Münchner Oktoberfest Masshalten im Waden-Wonderbra
Es gibt Münchner die das Oktoberfest hassen - so wie manche Hamburger den Dom, manche Hannoveraner das Schützenfest und sogar manche Kölner den Karneval. Das Schlimmste aber ist: Nirgendwo sonst gibt es neuerdings so eine Renaissance des Trachtenzwangs wie auf der Wiesn. Okay, Köln mal ausgenommen, aber da kann man auch als Osama Bin Laden verkleidet herumlaufen, wohingegen man in München mittlerweile gefangen, geknebelt und bei Wasser und Brot gehalten würde.
In der bayerischen Landeshauptstadt ziehen die Preise für alberne Lederhosen oder Dirndl kurz vor dem Anzapfen noch mal richtig an - und selbst beim Kostümverleih muss man schon 80 Euro tägliche Leihgebühr für eine richtig bajuwarische Ausstattung hinblättern. Auf die Egalitätsspitze getrieben hat es kürzlich ein Münchner Lederhosenhändler, der das "1. Königlich-Bayerische Wadl-Implantat" erfunden hat. Der "Wonderbra für Männer", wie die "Süddeutsche Zeitung" begeistert ausruft, soll selbst aus "Jammerwadln" stattliche Unterschenkel in die Kniestrümpfe zaubern.
Es gibt also Menschen, die sich dem Fest konsequent verweigern, weil sie sich nicht in den Sadomaso-Aufzug dieses lustigen Volkstammes quetschen wollen. Weil sie einen Anschlag von Neonazis befürchten. Weil sie nicht durchschnittlich 74 Euro ausgeben wollen und damit zu einem Wirtschaftswert von knapp 954 Millionen Euro betragen möchten. Weil sie nicht im Auto übernachten möchten, wie es sechs Prozent der Besucher machen wollen. Weil sie nicht auf ein Zamperl (wie das beliebte Haustier Rauhaardackel hier heißt) treten möchten und dann zum Testlauf für "Hau den Lukas" missbraucht werden wollen. Diese Menschen sind vernünftig. Doch trotz dieser Helden des Alltags finden sich Jahr für Jahr genug Verrückte (darunter viele Japaner), die sich den Ritualen der Eingeborenen bedingungslos unterwerfen.
700-Meter-Steh-Pinkel-Plätze
Mit Hunderttausenden anderen lassen sie sich gerne auf der Wiesn rumschieben und kämpfen, trotz 30 Grad und strahlend blauem Himmel, mit Händen und Füßen um einen Sitzplatz in einer dunklen, verrauchten Höhle, die sich hier Festzelt nennt. Eigentlich tun sie das nur, damit sie sich anschließend von einer unfreundlichen Bedienungen "a Mass" auf den Biertisch semmeln lassen, bis zu 6,80 Euro für den Liter Gerstensaft hinzublättern - und um kurze Zeit später wie Rosi Mittermeier alkoholisierte Mitmenschen als Slalomstangen benutzend ein paar Zentimeter (der insgesamt mehr als) 700-Meter-"Steh-Pinkel-Plätze" zu ergattern.
Letztendlich ist das Oktoberfest nicht mehr - aber eben auch nicht weniger. Und irgendwann, beim vierten oder fünften Mass und unter der ständigen Belehrung von CSU-Sympathisanten ("des heißt a Mass - mit kurzem Vokal") ist dann auch dem Autor dieser Zeilen die Scham vergangen. Ihm ist es dann egal, dass er nur mit Bermuda-Shorts und (angedeutetem) Trachtenhemd bekleidet, belächelt und von der Menge aus tiefstem Herzen verachtet wird.
Nun, zu einem rundherum gelungenen Wiesn-Tag (nur die ganz Harten halten von elf Uhr morgens bis spät abends durch) gehört mindestens noch ein Brathendl. Die Hühnerbestattungsinstitute verzeichneten im vergangenen Jahr genau 459.259 Stück Federvieh, die ihr Leben für eine gelungene Wiesn gaben. Auch wurden 87 Ochsen geopfert und seither laufen 58.746 Schweine ohne Hax'n herum - aber damit genug mit der Statistik.
Na, vielleicht noch eine beeindruckende Zahl: Insgesamt wurden vergangenes Jahr 3700 Dinge gefunden - darunter 1200 Kleidungsstücke - von BHs zu Unterhosen und Socken. Aber auch, das ist schon sehr beeindruckend und könnte den Pilgercharakter der Wiesn erklären: Neben vier Gebissen auch zwei einzelne Krücken und einen Elektro-Rollstuhl.
Die ganze Wiesn ist ein Irrgarten
Oktoberfeste nach dem Münchner Vorbild gibt es mittlerweile an den abgelegensten Orten auf der ganzen Welt: Sei es im brasilianischen Blumenau, im kanadischen Kitchener, im US-amerikanischen Frankenmuth in Michigan - oder (ganz beeindruckend) mit einem (!) Festzelt vor dem Roten Rathaus in Berlin.
Da halten wir uns doch lieber ans Original. Schließlich gibt es in München noch die größte Auswahl an Lebkuchenherzen mit den abgefahrensten Sprüchen. Und auch so ein Gedöns wie einen antiquarischen Flohzirkus (mit ganz alten Flöhen), Kettenflieger, den Freifallturm "Power Tower 2" mit 66 Meter Höhe und das Fahrgeschäft "High Energy" finden sich. Letztes sei besonders denen empfohlen, die nach ein paar Mass nicht mehr auf den natürlichen Verdauungsvorgang warten können oder wollen - und nach der ultimativen Beschleunigung suchen.
Nur die Irrgärten brächte man eigentlich nicht, denn im Grunde ist das die ganze Wiesn.
Doch wenn man gaaanz zum Schluss an der Gruselwelt "Mystery" vorbeikommen sollte, dann stelle man sich bitte mal ein paar Minuten davor und lausche andächtig zum Abschied den Worten der Tonbandstimme: "Ich bin das hässliche Gesicht, das Du am Ende Deines Weges siehst." Vielleicht fällt einem dann der Blick in den Spiegel am nächsten Morgen nicht so schwer.
"Die von der bayerischen Landesregierung geförderte Massenintoxination endet am Sonntag, 5. Oktober, um 23.30 Uhr", schrieb einst die "taz". Dem wollen wir uns mit der Hoffnung auf eine "friedliche Wiesn" anschließen.