Mohrs Herzschlag: Mister DeLeo, der Held der Eiswüste - DER SPIEGEL
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Mohrs Herzschlag Mister DeLeo, der Held der Eiswüste

Ein Anfall? Ein Rückschlag? - Hilfe! Panik! Es gibt Momente, in denen sich Schwerkranke schleunigst ablenken sollten. Ein amerikanischer Bruchpilot ist Joachim Mohrs persönlicher Retter in der Not. Denn: Hoffnung gibt es selbst in Schnee und Eis.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gestern Nachmittag schlug mein Herz plötzlich unregelmäßiger als sonst, mit mehr Extrasystolen als üblich. Solche Sonderschläge haben fast alle Menschen hin und wieder, meist sind sie unbedenklich. Mich treffen oft mehrere tausend dieser Ausreißer pro Tag, wiederholt wurden sie in 24-Stunden-EKGs aufgezeichnet.

Am Abend kam dann ein Bigeminus hinzu, auch Zwillingspuls genannt. Bei diesen Herzrhythmusstörungen ist jeder zweite Herzschlag ein Extraschlag. Auch diese Querschläger sind in der Regel ungefährlich, allerdings lästig. Ich habe dann das Gefühl, in meinem Inneren ruckle und wackle ein Fremdkörper hin und her.

Als ich im Bett lag, fing mein Herz schnell an, richtig Randale zu machen. Auf wenige normale Schläge folgt ein Bigeminusrhythmus, dann pocht es scheinbar völlig unkoordiniert. Es pumpt mit aller Kraft; ich kann meinen Puls im Herz, im Hals, im Kopf fühlen; ich kann ihn zählen, ohne hinzufassen. Mit jeder Minute wird mein Herzschlag chaotischer.

Dann, plötzlich, die Attacke: Vorhofflimmern! Vorhofflimmern!

Kaum ist es da, ist es schon wieder weg. Der Anfall dauert nur Sekunden. Doch von einem Augenblick zum anderen ist mein Körper in höchster Alarmstufe. Blitzartig kommt die Furcht, Panik pur: Beginnt gleich ein zweiter Anfall? Muss ich wieder in die Klinik? Ab in die Notaufnahme, die Intensivstation, Narkose, Stromstöße? Oh, Gott! Adrenalin flutet meine Blutbahnen, mein Gehirn. Normalerweise sind meine Herzrhythmusstörungen nur durch Elektroschocks zu bändigen. Dass sie von selbst verschwinden, passiert äußerst selten.

Von Schrecken zu Schrecken

Meine ganz private Horrorshow läuft auf Hochtouren: Werde ich durch einen Anfall irgendwann eine Lungenembolie oder einen Gehirnschlag erleiden? Beides kommt vor. Werden sich meine Herzrhythmusstörungen einmal zu einem immer lebensbedrohlichen Kammerflimmern entwickeln? Auch das passiert. Was geschieht dann mit meiner Frau, mit meinem Kind? Meine Gedanken jagen von Schrecken zu Schrecken.

Ängste sind für viele chronisch Kranke treue Begleiter. Mal schleichen sie sich fast unmerklich an, mal überfallen sie einen. Sie können einen Stunden, Nächte, manchmal sogar Tage quälen.

Für mich gibt es nur zwei Arten, mit dem Grauen umzugehen: Einerseits muss ich Sorgen und Verzweiflung bis zu einem gewissen Grad akzeptieren, sie gehören zu schweren Krankheiten wie Schmerzen. Gleichzeit wehre ich mich gegen die Dämonen, versuche die Quälgeister in die Flucht zu schlagen. Gefragt ist dabei - im wahrsten Wortsinn - der Mut der Verzweiflung.

In solchen Situationen helfen mir manchmal Helden aus der Wirklichkeit, Geschichten von Männern wie Peter DeLeo.

Der Hobbypilot Peter DeLeo stürzte mit seinem kleinen Flugzeug vom Typ Maule mit zwei Freunden an Bord in den Weiten der kalifornischen Sierra Nevada ab. Alle drei überleben den Aufprall, wenn auch schwer verletzt - und finden sich in einer frostigen Hölle wieder: Sie sitzen fest in rund 3000 Meter Höhe, in Eis und Schnee, in einem unzugänglichen Niemandsland, rund 30 Kilometer von der Zivilisation entfernt.

Martyrium zwischen Leben und Tod

Der damals 32-jährige DeLeo hat gebrochene Rippen, Brüche am linken Knöchel und an der rechten Schulter, ein schwer lädiertes Knie, tiefe Fleischwunden und Prellungen am ganzen Körper. Auf einem Auge kann er nichts mehr sehen.

Trotz dieser Verletzungen bricht er alleine auf, um Hilfe zu holen, ohne Proviant, ohne Kompass. Es beginnt ein erbarmungsloser Kampf ums Überleben: Hunger, Kälte bis unter minus 20 Grad, Schneestürme, Schmerzen, Erschöpfung und eine schier unerträgliche Ungewissheit. 13 lange Tage und Nächte dauert DeLeos Martyrium zwischen Leben und Tod.

Am Ende kommt Peter DeLeo mit dem Leben davon, die Freunde aber erfrieren in der Eiswüste.

Seine Geschichte hat er einige Jahre später aufgeschrieben. Literarisch ist das Buch ohne Wert, doch mir hat es viel Kraft gegeben. In der Nacht hat sich mein Herz wieder beruhigt, es folgten keine weiteren Attacken. Lange lag ich noch wach - und habe an Mister DeLeo und seinen eisernen Willen gedacht.

Der Kampf geht weiter.


Peter DeLeo: "Crash. Mein Überlebenskampf in den kalifornischen Sierras". Malik Verlag, München; 336 Seiten; 19,90 Euro.

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