Mutige Retter Die Sehnsucht nach dem tosenden Meer
Petra Steffens. Am Tag, nachdem ihr Mann über Bord gegangen war, als ganz Neuharlingersiel über den Unfall sprach und die Medien schon die Schlagzeile formulierten vom schiffbrüchigen Seenotretter, an diesem Tag bekamen die Steffens Besuch. Hätte man ihn, Dieter Steffens, nur 15 Minuten später gefunden im eisigen Wasser, es wäre ein Kondolenzbesuch gewesen. Geschrien hatte er im Meer, auch gebetet, obwohl er dies als Junge das letzte Mal tat und selbst Weihnachten nicht in die Kirche ging, jetzt aber, inmitten der tosenden Nordsee, betete er laut, und er dachte an die Kinder unterm Tannenbaum, an die Eltern und an sie, Petra, seine Frau, und zwischendurch gab es Momente, in denen er das Bewusstsein verlor, doch dann schrie er wieder, eine ganze Stunde lang, bis ihn ein anderes Rettungsboot hörte. Ein Hubschrauber zog ihn aus dem Wasser, blau waren seine Beine wegen der Unterkühlung, 31 Grad Körpertemperatur. In der Stunde, als er gegen die Wellen und den Tod kämpfte, hatte er vier Kilo abgenommen.
Am Tag danach also, gerade erst hatte Petra ihn aus dem Krankenhaus geholt, klingelte es, und vor der Tür stand ein anderer Seenotretter. Den ganzen Nachmittag saßen sie zusammen im Wohnzimmer, und Petra Steffens, die Frau, die fast Witwe geworden wäre, ließ die beiden allein. Sie verließ den Raum, wie sie sagt, aus "Respekt vor dem Seemann".
"Ich konnte es nicht nachempfinden", sagt Petra Steffens. "Ich kannte solche Situationen ja nur aus dem Fernsehen." Doch sie merkte, wenn er beim Tanzen ihre Hand drückte, als ob er sich festhalten wollte, und sie sah seine Tränen, ganz plötzlich kamen die auf einer vergnügten Hochzeitsgesellschaft. "Es hat uns nicht voneinander weggebracht", sagt sie.
Jedes Jahr am 21. August feiern sie Dieters "zweiten Geburtstag". Petra zündet ihm eine Kerze an, die Tochter gratuliert, ein Kollege vom Seenotkreuzer kommt vorbei. Abends gehen sie zum Jugoslawen essen. Letzten August hat Petra Steffens zum ersten Mal nicht daran gedacht. Es war so viel los, Silberhochzeit und so weiter. Doch Dieter hatte den Tag nicht vergessen. Er trank mit den Männern von der Reederei ein Bier auf seine Rettung.
Dieter Steffens wollte schon immer zur "Gesellschaft". So nennen die Leute im Dorf die "Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger", die DGzRS. Die "Gesellschaft" gehört zur Gesellschaft von Neuharlingersiel, Ostfriesland, und wer zu der einen gehört, gehört meist auch zu der anderen. Zum Bewerbungsgespräch ihres Mannes damals, 1981, hatte man auch Petra eingeladen. Die Zentrale in Bremen wollte wissen, glaubt Petra, ob ihre Beziehung zu Dieter gefestigt ist. Zwei Wochen zu Hause, zwei Wochen an Bord, so ist der Arbeitsrhythmus eines festangestellten Besatzungsmitglieds. Manche Ehe, hieß es, sei schon gescheitert, weil die Frauen die lange Abwesenheit ihrer Männer nicht ertrugen. Und Petra war ja erst 19. Doch die Sorge des Vorgesetzten erwies sich als unnötig. "Für eine Frau ist das auch ganz schön, 14 Tage für sich zu haben", sagt Petra Steffens. Dieter bekam den Job.
Die Männer auf dem Seenotkreuzer kochten Essen und immer wieder Tee, sie wuschen ab, sie saugten Staub, sie machten das Schiff sauber, dienstags innen, mittwochs außen. 7.30 Uhr Frühstück, 11.30 Uhr Mittagessen, pünktlich auf die Minute genau, 18 Uhr Abendbrot, danach Kartenspielen, Knobeln, Fernsehen. Von 12 bis 15 Uhr schliefen alle vier Retter, egal, ob sie im Hafen lagen oder draußen auf Position. Die Mittagsstunde ist heilig, lernte Petra als Erstes, da durfte sie keinesfalls anrufen.
