Moskauer Teenie-Stardesignerin: Glitter für Papi - DER SPIEGEL
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Design-Shootingstar: Prinzessin Plastinina

Foto: kiraplastinina.com

Moskauer Teenie-Stardesignerin Glitter für Papi

Im Alter von sechs Jahren nähte sie Kleider für ihre Barbiepuppen, mit 15 dann Latexkleidchen für Paris Hilton: Die russische Designerin Kira Plastinina ist der Shootingstar der internationalen Modeszene. Jetzt soll sie für ihren ehrgeizigen Vater den Weltmarkt erobern.
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Mit 17, heißt es, hat man noch Träume. Kira Plastinina ist jetzt 17. Aber sie träumt nicht mehr. Sie ist ein Wunderkind, sie hat einen Businessplan. Als sie sechs Jahre alt war, hat sie Kleider für ihre Barbiepuppen genäht - und mit 15 dann für Paris Hilton. Sie ist die jüngste Stardesignerin der Welt. "Ich will arbeiten. Ich will mich als Modeschöpferin entwickeln. Mein Vorbild", sagt sie, nachdem ihr Fahrer sie aus ihrer Moskauer Privatschule abgeholt hat, "ist Coco Chanel."

Seit drei Jahren fährt sie der Chauffeur jeden Nachmittag nach Schulschluss in die Firma. Die liegt auf einem ehemaligen Fabrikgelände in Moskau, zentrumsnah, hip und teuer. "Kira Plastinina" steht auf dem Schild am Eingang in verspielter, runder Mädchenschrift, auf jedem "i" statt eines Punkts ein Herzchen. Die Mitarbeiter sind jung, die Wände aus Glas. Fünf Assistenzdesigner und fast 200 weitere Mitarbeiter entwerfen in dem Backsteinbau nach Kiras Vorlagen Kleidung für ihre Kollektion: viel Rosa, viel Schwarz, viel Glitzer.

Kira ist der Shootingstar der internationalen Modeszene. In London verkauft seit Mitte Februar das noble Kaufhaus Harrods an der Brampton Road ihre Serie "Träume von Afrika". 2007 hat Kira auf der Moscow Fashion Week debütiert, 2008 dann schon auf der renommierten Mailänder Modewoche, nebenan residierten die Macher von Versace und Dolce & Gabbana. Es war eine Premiere der besonderen Art: Die Mannequins, die ihre Kleider damals trugen, waren alle älter als sie selbst.

"Sie sind girlie, sie sind süß, und sie sind sexy"

90 Boutiquen verkaufen heute allein in Russland Kiras Schöpfungen, hinzu kommen Dependancen in Weißrussland, der Ukraine und in Kasachstan. 2008 öffnete Kira einen Shop in New York - und zur rauschenden Eröffnungsparty ihres Labels in L.A. rauschte auch HipHop- und R'n'B-Star Chris Brown an.

Sie mache Mode für "Mädchen, die mir ähnlich sind", sagt Kira. "Sie sind girlie, sie sind süß, und sie sind sexy." Kenner der Moskauer Modeszene bescheinigen ihr, den Nerv russischer Teenager zu treffen: viel Bling-Bling und das zu erschwinglichen Preisen. Ein Top von Plastinina kostet 20 Euro, ein Röckchen 40.

Paris Hilton hat Kiras Kleidchen im Jahr 2007 anprobiert. Es war der Höhepunkt eines aufwendigen Marketingfeldzugs, um Kiras Namen in der Fashion-Welt bekannt zu machen. "That's soooo hot", hauchte Hilton im kurzen Latexkleidchen bei einer Plastinina-Schau, "das ist soooo heiß. Ich liebe Kiras Mode." "Paris", revanchierte sich Kira artig, "war immer so nett zu mir." Aber das stimmt natürlich nicht.

Wie beste Freundinnen haben Marketingstrategen die beiden inszeniert. Sie haben bei Promotion-Terminen in Moskau Seit an Seit Platz genommen, links das verruchte It-Girl aus Übersee, rechts ein ziemlich aufgeregter Teenager.

Zwei Millionen Dollar Gage

Damals ist Kira 15, stupsnasig. Sie weiß nicht, wohin mit ihren Händen. Für Paris, B-Promi, Milliardärstöchterchen, deren Ruhm sich auf Partyexzesse und ein Amateurporno gründet, ist das ein schnöder Routinetermin. Zwei Millionen Dollar kassiert sie für den Auftritt in Russland.

