Mohrs Herzschlag: Narben machen sexy - DER SPIEGEL
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Mohrs Herzschlag Narben machen sexy

Nach schweren Operationen bleiben oft auffällige Narben zurück, mit denen die Betroffenen dann leben müssen. So erging es auch mir. Mein Rat daher an alle Gezeichneten: Die Male medizinischer Eingriffe trägt man am besten voller Selbstbewusstsein.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Der Himmel leuchtet blau, die Sonnenstrahlen wärmen, der Sommer kommt. Die Menschen schälen sich aus den schützenden Klamotten, es beginnt wieder das große Schaulaufen des Fleisches. Jeder zeigt, was er hat, was ihm gefällt: Den in unzähligen Fitness-Stunden gestählten Bizeps, die hart am Tresen ertrunkene Bierwampe, die neuen Brustimplantate.

Besonders stolz werden Tätowierungen und Piercings von ihren Besitzern vorgeführt. Vom brustgroßen Totenkopf über ach wie süße Glitzersteinchen im Bauchnabel bis hin zu gepflegten Platin-Ringen in beiden Brustwarzen. Selbst das etwas in Verruf geratene Arschgeweih, manchmal auch liebevoll Schlampenstempel genannt, wird immer noch gern präsentiert. Die ganz Harten können sogar ein Branding, ein Brandzeichen, vorweisen. Dabei bin ich mir sicher, kein amerikanisches Rind, verfügte es über ein Bewusstsein, würde sich das freiwillig machen lasse.

Die Hülle des Körpers wird eben von vielen Menschen als Projektionsfläche ihrer Persönlichkeit betrachtet. Aber lassen wir das Psychologengequatsche.

Auf meiner Brust ist auf ewig das Wundmal meiner Herzkrankheit zu sehen: genau 22,5 Zentimeter lang und einen halben bis einen Zentimeter breit - die Narbe, die mich erinnert an die Operation, die mir das Leben gerettet hat, die Narbe, die mir jeden Tag sagt, dass der Kampf noch lange nicht vorbei ist.

Am 2. September 1983 hat ein Chirurg an der Universitätsklinik Tübingen ein Skalpell in die Hand genommen und die Haut auf meiner Brust mit einem Längsschnitt sauber durchtrennt. Dann hat das OP-Team meinen Brustkorb aufgesägt und mich an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen.

Ich falle auf

Mein Herz wurde für zirka 20 Minuten stillgelegt, aufgeschnitten und wieder zugenäht. Das angeborene Loch in der Herzscheidewand, das mich drohte umzubringen, wurde verschlossen. Anschließend haben die Ärzte meine zwei Brustkorbhälften mit Drahtschlingen, so genannten Cerclagen, fixiert und Gewebe und Haut wieder zugenäht.

Seit damals falle ich auf - in Schwimmbädern, am Strand, beim Duschen nach dem Sport, immer wenn ich mit blankem Oberkörper auftrete. Manche Menschen starren auf die Narbe, andere schauen verschämt zur Seite.

Doch was soll’s? Mit gut sichtbaren Wundmalen kann man nur auf zwei Arten umgehen: Entweder einen plastischen Chirurgen aufsuchen und den Makel beseitigen oder zumindest verkleinern lassen - wenn es möglich und einem wichtig ist. Oder zur Verwundung stehen, sie selbstbewusst tragen.

Große Narben sind Ehrenszeichen, sie erzählen von echten Abenteuern, von Gefahr, Schmerz, Verzweiflung, Hoffnung und oft von Rettung. Wer sie hat, hat meist in einen Abgrund geblickt, den andere nicht kennen, der hat etwas Abscheuliches erlebt, kann von einem furchteinflößenden Erlebnis erzählen.

Erotisierende Wirkung

Und Narben können, glauben Sie es mir, sexy sein: Auf eine Freundin in meiner Studienzeit hatte das rosa Fanal meiner Herzkrankheit spürbar erotisierende Wirkung. Welch angenehmer Nebeneffekt.

Doch Achtung: Mit einer Narbe anzugeben, ist so peinlich, wie es mit der Breite von Autoreifen zu versuchen. Fette Rapper, die ihre Schussverletzungen zur Schau stellen, sind nicht weniger spießig als Kleintierzüchter, die behaupten, das dickste Kaninchen des Vereins zu besitzen.

Der Versuch aber, Narben zwanghaft vor anderen zu verstecken, schränkt einen oft nicht nur im täglichen Leben ein, er macht es auch schwer, mit der erfahrenen Krankheit, den erlebten Qualen ins Reine zu kommen. Denn hinter körperlichen Narben verbergen sich oft auch seelische Verletzungen. Eine gefährliche und schmerzhafte Operation kann das Urvertrauen eines Menschen in die Welt und damit sein gesamtes Leben erschüttert. Doch jetzt psychologisiere ich schon wieder.

Jedenfalls muss ich mir für den Sommer eine neue Super-Sonnencreme mit mindestens Lichtschutzfaktor 50 kaufen, damit ich keinen grandiosen Sonnenbrand auf meiner Narbe bekomme. Die Haut dort ist besonders empfindlich. Und eine Dermatitis solaris brennt an dieser Stelle nicht nur extra nachhaltig, sie sieht auch lächerlich aus, als habe mich jemand mit einem leuchtend roten Marker verziert.

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