Manchmal hatten sie 14 Tage lang keinen Einsatz, dann wieder suchten sie 48 Stunden hintereinander nach einem vermissten Schiff. Sie waren Helden auf Stand-by. Nach Ende der Schicht, wenn ein Mensch dem Tod entrissen oder nur der Motor gewartet, das Wetter vermeldet worden war, kehrten sie zurück in ihr Heim aus Backstein, in ein Leben hinter ordentlich geschnittenen Hecken. Zu Hause erzählte Dieter nichts von der Arbeit. Was an Bord passiert, bleibt an Bord, altes Seemannsgesetz. Petra störte es nicht. Wenn die Männer mit ihren Ausdrücken kämen, verstehe sie sowieso kein Wort. Jeden zweiten Donnerstag machten die Frauen Ausflüge ins Leben der Männer. Petra brachte die Kinder und die Schwiegereltern mit und Selbstgebackenes dazu, mal Marmor-, mal Apfelkuchen, und dann machte man es sich gemütlich an Bord. Zu Hause war es nicht immer gemütlich, Petra kellnerte, stand nachts hinterm Tresen, vermietete Gästezimmer. Als der Sohn eine Kehlkopfentzündung bekam, als die Kinder im Krankenhaus lagen, als sie im Schlafzimmer einen Wasserrohrbruch hatten, immer weilte ihr Mann gerade auf dem Meer. Selbst bei der Geburt der Kinder war er nicht bei seiner Familie in Neuharlingersiel, sondern bei der zweiten "Familie" an Bord. So nannte er die Gemeinschaft auf dem Seenotkreuzer.
Unter Wellen begraben
Als Dieter hörte, ein Retter werde vermisst, Bernhard Gruben, konnte er nicht mehr still sitzen. Plötzlich waren die Bilder wieder da, er selbst im Wasser, unter Wellen begraben, es schien ihm, als sei es gerade erst passiert, gestern. Längst schon hatte er bei der Gesellschaft gekündigt. Der Grund: Magenkrämpfe vor Angst, beim Einsatz. Und jetzt, nach dieser Nachricht, sollte er in Urlaub fahren? Wo alle Fischkutter hinauswollten, um einen der Ihren zu bergen, wenigstens den Leichnam? Sie habe ihm angeboten, die Abreise zu verschieben, sagt Petra. "Meine Frau meinte, ich müsse weg", sagt Dieter. Auf jeden Fall fuhr Dieter Steffens am 4. Januar nicht hinaus auf die stürmische See. Er fuhr nach Bayern. "Ich konnte ja sowieso nichts machen", sagt er. Bei der Beerdigung, später, trug er den Sarg. 45 tote Seenotretter zählt die Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger seit ihrer Gründung im Jahr 1865. 1936 war der letzte Neuharlingersieler Rettungsmann im Einsatz umgekommen, fast 30 Jahre vor Petras Geburt. Und dann plötzlich Dieters Unfall, 1990, und Bernhards Tod, 1995. "Das sitzt bei den Frauen", sagt Dieter Steffens.
Im selben Jahr, in dem Bernhard Gruben starb, fing Dieter wieder als Freiwilliger bei der Gesellschaft an. Es habe gekribbelt, sagt er. Fähre fahren reichte ihm nicht mehr, als Steuermann. Er sehnte sich nach ein bisschen Abenteuer, und Petra hielt ihn nicht davon ab. Seitdem klopft nachts der Vormann des Rettungsboots "Neuharlingersiel" ans Fenster. "Der kennt jeden Schlafanzug von mir", sagt Petra Steffens. Sie ist immer als Erste wach, und sie weiß, was die Männer gleich sagen werden. Vormann: "Dieter, wir müssen raus!" Dieter: "Jo!" Dann geht Dieter. Neulich, als sie meinte, die Wände würden beben, als die Jalousien klapperten, die Dachziegel fielen und die Sturmflut sogar ein Frachtschiff auf den Parkplatz spülte, blieb Petra wach und dachte: Wenn es jetzt klopft, lass ich ihn nicht gehen. Und wenn ich ihn festketten muss. Ob er tatsächlich geblieben wäre? Petra glaubt es nicht. Sie selbst traut sich nur mit den Füßen ins Meer, schwimmen kann sie nicht. Die See ist ihr unheimlich. Sie kommt eigentlich aus Lüdenscheid.
