Motorradunfall Motassadeq-Anwalt ringt mit dem Tod
Berlin - Der Unfall des Juristen ereignete sich bereits am Samstag bei Kaltenkirchen nördlich von Hamburg. Bei einem Überholmanöver stieß Josef Gräßle-Münscher mit einem Auto zusammen, das nach Angaben der Polizei plötzlich nach links abbog. Der Anwalt kam mit seinem Motorrad von der Fahrbahn ab und krachte gegen ein Verkehrsschild.
Bei dem Unfall wurde der 58-jährige Hamburger so schwer verletzt, dass er von Notärzten wiederbelebt und mit einem Rettungshubschrauber ins Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf geflogen werden musste. Der Autofahrer blieb unverletzt.
Gräßle-Münscher ringt nach Angaben seines Kollegen im Hamburger Prozess, Udo Jacob, mit dem Tod. "Es sieht sehr schlecht aus, wir können nur noch hoffen", sagte Jacob heute gegenüber SPIEGEL ONLINE. Demnach habe der Jurist schwere Verletzungen am Kopf, multiple Knochenbrüche und innere Verletzungen erlitten. Die Ärzte haben den Patienten in ein künstliches Koma versetzt.
Bereits am Wochenende sei der Angeklagte Mounir al-Motassadeq über den schweren Unfall informiert worden, sagte Jacob. Motassadeq sei schockiert gewesen. "Zwischen den beiden hatte sich neben dem Prozess auch eine tiefe menschliche Beziehung entwickelt", sagte Jacob, "deshalb ist Herr Motassadeq sehr ergriffen."
Wie der laufende zweite Prozess gegen Motassadeq nach dem schweren Unfall weitergeht, ist noch nicht ganz klar. Zunächst aber soll der für morgen anberaumte Termin stattfinden, hieß es nach mehreren Telefonaten zwischen dem Richter und den Prozessbeteiligten. "Der Vorsitzende wird dann mit allen Beteiligten den weiteren Prozessverlauf erörtern", sagte eine Gerichtssprecherin.
Laut Prozessplan war für den morgigen Termin die Vernehmung von Angela D. geplant. Die Bibliotheksmitarbeiterin gilt als wichtige Zeugin der Anklage, da sie Angaben über mehrere Gespräche von Mitgliedern der Hamburger Zelle machte.
Allerdings will Verteidiger Udo Jacob schon bei Verhandlungsbeginn zumindest eine Prozessunterbrechung beantragen. "Wir müssen etwas Zeit haben, um unser weiteres Vorgehen zu besprechen", so Jacob. Deswegen will er sich noch heute Abend mit dem dritten Verteidiger in dem Verfahren treffen.
Theoretisch könnte der Hamburger Jurist Gerhard Strate, der bereits als Verteidiger im Verfahren auftritt, die Rolle von Gräßle-Münscher übernehmen. Anwalt Jacob betonte jedoch, dass es für jeden Ersatzanwalt einige Zeit dauern werde, um sich in die dutzenden Ordner mit Prozessakten einzuarbeiten.
Mounir al-Motassadeq steht in Hamburg wegen der mutmaßlichen Mitgliedschaft in der Terrorzelle der Hamburger Todes-Piloten und der Beihilfe an der 9/11-Verschwörung vor Gericht. In einem ersten Verfahren war er zu 15 Jahren Haft verurteilt worden. Dem Bundesgerichtshof waren jedoch Zweifel an dem Rechtsspruch gekommen und das Verfahren wurde zurück nach Hamburg verwiesen. Nach jetzt aus den USA gelieferten Zeugenaussagen, die Motassadeq entlasteten, wird im zweiten Prozess kaum noch mit einer Verurteilung im Sinne der Anklage gerechnet.
Der verunglückte Gräßle-Münscher gilt bundesweit als in Terrorprozessen erfahrener Anwalt. Der 1946 im bayerischen Altenberg geborene Jurist studierte in München, Berlin und Oxford. Seine Doktorarbeit schrieb er 1982 über Kriminelle Vereinigungen. Im Anschluss verteidigte er mutmaßliche Terroristen der kurdischen PKK und andere Terrorverdächtige.
Matthias Gebauer