Much love
Der Maler, der die Porträts des Präsidentenpaares in Öl verewigen soll, ist bestellt. Der Ghostwriter, der Nancy Reagans Tagebuch in eine Bestseller-Biographie umschreiben wird, ebenfalls. Der Buchvertrag mit dem New Yorker Verlag Random House ist schon unterzeichnet.
Das Modell eines »Ronald-Reagan-Erinnerungszentrums«, einer sogenannten Presidential Library, steht im Büro der Reagan-Stiftung zu Los Angeles, Baubeginn wird noch vor Jahresende sein. Ein Büro im 33. Stock des Fox Plaza Tower, in dem der Ex-Präsident gelegentlich arbeiten will, ist angemietet.
Ronald Reagan läßt planen und packen für die Heimkehr in jenen Staat, in dem er seine Karriere begann - als Schauspieler in Hollywood, antikommunistischer Propagandist, Gouverneur, Vertrauter von rechten Finanziers, Verlegern und Industriellen. Sie wollen ihren Schützling auch als Pensionär verwöhnen.
Eine Villa im Reichen-Getto Bel Air von Los Angeles, die rund 20 Reagan-Freunde, darunter der Auto-Großhändler Holmes Tuttle, schon 1986 für 2,5 Millionen Dollar gekauft haben, steht bezugsbereit, die Sicherheitsarbeiten sind abgeschlossen: Fernsehkameras observieren das Gelände, Sensoren an den Zäunen melden Eindringlinge an das Wachhäuschen am Tor.
Das Präsidentenpaar, Astrologen zugeneigt und abergläubisch, hat die Schilder mit den Hausnummern austauschen lassen. Die Reagans wohnen künftig an der St. Cloud Road im Haus mit der Nummer 668 und nicht - wie die Vorbesitzer - Nummer 666, weil dieser Zahlenkombination satanische Bedeutung nachgesagt wird.
Je näher das Ankunftsdatum des Mannes aus Washington rückt, um so intensiver stellen sich die Reagan-Nachbarn vor allem eine Frage: »Wird unser Viertel nun zum Zoo?«
Ein Finanzier aus der Nachbarschaft erinnert sich an »das schreckliche Durcheinander«, als der Präsident einmal zum Dinner kam: Hubschraubergeknatter über dem Dach, Secret-Service-Leute, die dem Bel-Air-Bewohner die Zufahrt zu seinem eigenen Grundstück verwehren wollten, »obwohl ich in meinem Rolls-Royce-Cabriolet saß«.
Noch gibt sich die exklusive Bürgervereinigung Bel Air Citizen Association mit ihren 1800 Villenbesitzern ungewöhnlich gelassen und geduldig: »An VIPs haben wir hier nie Mangel gehabt«, sagt Elaine Gerdau, die Managerin, »Prominenz war für uns nie ein Problem.«
Vorausblickend jedoch verkaufte Bettina Bancroft Klink, eine Dow-Jones-Erbin, deren Vermögen auf 225 Millionen Dollar geschätzt wird, ihr Reagan-nahes Anwesen. Ihr Argument: »Die machen die Nachbarschaft kaputt.«
Damit meint sie nicht allein die Polizeitruppen, die nahezu unentwegt durch Bel Air patrouillieren werden, sondern vor allem die Touristenscharen, die, so ein Mitglied des feinen Bel Air Country Club, »hier bald wie Elefanten herumstampfen dürften«.
Juden, Schwarze und Chinesen, die noch vor wenigen Jahrzehnten in Bel Air Grundstücke nicht erwerben konnten, mußte die örtliche Bel-Air-Elite inzwischen hinnehmen - Schwarz und Weiß sind vereint in dem Bewußtsein, so reich zu sein wie nur wenige Menschen in Amerika.
Sie können sich Privatmaschinen vom Typ Boeing 737 leisten, sehen sich Filme in ihren unterirdischen Kinos an und halten sich in ihren eigenen Turnhallen fit. Sie lassen weder Werbeplakate, Tankstellen noch McDonald's-Imbißbuden zu. Aber Hinweistafeln warnen: »Armed Response«, auf Eindringlinge wird geschossen.
