Mohrs Herzschlag: Let's talk about Sex - DER SPIEGEL
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Mohrs Herzschlag Let's talk about Sex

Alle Menschen lieben Sex - auch schwer Kranke. Trotz Herzoperation und Herzthytmusstörungen ist die Fleischeslust kein Problem, findet Joachim Mohr. Zumindest so lange man selbst keines daraus macht.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Irgendwann musste es passieren. Als es schließlich dazu kam, war ich aber doch überrascht. In einer Tübinger Kneipe, nach ein paar Bier spät in der Nacht, stellte mir ein Studienkollege die aus seiner Sicht alles entscheidende Frage zu meiner schweren Herzkrankheit:

"Ähm, tja, wie ist das eigentlich so, dein Herz funktioniert ja nicht richtig, wenn man herzkrank ist, und dann, ähm, mit den Frauen, also ... ja, wie ist das mit dem Sex?" - Gute Frage.

Zuerst einmal: Ich habe keine Chance, meine Krankheit zu verbergen. Mitten auf meiner Brust prangt eine 22,5 Zentimeter lange Narbe, ein rötlich-weißer Hautstrich, unübersehbares Mal meiner Operation am offenen Herzen. Will ich Sex nicht nur im Dunkeln haben und der Menschheit erlauben, mich auch mal mit nacktem Oberkörper zu sehen, dann muss ich mich offenbaren. Kleine Lügen an der Bettkante - "Das ist nur so eine dumme Pigmentstörung" oder "Da bin ich mal aus Versehen mit dem Bügeleisen hingekommen" - helfen nicht wirklich.

Also gilt: Brust raus! Narben muss jeder mit Selbstbewusstsein tragen, sie sind Ehrenzeichen, erzählen von Gefahren und Abenteuern. Narben können sogar sexy sein: Auf eine Freundin in meiner Studienzeit hatte der sichtbare Rest meiner Herz-OP deutlich erregende Wirkung. Nur Mut, let’s talk about Sex.

Der aphrodisische Effekt des leidenden Operierten

Selbst als frisch Operierter, noch leidend im Klinikbett, hat dieser Zustand mitunter einen aphrodisischen Effekt auf Mitmenschen - das ist zumindest meine Erfahrung.

In den ersten Tagen nach meiner OP an der Uni-Klinik Tübingen, ein Loch in meiner Herzscheidewand zwischen dem linken und rechten Vorhof war geschlossen worden, besuchte mich regelmäßig eine Krankengymnastin. Harmlose Anwendungen sollten meine Genesung fördern: Sie legte mir Eisbeutel auf den Rücken, um meine Atmung zu unterstützen und einer Lungenentzündung vorzubeugen. Wir warfen einen Luftballon vorsichtig hin und her, um die Mobilität meiner Brust und meines Schultergürtels wieder herzustellen. Schließlich war mir gerade erst das Brustbein aufgesägt und dann wieder mit Draht fixiert worden.

Ich war nur wenige Tage in das echte Leben nach Hause zurückgekehrt, da telefonierten wir das erste Mal, meine Krankengymnastin und ich. Ein paar Wochen später besuchte ich sie dann privat. Es war keine große Sache, aber ich erinnere mich gern an ihre roten Haare.

Heute könnte ich natürlich theoretisch mitten in den Freuden der körperlichen Lust meine Herzrhythmusstörungen bekommen, klar. Meine Anfälle sind schließlich schon aufgetreten, während ich ferngesehen, gegessen, gelesen oder fest geschlafen habe. Und in solch einem Notfall muss ich dummer Weise immer ziemlich schnell in ein Krankenhaus und mir meine Elektroschocks abholen, um mein Herz wieder in einen regelmäßigen Rhythmus zu zwingen.

Scham hilft nicht - nur das offene Gespräch

Aber was soll’s: Bisher - toi, toi, toi - ist mein Herz noch nie während der Liebe aus dem Ruder gelaufen. Und sollte es mal passieren, dann gibt es eben eine Unterbrechung. Halb so schlimm - Menschen haben sich beim Sex schon Zehen gebrochen, Schultern ausgekugelt, sich Muskelkrämpfe an allen möglichen und unmöglichen Körperteilen zugezogen.

Nicht zu spaßen ist allerdings mit einigen Herzmedikamenten, die ganz nebenbei als Lusttöter wirken können. So steht etwa im Beipackzettel mancher so genannter Betablocker in der Rubrik "Nebenwirkungen" schlicht und einfach: "Potenzstörungen."

Wenn die tatsächlich auftreten, dann ab zum Kardiologen und ein anderes Medikament wählen. Oder die Dosis verändern. Oder über einen Eingriff nachdenken, der die Herzmedikamente ersetzt. Auf jeden Fall hilft auch hierbei keine Scham und keine Duldsamkeit, sondern nur das darüber Reden. Denn der Spaß soll ja weitergehen.

Bei vielen schweren Krankheiten ist etwas Vorsicht geboten gegenüber sexuellen Praktiken, die Herz und Kreislauf unverhältnismäßig belasten.

Ansonsten gilt: Guter Sport hat auch den meisten (Herz-)Kranken noch nicht geschadet.

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