Mit zwei Koffern war sie damals an die Küste gezogen. Heute, über 20 Jahre später, sitzt sie am alten Esstisch von Dieters Großeltern, es ticken die Uhren von Dieters Vorfahren, der Salzpott, das Weinglas, alles stammt aus der Familie ihres Mannes. Einen gewissen Grad der Anerkennung hätten die Steffens in Neuharlingersiel, sagt Petra. Sie bezeichnet die Sippe gern als "ostfriesischen Adel" und lacht.
Angelika Steffens. Der Rettungsschuppen am Hafen ist eine Galerie der großen Männer. Es blicken mit ernsten Gesichtern die Vorfahren der Steffens von der Wand, eine Dynastie der Retter, ihr bärtiger Urahn: ein gewisser Harm Steffens, von 1873 bis 1902 Vormann auf dem Ruderboot. Im Museum werden Reliquien aufbewahrt, Zeugnisse des Heldenmuts, dieser Ort birgt alles, woraus sich die Mythen speisen vom Kampf des Menschen gegen die Naturgewalt. Holzriemen, Korkwesten, Hosenbojen künden von einer versunkenen Welt, in der die Männer zwölf Stunden bei Sturm und Kälte im offenen Boot ruderten, die Kleidung durchtränkt von eisigem Meerwasser. Von den Frauen der großen Männer ist Folgendes überliefert: Die eine schloss die Haustür hinter ihrem hinauseilenden Mann und löschte das Flurlicht. Die andere, Mutter von fünf seefahrenden Söhnen, drei davon Vormänner bei der Gesellschaft, soll geseufzt haben: "Ach, wären doch meine Jungs Postboten geworden."
Heinz Steffens sagt: "Wenn du heute rausgehst, ziehst du einen Pullover mehr an." Die meisten seiner Einsätze, die er als Freiwilliger fährt, sind Krankentransporte von Spiekeroog. Die dauern nur eineinhalb Stunden. Ab und zu holen sie mal einen Segler rein. Als Angelika Heinz heiratete, war er schon bei der Gesellschaft, war er schon Fischer, war er schon bei der Feuerwehr, und wohl hätte Heinz auch eine Bayerin genommen, aber nur, wenn sie nach Neuharlingersiel zieht. Angelika störte nicht, dass vieles entschieden war. Auch für ihren Mann hatten andere entschieden. "So, jetzt bist du dabei", hatte ihm der Vater einst erklärt, da war er 16. Schon mit fünf Jahren hatte der Vater ihn mitgenommen im Rettungsboot zur Kontrollfahrt. "Heinz ist da so reingeschlittert in die Gesellschaft", sagt seine Frau. "Hast du Zeit, kommst du mit?", fragte der Vater jeden, dem er begegnete, und nie sagte jemand Nein. Das hätte sich auch keiner getraut. Zur Not fuhr selbst der Gastwirt mit.
Wer am Wasser lebt, braucht vielleicht selbst einmal Hilfe
Doch mehr geholfen wird in Neuharlingersiel nicht als anderswo, findet Angelika. Keine Zeit, alle sehen, dass sie ihren Kram fertigkriegen. Es ist die Seenotrettung, der sich die Menschen an der Küste verbunden fühlen. Jeder, der am Wasser lebt, braucht vielleicht selbst einmal Hilfe. In der Gefahr ist der Einsatz der Retter bedingungslos, doch die Gefahr selbst ist Bedingung für den Einsatz. Ob es schwer ist, neben einem zu bestehen, den andere für seine Selbstlosigkeit preisen? Angelika Steffens zuckt mit den Schultern. Sie helfe doch auch, jeden Tag. Sie schaut nach der Tante, geht für sie einkaufen und mit ihr zum Arzt, zieht morgens die Stützstrümpfe an und abends wieder aus. Pflegegeld vom Staat bekommt sie keines, über einen Antrag hat sie nie nachgedacht.
