Mona Stein Die Hexe vom Prenzelberg
Es gibt Bräuche, die überleben jede Revolution. Höflich aber kompromisslos bittet Mona Stein jeden Besucher, die Schuhe vor der Tür ihrer Wohnung auszuziehen. So war das früher in der DDR üblich, und so soll es bleiben. Ein wenig wegen der Tradition, vor allem aber wegen der Sauberkeit. Obwohl der Besucher nur ein Zimmer ihrer Altbau-Wohnung am Gethsemane-Platz betreten darf. Der Raum ist lang und schmal und so eingerichtet, dass man sofort weiß: Hier wohnt eine Künstlerseele.
Die Unordnung ist sorgfältig arrangiert, die Tapeten leuchten farbig, überall liegen Bücher und bunte Tücher, an den Wänden kleben Fotos, Briefe und Zeitungsausschnitte: "Die Hexe vom Prenzlauer Berg" ist klein und kugelig, geht barfuß und trägt einen wallenden Umhang, der ihre Figur mehr betont als verhüllt. Wäre Russ Meyer dem "Orakel von Pankow" jemals begegnet, er hätte Mona Stein sofort für einen Film verpflichtet; die Oberweite von 130 Zentimetern, die von Doppel-D-Cups diszipliniert wird, hätte es auch ihm angetan.
Im Berliner Branchentelefonbuch kann man Mona Stein unter der Rubrik "Wahrsager" finden: "1. anerk. DDR-Wahrsagerin/Hellseherin - bekannt aus Presse, Funk und Fernsehen". Auf ihrer Visitenkarte steht, sie sei "Schauspielerin, Moderatorin, Wahrsagerin", spezialisiert auf "Parapsychologie, Psychotherapie, Lebensberatung, Heil-Hypnose, Fotoanalyse, Partner-Rückführung", kurzum: "Problemlösungen" aller Art. Sowohl als die "Hexe vom Prenzlauer Berg" wie auch als das "Orakel von Pankow" verfügt Mona Stein über eine Gabe, die nur wenigen Menschen eigen ist. Sie kann, so sagt sie, in die Zukunft blicken, vorhersagen, was demnächst geschehen wird. Sogar Gregor Gysi habe sie eine "glänzende Karriere" vorausgesagt, als kaum jemand seinen Namen kannte. Dafür liegen Schleier über der Vergangenheit, ihr Alter ist ein Geheimnis, das sie mit niemand teilen will, eher würde sie verraten, wie viel sie wiegt.
Ihre "erste Vision" hatte sie, als sie gerade fünf Jahre alt war. "Ich sah, dass mein Vater beim Weihnachtsbaumschmücken, also kurz vor dem Fest, vom Tisch fällt, aber wieder aufsteht, unverletzt. Und vier Wochen später ist es dann passiert. Er fiel vom Tisch und stand gleich wieder auf, genau wie ich es gesehen hatte."
Von der Haarschneiderin zur Kartenlegerin
In der Schule wusste sie, wann eine Lehrerin krankheitshalber ausfallen und welcher Mitschüler "in vier Wochen auf Krücken gehen" würde. "Mir war das unheimlich, und die anderen haben mich als Hexe verschrien." Schon früh war ihr bewusst: "Wenn du mit dieser Gabe erwachsen wirst, wird alles noch viel schlimmer."
Der Großvater Otto Marco Juliano Steinetti, ein "Italiener, Jude, Zigeuner und Wahrsager", der um 1900 nach Berlin gekommen war, erkannte ihr Talent und brachte ihr das Kartenlegen und Lesen bei. Doch die Eltern wollten, dass sie "was Solides" lernt. So begann das frühreife Mädchen in einem volkseigenen Friseursalon. "Da hab ich dann gedreht, frisiert und geschnitten und von einem anderen Leben geträumt." Und als sich die Chance bot, ergriff sie sie.
Mona besuchte drei Jahre lang die Schauspielschule von Sabine Schade bei Potsdam und lernte vier Jahre Gesang bei Margarete von zur Mühlen in Berlin. Ihre Abschlussprüfung machte sie als Carmen. Dann wurde sie "entdeckt" und nahm "jede Rolle an, die mir angeboten wurde". In ihrem ersten Film "Das Meer und die Sehnsucht", 1968, spielte sie eine Wirtin. "Mit dem Busen haben sie mich ganz oft als Wirtin genommen." Es waren Musik und Unterhaltungsfilme wie "Zille und ick - ein Filmmusical in Farbe und auf Breitwand", und zuletzt, 1988, die Kriminalkomödie "Der Bruch" von Frank Beyer mit Götz George in der Hauptrolle. Auf diesen Film ist Mona Stein besonders stolz. "Da war ich die Geliebte von Götz George, leider nur im Film."
