Mümmlers Erweckung - DER SPIEGEL
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SENIOREN Mümmlers Erweckung

Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben: Ein Kieler Anthropologe will vereinsamten Witwern das Renten-Konkubinat schmackhaft machen.
• aus DER SPIEGEL 5/1998
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn ein Weib sich zur ewigen Ruhe bettet, hinterläßt es mitunter einen beklagenswerten Trauerfall - den Witwer.

Bitter und haltlos tigert der Hinterbliebene durch das stille Stübchen. Der Haushalt, den jahrzehntelang die brave Gemahlin versorgte, gerät in schreckliches Chaos. Das Essen kommt auf Rädern, das Geschirr verdreckt, die Kleidung verspeckt. Irgendwann wird der alte Herr ganz »klosig-trübe, in der Wohnung beginnt es zu riechen«. Und spätestens in dieser olfaktorisch bedenklichen Phase erhebt sich die Frage: »Warum lassen wir diesen Mann allein verelenden?« Ein Gelehrter, selbst in reifen Jahren, gibt jetzt die Antwort: Hans W. Jürgens, 65, Anthropologe und Bevölkerungswissenschaftler an der Universität Kiel, möchte den betagten Haushaltstölpeln eine neue, zutrauliche Gespielin vermitteln.

Männer ab 7o Jahre hat der Professor im Visier, lebensuntüchtige Zausel zumeist, die zwar vital von ihren Kriegserlebnissen schwadronieren, aber sonst kontaktarm und muffelig im Fernsehsessel verkalken. Diese maulfaulen Mümmler will der Wissenschaftler mit sanfter Gewalt in die Damenwelt eskortieren. Schließlich würden, so schätzt der Professor, etwa »3o bis 4o Prozent aller allein lebenden älteren Frauen gern einen Mann betüddeln«, zum Beispiel in einer finanziell ergiebigen Partnerschaft, die einst unter dem Rubrum »Onkel-Ehe« populär war.

Familien- und Beziehungsprobleme sind dem Menschenkundler Jürgens seit langem vertraut. Er sieht sich als einen der »Väter der modernen Ehevermittlung« und leistete schon in den sechziger Jahren internationale Pionierarbeit im »Ehemäklerwesen«. In Hamburg beriet er damals ein großes Heiratsinstitut. Aus dem kommunistischen Prag ereilte ihn Mitte der Siebziger der bevölkerungspolitisch wertvolle Ruf, die tschechoslowakische Paarungslust anzukurbeln. Jürgens etablierte Partneragenturen; die Geburtenrate stieg erfreulich. Auch in Ostasien hat er schon Spuren hinterlassen und Japaner in Fragen der Gattenwahl unterrichtet.

Freilich nahm diese fruchtbare Mäkelei den Professor so in Beschlag, daß die eigene Ehe mit einer erfolgreichen Kieferchirurgin nach 18 Jahren in die Binsen ging. Aber Jürgens, ein ausgemacht fideler Vertreter der fröhlichen Wissenschaft (Lebensmotto: »Spaß und Erfolg haben"), ist eh nur mit seiner Arbeit vermählt.

Rastlos ackert dieser Mehrzweck-Akademiker in diversen Furchen. Er hat beispielsweise schon Größe und Gliedmaßen des Durchschnittsdeutschen vermessen und ermittelt, daß der weibliche Kleinfinger - statistisch betrachtet - 5,8 Zentimeter mißt. Segensreich wirkt Jürgens in der Verbraucherberatung, für die Stiftung Warentest und das »Weltnormungswesen«.

Er testet unermüdlich die ergonomische Qualität lebensnotwendiger Gebrauchsgüter, etwa Sitzmöbel für Lufthansa-Flugzeuge oder den ICE. Gegenwärtig ist der Professor in der Betten-Forschung tätig und prüft Matratzen auf ihre Schweißverträglichkeit. In dieser Funktion wird er auch schon von Universitätskollegen konsultiert, die ihren Argwohn gegen derlei lebensnahes Treiben kurzfristig überwinden und sich nach kommodem Federkern für das eigene Schlafgemach erkundigen.

Eine behagliche, strapazierfähige Matratze soll auch in der Welt gerontischer Zweisamkeit eine tragende Rolle spielen. Jürgens begrüßt ausdrücklich sexuelles Begehren im Renten-Konkubinat. Ein standfester Lebegreis, 8o, etwa hat ihm kürzlich hochbeglückt von seinem Leistungsvermögen bei einer libidinös aufgeweckten 79jährigen berichtet.

Jetzt verhandelt der verschmitzte Kuppler mit kirchlichen Kreisen und sozialen Verbänden wie der Arbeiterwohlfahrt über Methoden der Senioren-Vereinigung. Er selbst will aber nur »die Institutionen wachmachen«, anstoßen und anregen, finanzielle Interessen hegt er nicht. Mild lächelnd hat er den Vorwurf feministischer Kräfte zur Kenntnis genommen, er wolle unschuldige, alte Damen erneut in eheliche Sklaverei treiben.

Jürgens sorgt sich mehr um das eigene Geschlecht. Denn die Witwer, so glaubt er, sind meist scheue, alte Knaben, die eher verängstigt in eine partnerschaftliche Zukunft blicken und womöglich nur mit Beihilfe energischer Sozialarbeiter zu einem Rendezvous bereit sind. Den Gelehrten wundert das nicht, weil »manche eloquente Damen mit Bemutterungstrieb« auch »recht strenge Herrinnen sind«. Das erinnert ihn zuweilen hart »an die sadomasochistische Szene«.

Dem Gedanken an ein eigenes Konkubinat möchte Jürgens nicht nähertreten: »Wer einmal weiß, wie Fleischsalat gemacht wird, will ihn nicht mehr essen.«

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