Flughafenchaos in Moskau: "Sie wissen nicht, wohin sie gehen sollen"
Moskau Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Flugchaos
Moskau - Noch vor knapp einer Woche hatte eine Sprecherin der Firma "East Line", die den Moskauer Airport Domodedowo betreibt, SPIEGEL ONLINE versichert, man sei für den harten Winter bestens gerüstet. Doch jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen die Betreiber des Moskauer Flughafens - wegen massiver wetterbedingter Verspätungen in den vergangenen Tagen.
Der Flughafen werde seit Tagen schlecht belüftet, auf den Toiletten gebe es kein Wasser, sagte eine Reisende der Nachrichtenagentur Interfax. Auch Stromausfälle machten den Wartenden zu schaffen, hieß es. Zudem würden weder Wasser noch Lebensmittel bereitgestellt. Auf den Zubringerstraßen staute sich der Verkehr teilweise bis zu 20 Kilometer.
An den Einstiegsbereichen kam es zu Prügeleien zwischen Passagieren, die sich um einen Platz im Flugzeug stritten, wie die russische Presse berichtete. So machten laut Interfax am Dienstagmorgen Passagiere in Scheremetjewo ihrer Wut bei einer Rauferei Luft - ihr Flug war zum wiederholten Mal verschoben worden.
Ein auf dem Internetportal YouTube veröffentlichtes Video zeigte eine Protestszene auf dem Flughafen Scheremetjewo. Darin sind Hunderte Passagiere zu sehen, die im Boarding-Bereich auf dem Fußboden sitzen und "Schämt Euch" rufen. Anwesende Sicherheitskräfte schreiten nicht ein.
Piloten wollen nicht fliegen
Inzwischen soll sich die Lage entspannt haben: "Man kann von einer vollständigen Normalisierung in den Passagierbereichen sprechen", versuchte Flughafensprecherin Elena Galanowa die Wellen zu glätten. Alle verspäteten Flüge sollten bis Dienstagnachmittag starten, sagte sie dem Radiosender "Echo Moskvy". Allerdings gab es laut einem Gewerkschaftsvertreter Piloten, die sich weigerten abzufliegen, weil sie durch die Wartezeit auf dem Flughafen bereits beinahe die zulässige tägliche Arbeitszeit von zwölf Stunden erreicht hatten.
Eisregen und Stromausfälle führten seit Samstag zu mehr als 200 Verspätungen oder Flugausfällen an den beiden internationalen Flughäfen der russischen Hauptstadt. Einige Passagiere warten seit zwei oder drei Tagen auf ihren Abflug. Viele zeigten sich entrüstet über den Umgang mit den gestrandeten Passagieren, die kaum Informationen erhielten.
Wie die Staatsanwaltschaft am Dienstag in einer Erklärung mitteilte, soll in Scheremetjewo und Domodedowo untersucht werden, was die Ursachen für die Verzögerungen waren. Es gehe darum, die Rechte der Passagiere zu schützen, sagte Staatsanwalt Jewgeni Pospelow der Nachrichtenagentur Interfax.
Das Chaos an den internationalen Flughäfen hatte Kreml-Chef Dmitrij Medwedew auf den Plan gerufen. Der russische Präsident beauftragte Generalstaatsanwalt Juri Tschaika, die Arbeit der Airports in der russischen Hauptstadt zu überprüfen.
Der russische Verkehrsminister Igor Lewitin empfahl den Flughafenverwaltungen, alle Flüge von Moskau nach St. Petersburg zu streichen. "Wir denken, die Leute können stattdessen mit dem Zug befördert werden", sagte er der Nachrichtenagentur Ria Nowosti.
Die Fluggesellschaften geben dem Airportbetreiber die Schuld an dem tagelangen Chaos. So verzögere sich der Abflug einer Maschine nach London seit Montag, da das Bodenpersonal es nicht schaffe, Passagiere und Gepäck zu organisieren, kritisierte British Airways. Hingegen beklagte sich ein Scheremetjewo-Sprecher heftig über die Informationspolitik der größten russischen Fluglinie Aeroflot. "Die Passagiere wissen nicht, wohin sie gehen sollen."