Nach mehr als 50 Rollen in Defa und Fernsehproduktionen hatte sie sich einen Ruf als solide Kleindarstellerin erarbeitet. "Ich bin im Osten, in der DDR, bekannter als drüben." Sie sagt noch immer DDR, und wenn sie "drüben" sagt, dann meint sie die alte Bundesrepublik. Und es war nicht alles schlecht in der alten DDR. "Man war beschützt und konnte gut leben." Zwar bekam sie nur zwischen 150 und 300 Mark pro Drehtag, aber sie musste auch nur 32 Mark Miete für ihre "Einzimmerwohnung, kleine Küche, kein Bad" bezahlen. "Ich war ein bescheidener DDR-Bürger."
Der Durchbruch kam Ende 1987. Das Kulturhaus Erich Weinert in Pankow plante eine Silvestershow, und der Kulturhausleiter rief im Besetzungsbüro des DDR-Fernsehens an. "Ich brauche eine Schauspielerin, die eine Wahrsagerin spielen soll." Der Mann im Besetzungsbüro sagte: "Nehmen Sie die Stein, die sieht so aus." Und Mona Stein wusste: "Das war vom lieben Gott geschickt, das ist jetzt keine Rolle, das mach ich wirklich."
Silvester 1987 trat sie zum ersten Mal öffentlich auf und sagte den Ballgästen im Erich Weinert Haus die Zukunft voraus. "Die standen bei mir Schlange, länger als am kalten Büfett."
Es war eine mittlere Sensation: eine Wahrsagerin im Land der Planwirtschaft, der Sieg des Okkulten über den Marxismus-Leninismus. Es folgten Auftritte in Kulturhäusern, bei Betriebsfeiern und auf Poolpartys - alle vermittelt von der staatlichen "Konzert- und Gastspieldirektion", weswegen Mona Stein mit einer gewissen Berechtigung heute behaupten kann, sie sei die erste "anerkannte DDR-Wahrsagerin" gewesen.
Lesen Sie im zweiten Teil, warum es Mona Stein mit Gregor Gysi "zu heiß" wurde
An zwei Auftritte kann sie sich besonders gut erinnern. Im November 1988 gab es einen Ball im "Prater", dem Kreiskulturhaus im Prenzlauer Berg. Das Motto des Abends war "Sag mir, wie viel Sternlein stehen", der Eintritt kostete 6,10 Mark, dafür wurde den Gästen die Gruppe Horoskop und die Wahrsagerin Mona Stein versprochen.
"Ich saß auf der Bühne und hab Auskunft gegeben. Von 50 Leuten wollten 48 nur eines wissen: Wann kann ich ausreisen?" Es waren Ärzte, Wissenschaftler, Künstler, die Ausreiseanträge gestellt und noch keine amtliche Antwort bekommen hatten. Und plötzlich sah Mona Stein, wie "Hunderttausende durch die Mauer hindurchströmten, als wäre sie gar nicht da", sie selbst "ging durch, zeigte den Ausweis und war drüben", einfach so. "Ich habe gesehen, dass alle, die gehen wollten, in einem Jahr gehen können, in einem Jahr, da würde es keine Schwierigkeiten geben."
Allerdings, dass die Mauer fallen würde, hat sie nicht vorausgesehen, oder nur indirekt, eine solche Vision wäre sogar für eine staatlich anerkannte DDR-Wahrsagerin zu abenteuerlich gewesen. Ein paar Monate später, Ende März 1989, kam es zu einer schicksalhaften Begegnung im Künstlerclub "Möwe". Die Ostberliner Anwälte feierten ein Fest. "Ich war da engagiert, hatte einen Extra-Raum, kurz nach Mitternacht kam ein kleiner Anwalt mit runder Brille rein, ich wusste nicht, wie der hieß. Ich legte ihm die Karten und sagte: Sie werden mal sehr berühmt werden, aber sie werden Schwierigkeiten mit ihrer Partei haben. Ich konnte nicht sagen: Sie sind in der falschen Partei, man musste ja vorsichtig sein."
Nach zwei Uhr bat der Anwalt die Wahrsagerin an seinen Tisch "und sagte, dass er Gysi heißt", außerdem sagte er einen Satz, den Mona Stein "unglaublich mutig" fand: "Wie die Partei mit den Menschen umgeht, das ist unmöglich und unzumutbar." Gysi dagegen hatte eine ganz andere Art, mit den Menschen umzugehen. Als das Fest zu Ende war, brachte er Mona Stein mit dem Taxi nach Hause. Seitdem findet sie ihn "liebenswert", "intelligent" und "eine faszinierende Persönlichkeit".