»Wer sagen kann, ich wohne in Bel Air«, meint John Aaroe, Manager der auf feine Kundschaft und hohe Preise spezialisierten Immobilienfirma Douglas Properties im nahen Beverly Hills, »muß nichts mehr hinzufügen.«
Die Mehrheit der Liegenschaften wird so um die sechs Millionen Dollar gehandelt, obschon es sich oft nur um Sommerresidenzen handelt. Eines der Nachbargrundstücke zum Reagan-Besitz ging sogar für 13,5 Millionen Dollar weg, ein zweites im März für 14,7 Millionen, immerhin mitsamt Inneneinrichtung. Eineinviertel Prozent des Kaufpreises sind jährlich an Grundsteuern fällig. Ohne Gärtner, Zofe und Wachmann, addiert Makler Aaroe, »kommt man natürlich nicht zurecht«.
Die Nachfrage nach den Besitzungen an den mit Zitronen- und Orangenbäumen, Palmen und kurzgeschorenem Rasen gesäumten Straßen, die »Siena« heißen, »Chantilly« oder »Perugia«, ist weit größer als das Angebot. Selbst während der Rezession vor sieben Jahren blieben die Grundstückspreise laut Makler Aaroe »relativ stabil«, denn »die Leute, die hier wohnen, müssen nicht gleich verkaufen, wenn es an der Börse wackelt«.
Zu ihnen zählen etwa Lloyd Cotson, der mit dem Neutrogena-Kosmetikkonzern schwer verdient hat, oder TV-Produzent Jerry Perenchio, dessen Vermögen auf 400 Millionen Dollar geschätzt wird. Scheinwerferlicht erhellt nächtens die Einfahrt zum Anwesen von Elizabeth Taylor, die jeden Besucher über Fernsehkameras observieren läßt.
Wie alle Bel-Air-Bewohner hat sie »Angst vor Einbrechern« - verständlich. Denn in antiken Rahmen hängen an den Wänden ihres Wohnraums Gemälde von Degas, Monet, Utrillo und Frans Hals. In einer Diele, die zum Eßzimmer führt, schmückt ein Warhol ("Elizabeth") mit der Widmung »To Elizabeth with much love« die Wand.
Bisher verharren die Touristen-Kleinbusse der »Hollywood Tours« zwar vor dieser oder jener Villa ("Hier hat Alfred Hitchcock gelebt, dort Cary Grant, hier Jerry Lewis, dort Howard Hughes, hier Henry Fonda"), doch kaum je ist eine Bel-Air-Bewohnerin wie Elizabeth Taylor leibhaftig zu entdecken.
Die Bel-Air-Straßen wirken meist wie ausgestorben. Lediglich die Lieferwagen der Catering Services, die Hummer- und Kaviarhäppchen für die Champagner-Stunde anliefern, sowie Scharen von mexikanischen und philippinischen Gärtnern, die das unendliche Rasenreich immerfort maniküren, lassen auf die Anwesenheit der Reichen schließen.
Einfache US-Bürger treibt weniger der Neid zum Besichtigen der Luxussiedlung als Neugierde auf das Leben jener, die den amerikanischen Traum realisieren konnten. Zu Dutzenden stehlen die Besucher die Warntafeln der Polizei, die vor den Millionärsquartieren stehen und verkünden: »Protected by Bel Air Patrol«.
Was sich tatsächlich hinter Gummibäumen und Mauern, Rosensträuchern und Palmen ereignet, wissen nicht einmal Klatschblätter wie der »National Enquirer« oder »People": Die Reichen von Bel Air schützen ihren Alltag wie Staatsgeheimnisse.
Und wer in dieser Society nicht zum Aussätzigen werden will, hält sich an die ungeschriebenen Gesetze. Photographen etwa »sind hier unerwünscht, auch in unserem Hotel«, sagt George Goeggel, einer der Manager des Bel Air Hotel, »unsere Gäste wollen anonym bleiben und ihre Ruhe haben«.
In diesem Hotel, das der Schwester des ehemaligen Silber-Fürsten Bunker Hunt, Caroline Rose Hunt, gehört, heiratete einst die Reagan-Tochter Maureen. Jetzt hocken dort die Reagan-Vertrauten beim sonntäglichen Brunch zusammen - schon vor der Rückkehr ihres Chefs.
Hoch oben auf seinem Pensionärshügel, dessen sind Reagans Freunde schon heute gewiß, wird der Ex-Präsident nicht untätig bleiben.
In seiner Villa soll ein Tonstudio eingerichtet werden, damit Ronald Reagan dreimal wöchentlich der Nation über Rundfunk seine Gedanken zu politischen Ereignissen mitteilen kann. #