Motorradfahrer in Moskauer Metro Zwölf Sekunden Ruhm
Stepan ließ den Motor aufheulen, mitten in der Nacht raste der junge Mann die Treppen hinunter, auf dem Bahnsteig ging die Fahrt weiter. Nichts und niemand konnte ihn aufhalten. Selbst die Polizei war von dem Stunt so überrascht, dass der 20-Jährige über den nächsten Treppenaufgang verschwinden konnte.
Der Extremsportler wollte mit seiner Aktion in der Metrostation Wojkowskaja in einem nördlich gelegenen Außenbezirk Moskaus Aufsehen erregen, doch nun fahndet die Polizei nach Stepan. Denn für die Gesetzeshüter der russischen Hauptstadt ist der Vorfall eine Blamage.
Großeinsatz in der Metro
Eigentlich wollte seit Mitte September die Moskauer Polizei mit einem massiven Aufgebot für mehr Recht und Ordnung in Moskaus Metro sorgen. Nichts weniger als eine umfassende "Entkriminalisierung" kündigte der Polizeisprecher an, um gegen die "gewalttätigen Verbrechen und die Kriminalität in allen Metrostationen der Hauptstadt vorzugehen".
Zwischen den 188 Stationen bewegen sich täglich mehr als neun Millionen Passagiere, verdächtige Personen verschwinden in den Menschenmassen. Deshalb patrouillieren nun Heerscharen von Polizisten fast rund um die Uhr an den Bahngleisen und in den Zügen. Auch sieben Drogen- und 21 Sprengstoffhunden kommen zum Einsatz.
Zudem soll ein neues Ortungssystem für Mobiltelefone Taschendieben und Terroristen das Handwerk legen. Insgesamt wurden mehr als 6000 Kameras installiert. Aus jedem Winkel sollen bis zu 30 Überwachungsvideos das Geschehen in den einzelnen Stationen verfolgen.
Anonymer Held des Internets
Nun zeigen aber unter anderem genau solche Aufnahmen den jungen Mann, der sich am 13. September kurz nach Mitternacht diesen waghalsigen Stunt vornimmt. Erst am Dienstag veröffentlichten Freunde von ihm das Video auf vkontakte, einem russischen Pendant zu Facebook.
Es verbreitete sich innerhalb weniger Stunden. Selbst das Staatsfernsehen wurde auf den Zusammenschnitt der Aufnahmen seiner Helmkamera und der seiner Freunde aufmerksam. Stepans Stunt landete sogar in die Hauptnachrichten des Senders "Erster Kanal" (hier auf YouTube ).
In dem Film lacht Stepan noch seinem Freund zu, bevor er sich in das Abenteuer stürzt. Der Freund filmt mit seiner Kamera wie er dem Biker über das schwierigste Hindernis hinweghilft, einer Schwingtür am Eingang der Metro. Dann gibt der Motorradfahrer Gas: vorbei am Sicherheitspersonal und den Fahrgästen, die aus der letzten Metro steigen. Verwunderte Blicke streifen den Raser, doch die nächtlichen Moskauer bleiben meist unbeeindruckt.
Nicht einmal die Lichtschranke oder die steinernen Stufen hinab zu den Gleisen können Stepan aufhalten. Zwei Passanten springen erschrocken zur Seite, zwölf Sekunden braucht er bis zum Ausgang auf der anderen Seite, dort wartet schon ein weiterer Freund bei der nächsten Schwingtür. Schließlich tauchen drei Polizisten auf, die zögerlich versuchen, Stepan zum Anhalten zu bringen. Doch vergebens, denn der Fahrer verschwindet durch den nächsten Ausgang.
Sieben Jahre oder zwei Euro
"Eigentlich habe ich mir nichts dabei gedacht, ich wollte einfach mal was riskieren und dabei Spaß haben", erzählt Stepan einer Kamera im strömenden Regen vor dem Eingang der Metrostation. Sein Gesicht ist vom Sichtschutz seines Helms verdeckt. Denn er will anonym bleiben.
Dafür hat er einen guten Grund: Ihm droht eine Gefängnisstrafe. "15 Tage zumindest wegen 'Hooliganismus'", meint Michail Swerdlow, Leiter der Moskauer Metropolizei. Dass Stepan gerade in der Anfangsphase der polizeilichen Großoffensive die Gesetzeshüter bloßgestellt hat, ärgert die Polizei besonders. Deswegen fordern sie sogar eine höhere Strafe: Wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt könnte Stepan sogar für ganze sieben Jahre hinter Gitter landen.
Würde es jedoch ausschließlich nach der Hausordnung der U-Bahn gehen, wäre die Strafe geringer: Bei Verstoß der Regeln sind umgerechnet nur zwei Euro Bußgeld angesetzt.