Ihr Mann Heinz sagt: "Dass einer von uns mit geschwollener Brust herumläuft, das gibts nicht." Zwar hatte Heinrich Steffens, Heinz Vater, einst das Bundesverdienstkreuz bekommen, genauso wie Artur und Ulrich Steffens, zwar lag das Kreuz in der Vitrine, und sehen konnte man es auch. Aber, sagt Heinz Steffens, keineswegs habe man es in der Mitte platziert und auch nicht mit Strahlern ausgeleuchtet. Man pflegt Bescheidenheit in der "Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger", eine Bescheidenheit, die bei den einen Veranlagung, bei den anderen Verpflichtung und oft wohl auch beides ist. Da zitiert die DGzRS in ihrer Gedenkschrift den Spruch eines Retters, "Wir sind keine Helden, wir sind Profis", und macht die Aussage zum Leitsatz. Da ruht in manchem Haus der goldene "Vormannsknopf", verliehen als Zeichen der Anerkennung, in Watte gepackt. Tragen will ihn der Ausgezeichnete nicht, obwohl die Frau es gern hätte. Die anderen sollen ihn nicht für einen Angeber halten. Und doch ist es gerade diese Münze, mit der die Gesellschaft zahlt, mit Ehrennadeln und Ehrenurkunden. 4,60 Euro je Stunde gibt es für die Freiwilligen als Aufwandsentschädigung und für die Steffens sogar ein Schiff mit ihrem Namen, in Würdigung der Verdienste ums Rettungswerk. Doch hat die "Vormann Steffens" ihnen nicht nur Glück gebracht. Auf diesem Schiff verunglückte damals Dieter.
"Der jault nicht." - "Die mault nicht."
Ob es Zufall ist, dass Angelika und Heinz ihren Sohn Heiner tauften? "Ja", sagt er. "Nein", sagt sie und sieht ihren Mann an. "Na, wegen deines Vaters haben wir das gemacht. Weil das so passt in die Familienlinie." Doch Heiner, 15 Jahre alt, Sohn des Heinz, Enkel des Heinrich Steffens, will später an die Universität und nicht auf den Kutter, mag Computerspiele, Krawatten und Latein. Blut sehen kann er nicht, Fische anfassen schon gar nicht. Am meisten aber hasst er es, den Kopf ins Wasser zu tauchen. Er interessiere sich nicht so fürs Rettungsboot, sagt Heiner, mehr für Wrestling.
Angelika findet, ihr Sohn habe zu viel Phantasie für einen Seenotretter. Ihr Mann sei anders, der gehe einfach drauflos, ohne nachzudenken. Sie weiß, Heinz hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass einer die Familientradition weiterführt. Vielleicht heiratet ja Tochter Svenja einen Retter, und der nimmt dann den Namen Steffens an. So lange muss sich Angelika nur um einen sorgen. "Die Angst ist immer da", sagt sie, und die Angst wächst, je mehr sich der Baum auf der anderen Straßenseite biegt. Steht die Fahne des Nachbarn steif im Wind, ruft Angelika auf dem Kutter an, und Heinz sagt seinen Satz: "Hier weht es nicht", worauf sie antwortet: "Komisch, bei euch weht es nie!" Wenn nichts weiter anliegt, telefonieren sie fünf Mal am Tag. Wird irgendwo ein Kutter vermisst, bangt Angelika mit den Fischersfrauen, hofft mit ihnen auf Rettung, dankt Gott, dass nicht Heinz hinaus zum Retten muss, und wäre doch stolz gewesen, hätte er den Frauen ihre Männer zurückgebracht.
Angelika sagt über Heinz: "Der jault nicht." Heinz sagt über Angelika: "Die mault nicht." Angelika weiß, nichts anderes erwartet Mann in Neuharlingersiel von der Frau eines Fischers und Retters, wenn der Kinoabend mal wieder platzt oder sie allein zur Familienfeier geht. Gerade die alten Fischer, die morgens um neun Uhr und nachmittags um fünf vor dem Schöpfwerk stehen und reden, haben kein Verständnis für verständnislose Ehefrauen. Nein, beschwert hat sich Angelika nie, wenn Heinz plötzlich los musste, und natürlich bäckt sie Waffeln zum Wohle der Gesellschaft, so wie alle Frauen der Besatzungsmitglieder, wenn die ganze Küste den "Tag der Seenotretter" feiert mit rotierendem Glücksrad, Schnaps und Fischbrötchen. Aber dass jedes Jahr vor Weihnachten ein Spendenaufruf der DGzRS ins Haus flattert, mit beigefügtem Überweisungsformular, das findet Angelika schon ein wenig dreist. Als ob Heinz, als ob alle Steffens nicht schon genug gegeben hätten. Den Zettel wirft Angelika sofort weg.
Doris Gruben ist passiert, was die anderen Frauen fürchten. Sie alle haben ihren Mann ans Meer verloren, Petra und Angelika für Tage und Wochen, Doris für immer.
