keinen Alkohol und nehme, abgesehen von meinen Medikamenten, auch keine anderen chemischen Helferlein zu mir. Ich versuche, meinem kranken Herzen optimale Arbeitsbedingungen zu schaffen.

Sie finden jetzt, das klingt nach einem ziemlich langweiligen, lustfeindlichen Leben? Sie irren sich: Abgesehen von meiner widerspenstigen Pumpe fühle ich mich pudelwohl in meinem Körper, bin fit, spüre meist Kraft und Energie und mache, was mich begeistert. Selbstdisziplin – find’ ich gut!

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