Mohrs Herzschlag: Im Inneren meines Herzens - DER SPIEGEL
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Mohrs Herzschlag Im Inneren meines Herzens

Von Risiken und Nebenwirkungen seines Lebens als chronisch Herzkranker berichtet er seit einem Jahr. Jetzt hat sich sein Zustand dramatisch verschlechtert. Soll SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Joachim Mohr einen Eingriff wagen, bei dem Herzgewebe mit Stromschlägen zerstört wird?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es geht nicht mehr. Es reicht. Es muss sich was ändern. Mein Herz schlägt zurzeit so unregelmäßig, dass es selbst für mich, erfahren und gestählt in einem jahrzehntelangen Kampf mit Herzrhythmusstörungen, zur unerträglichen Plage wird.

Seit mehreren Monaten leide ich unter multiplen Rhythmusstörungen, wie die Mediziner so nett sagen: Immer wieder quälen mich Anfälle von Vorhofflimmern, in unregelmäßigen Abständen gesellt sich für mehrere Stunden eine atriale Tachykardie mit einem Puls von 200 und mehr Schlägen dazu. Die meiste Zeit habe ich sowieso einen sogenannten Bigeminus, ein Herzrhythmus, bei dem jeder zweite Schlag ein Extraschlag ist, ein Schlag zum falschen Zeitpunkt.

Ich war zu oft in Notaufnahmen, in Ambulanzen, bei Kardiologen und anderen Ärzten in den vergangenen Wochen und Monaten.

Beim Superspezialisten, der den Rhythmus liebt

EKGs, Belastungs-EKGs, Langzeit-EKGs wurden gemacht, zeitweise trug ich einen Eventrecorder mit mir herum, eine kleine schwarze Box, mit der ich im Fall eines Anfalls selbst ein EKG aufzeichnen konnte. Natürlich wurde mein Herz per Ultraschall analysiert, fleißige Arzthelferinnen nahmen mir am laufenden Band Blut ab, die Dosis meiner Herzmedikamente wurde gesenkt, erhöht und wieder gesenkt.

Vor wenigen Tagen war ich ein weiteres Mal bei meinem niedergelassenen Kardiologen im Hamburger Stadtteil Stellingen. Manfred Geiger ist eine Art Superspezialist, ein Mann, der den Rhythmus liebt, ein Herzexperte, der sich seit über zwei Jahrzehnten dem Herzschlag verschrieben hat, der täglich einen Kampf mit zu schnell, zu langsam, zu unregelmäßig arbeitenden menschlichen Pumpen führt.

Sein Rat: "Herr Mohr, ich glaube, es hilft nur noch eines: eine Ablation." Ich hatte es befürchtet. Bereits 2001 und 2002 waren bei mir zwei Ablationen vorgenommen worden, Reparaturen tief im Herzinneren: Bei einer Ablation werden von beiden Leisten und dem linken oberen Brustbereich des Patienten mehrere Katheter in die Herzkammern geschoben. Die Spitzen eines Katheters können mit Hilfe von Strom erhitzt werden, so dass die Operateure fähig sind, mit ihnen Herzgewebe zu zerstören.

Ich kann mit einem wild schlagenden Herzen nicht leben

Innerhalb der Herzkammern werden Narben angelegt. Zweck der gezielten Verletzung: Da Narbengewebe nicht leitet, wird verhindert, dass sich elektrische Impulse ausbreiten, denn Herzrhythmusstörungen werden durch falsche elektrische Erregung verursacht. Man könnte auch sagen, bei einer Katheterablation werden innerhalb des Herzens Brandschutzmauern errichtet.

Kardiologe Geiger ist ein zupackender Typ, keiner, der leichtfertig zu einem Eingriff rät, aber auch keiner, der zögert, einen Patienten in einen Operationssaal zu schicken, wenn er es für nötig hält. Ich muss seine Empfehlung ernst nehmen, zumal mein Leidensdruck groß ist. Auf Dauer will und kann ich mit einem wild um sich schlagenden Herzen wie derzeit nicht leben.

Nur wenige Tage später sitze ich im Wartezimmer der Kardiologischen Ambulanz der Asklepios Klinik St. Georg in Hamburg. Schon lange bin ich in diesem Krankenhaus in Behandlung, ein Team der dortigen Kardiologie konzentriert sich seit Jahren auf die Behandlung von Herzrhythmusstörungen. In keinem Herzzentrum in Europa wurden mehr Katheterablationen vorgenommen als hier.

Die junge Ärztin in der Rhythmussprechstunde kommt zum gleichen Ergebnis wie Kardiologe Geiger: "Wir empfehlen Ihnen einen Eingriff." Die Chancen, meine Herzrhythmusstörungen ganz oder zumindest teilweise zu beheben, stünden nicht schlecht, die Risiken seien vertretbar, erklärt die Medizinerin routiniert. In dem kahlen Büro sieht es ein wenig aus wie in einer Abstellkammer, mich fröstelt.

Die Ärztin versucht ein Lächeln, ich nicht

Wir könnten auch gleich einen Termin vereinbaren, an dem Tag müsste ich dann nüchtern kommen, ansonsten wüsste ich ja, wie das liefe, ich hätte es ja schon zweimal mitgemacht. Die Frau in dem weißen Kittel versucht ein Lächeln, ich nicht.

Zurück auf der Straße weiß ich, es gibt keinen Weg zurück. Will ich einen besseren Herzschlag, muss ich wohl oder übel Mediziner per Katheter in mein Herz vorrücken lassen.

Im Jahr 2001 wurde bereits ein sogenanntes Vorhofflattern in meinem Herzen mit einer Ablation behandelt, erfolgreich. Im Jahr 2002 wurde eine Ablation abgebrochen, erfolglos. Nun eben ein drittes Mal: rein mit den Kathetern, Strom geben und nichts wie raus, sage ich mir.

Ohne Gefahren ist solch ein Eingriff natürlich nicht. Ich laufe die Lange Reihe im Hamburger Stadtteil St. Georg entlang und frage mich: Gibt es nicht doch noch eine andere Behandlungsmöglichkeit? Ist eine dritte Ablation wirklich der richtige Weg? Doch bei aller Sorge: Mein Herzschlag ist eine Katastrophe.

Plötzlich ist mir klar: Ich brauche noch eine weitere Meinung, von einem Experten, dem ich vertraue.

Den nächsten Teil lesen Sie am Dienstag auf SPIEGEL ONLINE.

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