Doris Gruben hatte stets etwas außerhalb von Neuharlingersiel gewohnt, und obwohl sie im Dorf zur Schule ging, mit ihrem künftigen Ehemann im selben Klassenraum saß, blieb eine gewisse Distanz zwischen ihr und den "Leuten auf dem Siel", und die Distanz wuchs mit Bernhards Tod. Sosehr die zugezogene Frau Steffens Teil der Gemeinschaft geworden war, so fremd wurden sich die einheimische Frau Gruben und das Dorf, nachdem die "Woge von Mitgefühl" über die Witwe hinweggeschwappt war. Die hat ja nicht mal geweint bei der Beerdigung, raunten die Neuharlingersieler. Sie hätte es nicht mitgemacht, sagt Doris Gruben, hätten die Sieler sie in ihre Mitte nehmen wollen. "Die hätten mich erstickt." Nach dem Unglück trug Doris Grau, aber nicht Schwarz, nur schwarze Strümpfe. Mal unten dunkel und oben ihren warmen Anorak. Der Anorak war mehrfarbig. Da hat man sie im Dorf angestarrt. Viele sagten: "Wenn man ihn doch bloß finden würde!" Und sie erwarteten, dass Doris auch hoffen würde, dass sie jede Minute, jede Sekunde hoffen würde, dass alles in ihr nur Hoffen war. Doris Gruben aber hatte, wie sie sagt, sich auch mit dem anderen Gedanken vertraut gemacht. Dass er verschollen blieb. Sie wusste, ihr Mann hatte sich immer dem Meer nah gefühlt. Als sie einmal am Strand spazieren ging, irgendwann im Januar, zog sie ihre Handschuhe aus und tauchte ihre Finger in die See, und sie dachte, irgendwo bist du, und hier bin ich, und das rauschende, schäumende Meer, das Wasser, das sie beide umfing, schien ihr die einzige Verbindung zu ihrem toten Mann.
Schon als sie sich ineinander verliebten, trug er eine Tätowierung am Unterarm: einen Rettungsring mit den Buchstaben der Not, SOS, in der Mitte Wellen, dazu abgebrochene Masten. Die Zeichnung, die man ihm eingeritzt hatte in die Haut, hieß "Seemannsgrab". Aus Jux hatte Doris ihm einst das gleiche Motiv noch auf den anderen Arm gemalt. Das zweite Seemannsgrab war verschwunden, als er aus der Dusche kam. Anhand des ersten identifizierte man die Wasserleiche, die spielende Kinder am Juister Strand entdeckten, später als Bernhard Gruben.
Doris bekam Trauerkarten von Menschen, die sie gar nicht kannte. Urlauber, denen Bernhard geholfen hatte. Auch die Gesellschaft schickte Packen von Briefen, in Kopie zur Kenntnisnahme. Es kondolierten Bürgermeister, Yachtclubs, der britische, isländische, norwegische Seenotrettungsdienst und auch der von Curaçao, Niederländische Antillen, eine Firma für Entölungsanlagen und Umwelttechnik, die Wasserschutzpolizei, der Landesfeuerwehrverband und viele mehr. Aus ganz Deutschland meldeten sich Förderer der DGzRS und spendeten Trost, manche Geld. Ein Fregattenkapitän schrieb vom Band der Kameradschaft auf See, der Bundesverkehrsminister von treuer Pflichterfüllung, der Bundespräsident ließ herzliches Mitgefühl übermitteln. Ein Emsländer versprach, das Modell eines Rettungskreuzers solle noch seinen Urenkeln stetige Erinnerung sein.
"Die Namen dieser Männer sind nicht vergessen"
Doris durfte sich als Erste auf jene Bank setzen mit der Inschrift "Einer blieb draußen", die ehemalige Kollegen vom Seenotkreuzer in Neuharlingersiel aufstellten, während die Frauen der Kollegen Blumen ins Hafenbecken warfen. Sie war dabei, als in Borkum ein Gedenkstein der Gesellschaft enthüllt wurde, der Posaunenchor das Stück "Mayday" intonierte und der Vorsitzer der DGzRS den Satz sprach: "Seenotretter sind so etwas wie stille Helden." Nach dem Tod nennt die Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger ihre Mitarbeiter so. War er ein Held für sie? "Ja", sagt Doris Gruben, "in mancher Hinsicht schon." Sie habe viel Respekt vor seiner Leistung gehabt. "Aber ich habe nach seinem Tod nicht mehr in ihm gesehen als vorher."