Paris rollt mit den Augen, Paris gähnt. Kira soll ihr jetzt Fragen stellen, deren Englisch ist exzellent und akzentfrei, sie hat es auf einer amerikanischen Schule in Moskau gelernt. "Wie lange hast du eigentlich an den Weihnachtsmann geglaubt?", fragt Kira. "Bis 15, bis zu deinem Alter", sagt Paris, "länger als andere Kinder."

Kira, dunkle Augen, braunes Haar, sitzt - Jahre später - in einem Besprechungszimmer ihrer Firma. Die angewinkelten Beine hält sie mit den Armen umschlungen. Sie wirkt fast schüchtern. "Man fragt mich oft, ob ich meine Kindheit nicht verloren habe", sagt sie leise. "Aber ich habe doch Glück, dass ich so früh angefangen habe zu arbeiten. Ich habe mich auch schon daran gewöhnt."

"Der große Gatsby"

Am Wochenende reitet Kira aus, sie hat ein Pferd, Njuscha. Sie schwärmt für angelsächsische Literatur, für Oscar Wilde und Francis Scott Fitzgerald. "Der große Gatsby" ist ihr Lieblingsbuch. Das Drama erzählt die Geschichte des Millionärs Jay Gatsby, eines vermögenden Geschäftsmannes. Gatsby ist attraktiv, erfolgreich und sehr einsam. "Die Geschichte ist traurig, ich weiß", sagt Kira, "aber ich liebe die Atmosphäre des Buches, die rauschenden Feste."

Sie selbst hat derzeit wenig zu feiern, ihre Expansionspläne sind ins Stocken geraten. Bis zu 250 Geschäfte sollten zwischen Washington und San Francisco gegründet werden. Doch die Krise hat das Label Plastinina schwer gebeutelt, die US-Tochter ist pleite. Hinzu kommt ein Rechtsstreit: Die US-Firma PacSun hat Kira untersagt, mit ihrem Namen in den USA zu werben - wegen angeblich zu großer Ähnlichkeit zur PacSun-Marke "Kirra".

Kira hat jetzt den Moskauer Promi-Anwalt Pawel Astachow engagiert. Der Rechtsbeistand der Minderjährigen verfügt über beste Kontakte in die russische Politik: Russlands Präsident Dmitrij Medwedew hat ihn im Dezember befördert, zum Beauftragten für Kinderrechte.

35 bis 50 Millionen für ein US-Abenteuer?

Astachow trägt gern edle Maßanzüge mit Einstecktuch. Er hat schon den Oligarchen Wladimir Gussinskij vertreten und Moskaus mächtigen Bürgermeister Jurij Luschkow. Woher hat eine 17-Jährige das Geld für einen Starjuristen? Woher die 35 bis 50 Millionen Dollar, die das US-Abenteuer von "Kira Plastinina" verschlungen haben soll?

Im ersten Stock von Kiras Atelier, wo Designer und Schneider selten hinkommen, steht die Miniatur eines Zarenadlers auf einem mächtigen Schreibtisch aus kostbarem Holz, Symbol imperialen Herrschaftsanspruchs. Es ist der Arbeitsplatz des Generaldirektors der Holding "KP Stil". Das ist Kiras Vater Sergej Plastinin, ein Moskauer Geschäftsmann.

Das US-Magazin Forbes hat sein Vermögen mal auf 600 Millionen Dollar geschätzt. "Wimm-Bill-Dann" hat er sein Imperium einst genannt - auf Russisch hört sich das so ähnlich an wie Wimbledon, wo alljährlich das glamouröseste Tennisturnier der Welt ausgetragen wird. Plastinin hat in den neunziger Jahren sein Geld mit Säften und Lebensmitteln gemacht.

Papa Plastinin

Jetzt investiert er in den in Russland stark expandierenden Modemarkt und pusht die Karriere seiner Tochter. Das Verhältnis von Kira zu ihrem Vater gilt als eng und liebevoll. Sergej Plastinin soll nach der Scheidung von Kiras Mutter in der Finanzierung der Designerambitionen seiner Tochter auch die Chance gesehen haben, den Kontakt zu ihr nicht zu verlieren.

Neben dem Adler steht ein eiserner Globus auf Plastinins Schreibtisch. Die Kugel zeigt die Erdteile: Asien, Afrika, Australien, Amerika und Europa, und über jeden Kontinent zieht sich quer, statt eines Punkts über dem i ein Herzchen, der Name seiner Tochter: Papa Plastinin hat noch viel vor mit seiner Kira.