Kein Blick für die eigene Liebe
Nach dem Treffen in der "Möwe" ging es informell weiter. "Wir haben uns öfter getroffen", erinnert sich Mona Stein, "bis er mir zu heiß wurde, denn ich habe Angst vor Männern, die über mir stehen, die mir weit überlegen sind." Bei einem dieser Treffen, sagt Stein, habe Gysi ihr ein Angebot gemacht. "Ich sollte in seine Kanzlei kommen und mich als Wahrsagerin um seine Klienten kümmern, Karten legen und so, wenn die Kummer hatten." Und bald nach der Wende habe Gysi ihr "noch mal geschrieben, er wollte sein Horoskop haben und wissen, wie es weitergeht".
Gysi selbst hat eine etwas andere Erinnerung. "Frau Stein arbeitete als Schauspielerin und war eingeladen zu einem Anwaltsvergnügen, um uns allen die Karten zu legen - zur Unterhaltung. Natürlich gehe ich nicht zu Astrologen und glaube auch nicht daran."
Auch die Stasi glaubte nicht an Astrologie, habe aber trotzdem versucht, die Hellseherin anzuwerben. "Die kamen zu mir und sagten: Machen Sie was für uns, dann machen wir auch was für Sie." Doch da hatten sich die Jungs verkalkuliert. "Ich sagte: Wenn ein Mensch mir gegenüber sitzt und mir vertraut, den kann ich nicht verraten, damit kann ich nicht leben. Ich verrate niemand."
Im März oder April 1989 wurde sie ins Außenministerium der DDR gerufen. "Die wussten nicht mehr weiter und fragten mich: Was sollen wir machen? Die Leute wollen ausreisen! Ich sagte: Lassen Sie sie ausreisen, je mehr sie die Menschen einsperren, umso mehr wollen sie weg. Wenn Sie nicht bald handeln, geht alles kaputt." Als Dank wurde sie zu einem Essen im Haus eingeladen, "aber das ist mir nicht bekommen, ich hatte hinterher eine schreckliche Diarrhöe".
Nach der Wende wurde Mona Stein "wie ein Weltwunder" herumgereicht, schrieb Horoskop-Kolumnen für Zeitungen, hatte vier Jahre eine eigene Sendung ("Monas Sternstunden") und behandelte im Privatsender Hundert,6 die Partnerschaftsprobleme der Hörer, Traumdeutung und Erotikberatung inklusive. Für eine Berliner Boulevardzeitung analysierte sie die Spieler von Hertha BSC und wagte für jeden eine Saisonvoraussage ("Er wird Hochs, aber auch Tiefs haben"), während der Millennium-Nacht war sie im Hotel Adlon eingeladen, um den Party-Gästen die Zukunft zu lesen. Die Kriminalität werde zunehmen, mehr Amokläufe seien zu erwarten, es werde Überschwemmungen, Vulkanausbrüche und Erdbeben geben, auch in Europa. "98 Prozent meiner Voraussagen treffen zu, ich kann es an Hand der Rückmeldungen überprüfen." Dass sie bei Gysi mit ihrer Prophezeiung richtig lag, darüber könnte sie sich "den ganzen Tag" freuen, denn "er hat es wirklich verdient".
Nur wenn es um sie selbst geht, wird es problematisch, da versagt ihre innere Stimme. Eine noch zu DDR-Zeiten geschlossene Ehe ging schief, der Mann war ein schwerer Trinker, sie ließ sich nach drei Monaten scheiden. Ihren letzten Partner, "der erheblich jünger war", hat sie vor einem Jahr vor die Tür gesetzt, nachdem sie erfahren hatte, dass er sie "mit einer 17-Jährigen!" betrog. "Bei mir selbst bin ich befangen, bei anderen sehe ich klar."
Und so empfängt sie an drei Tagen in der Woche, dienstags, mittwochs und donnerstags, Männer und Frauen, die meist an Liebeskummer leiden und eine Beziehung retten möchten. "Es kommen aber auch Menschen, die keine Arbeit haben und wissen wollen, ob sie noch eine Chance bekommen." Eine Beratung dauert bis zu zwei Stunden und kostet 125 Euro, Arbeitslose und Rentner zahlen weniger. "Ich helfe den Menschen, ich habe die Gene dazu vom Himmel bekommen."
Vielleicht wird auch ihr eines Tages geholfen. Nach inzwischen "71 Nebenrollen", zuletzt als vollbusige polnische Bäuerin im "Tatort" an der Seite von Peter Sodann, möchte sie, "bevor ich alt und hässlich bin", endlich mal eine Hauptrolle spielen, am liebsten in einem Film von Rosa von Praunheim, ihrem Lieblingsregisseur.
Und zu gerne würde sie Gregor Gysi wieder die Karten legen. Wie es denn so weitergehen wird mit ihm und der Berliner Politik. Aber der kleine Anwalt mit der runden Brille hat sich nicht mehr bei ihr gemeldet.