Am 16. Oktober 1997 taufte Doris Gruben einen Seenotkreuzer auf den Namen ihres im Einsatz gestorbenen Mannes. Sie wünschte der "Bernhard Gruben", Länge: 23,1 Meter, Tiefgang: 1,55 Meter, Motorenleistung: zweimal 990 Kilowatt, "allzeit gute Fahrt und stets eine sichere Heimkehr". Die Gesellschaft hatte nicht nur die Boote mit Fahnen und Girlanden geschmückt, sie schmückte auch die Witwen. Neben drei silbernen Talern, auf Samt gebettet, bekam Doris Gruben von der Gesellschaft eine Halskette mit Anhänger und glitzerndem Stein geschenkt. Zur feierlichen Zeremonie sammelten sich Hunderte Schaulustige. Der Pfarrer sagte: "Wenn dann draußen im Sturm und hinter Brechern die Namen dieser Männer auftauchen, sind sie nicht vergessen."
Doris Gruben sagt: "Es ist einfach ein Schiff." Sie wusste, irgendwann würde es ein Boot geben, das so heißt. Gut und richtig, fände sie es, aus Sicht der Gesellschaft. Sie schweigt. Und auch aus Sicht ihres Mannes. Die Kinder fragen manchmal: "Hast du gehört? Die ,Bernhard Gruben war unterwegs." Doch sie muss viel eher an den Unfall denken, wenn der Wind die Fenster wieder zum Singen bringt wie damals in jener Nacht, als sie mit den Kindern erst "Robin Hood" im Fernsehen sah und dann noch eine Weile still in der Stube saß, allein. Hätte sie gewusst, dass er gerade einen Einsatz hatte, draußen im Sturm, natürlich wäre sie wach geblieben. Aber sie wusste es nicht, und sie ging schlafen. Das letzte Mal, als sie ihren Mann sprach, hatte sie ihm ein gutes neues Jahr gewünscht.
Vielleicht liegt er eines Tages am Strand
Weihnachten hatten sie noch zusammen gegessen, Doris kochte gut. Sie sei mit Leib und Seele Hausfrau gewesen, sagt sie. Die Mutter sorgt, der Vater ist "Leitfigur". "Papi, du bist ja hier der Chef vom Ganzen!", hatte ihr Sohn einmal gesagt. Und die Tochter rief sogar auf dem Seenotkreuzer an und bat um ein Haustier, und Bernhard Gruben genehmigte fernmündlich die Rennmaus. Manchmal klingelte aber auch bei Doris das Telefon, und ihr Mann sagte: "Ich wollte nur deine Stimme hören." Dann wusste sie, er war gerade von einem schlimmen Einsatz zurückgekehrt. An die Nieren gegangen sei es ihm, wenn er ein totes Kind bergen musste. Hatte er doch selber fünf. Wenn Bernhard nach Hause kam, steckte er als Erstes seinen Ehering wieder an. An Bord musste der Ring im Portemonnaie verschwinden, er galt der Versicherung als Risikofaktor. Nach dem Unfall gab ihn das Meer nicht wieder her. Vielleicht liegt er eines Tages am Strand.
Nach jeder Sturmflut war Doris als Kind losgezogen zum Sammeln: Holz, Glas, zerrissenes Netz. Übriggebliebenes vielleicht von längst vergangenen Schiffsunglücken, für Doris Geschenke des Meeres. Sie brachte sich selbst das Schwimmen bei. Schon im April ging sie in die Nordsee und auch noch im Oktober, und manchmal sprang sie ins Hafenbecken von Neuharlingersiel. Die See war ihr Seelenfriedenort. Drei Jahre nach Bernhards Tod kaufte sie sich ein Ölgemälde, Himmel, Wasser, Gischt gerahmt, von betörendem Tiefdunkelblau. Doris Gruben grollt dem Meer nicht. Sie liebt es.
Seit ein paar Jahren gibt es einen anderen Mann, auch ihn liebt sie. Er ist Seenotretter, heute im Ruhestand, ein Kollege von Bernhard. Er fuhr auf dem gleichen Schiff, auf dem Bernhard damals verunglückte. Manchmal rief er nach dem Einsatz an, so wie Bernhard, und wollte nur Doris Stimme hören. Und Doris freute sich, wenn sie ihn nach 14 Tagen endlich wiedersah. "Mein Leben", sagt Doris Gruben, "hatte immer etwas mit Warten zu tun." Warten, dass der Mann vom Meer zurückkehrt.