Moskau ohne TV: "Tiefe Frustration" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Moskau ohne TV "Tiefe Frustration"

Wenn die Moskauer jetzt ihren Fernsehapparat einschalten, sehen sie wegen des Brandes im Fernsehturm nur Schneegestöber auf der Mattscheibe. Psychologen rechnen nun damit, dass die Sorgentelefone in der russischen Hauptstadt nicht mehr stillstehen werden.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Moskau - "Es gibt viele Menschen, vor allem Rentner, die von einer Seifenoper zur nächsten leben. Das ist ihnen nun genommen", sagte ein Psychologe des Sorgentelefons "Ambrumowa". Wenn die Menschen über Tage hinweg keine Ablenkung von ihren alltäglichen Problemen fänden, könnte es zu seelischen Spannungen kommen. Ihre Sorgen und Ängste würden ihnen noch bewusster werden. "Da gibt es natürlich eine tiefe Frustration", schätzt der Psychologe.

Das Feuer im Moskauer Fernsehturm, der rund zehn Millionen Moskauer und viele Menschen in anderen Landesteilen mit Programmen versorgte, schnitt diese nun vom Strom der bewegten Bilder ab. Fachleute rechnen damit, dass die volle Sendekapazität erst in Monaten wiederhergestellt sein wird.

Die Zeitung "Moskowskij Komsomolez" äußerte die Vermutung, der Ausfall des Fernsehens könne ja auch dazu führen, dass sich die Moskauer wieder der alten Zeit erinnerten, als sie noch lasen, Radio hörten oder sich vor den Häusern zu einem Schwatz trafen.

Doch dies scheint eher unwahrscheinlich. "Ich lese keine Bücher und ich werde es auch nicht tun", sagt der 31-jährige Andrej. Er werde jetzt aufs Kabelfernsehen umsteigen und sich so viele Videos wie möglich besorgen.

"Es wird schwer werden ohne Fernsehen, vor allem für ältere Leute", sagt die 77-jährige Anna. Für sie sei das Fernsehen ein Mittel zum Abschalten, um all die Katastrophen zu vergessen, die über Russland und seine Menschen hereingebrochen seien. "Ich habe das Gefühl, dass etwas in meinem Leben fehlt", fügt Anna hinzu.

"Nichts kann das Fernsehen ersetzen", sagt Valentina, 40. Sie sitze jede freie Minute vor dem Apparat und könne sich nicht vorstellen, die Zeit anders totzuschlagen. Die 18-jährige Elena erzählt, ihr Vater sei sehr verärgert, dass er schon zwei Thriller verpasst habe. Olga, 14, will mehr das Internet mehr nutzen, um sich zu informieren.

Doch es gibt auch Moskauer, die etwas Positives in dem Fernseh-Ausfall sehen. "Ich bin sehr froh", sagte die 53-jährige Tatjana. "Mit dem Stopp der Gehirnwäsche haben die Menschen vielleicht mehr Zeit zum Nachdenken."