Nach Anschlägen von London Einsturzgefahr in U-Bahn-Tunneln behindert Ermittlungen
London - Die Untersuchungen könnten nur vorsichtig und langsam durchgeführt werden, da die Tunnel stellenweise einzustürzen drohen, erklärte der Londoner Polizeichefs Ian Blair. Nach Angaben Blairs tragen die Attentate die Handschrift von al-Qaida. Es gebe jedoch keine Hinweise auf Selbstmordattentäter.
Noch seien nicht alle Opfer gefunden worden, teilten die Behörden mit. Etwa hundert Verletzte wurden über Nacht in Krankenhäusern behandelt, 22 von ihnen befanden sich in kritischem Zustand. Insgesamt wurden rund 700 Menschen verletzt, darunter auch vier Deutsche.
Neben den drei U-Bahn-Zügen hatte gestern eine vierte Bombe einen Doppeldeckerbus zerrissen. Aus ihm wurden der Polizei zufolge 13 Leichen geborgen, was der Gesamtzahl der dortigen Opfer entspreche. In den U-Bahn-Zügen wurden bis zum Mittag 36 Tote gefunden, doch wurden weitere Opfer unter den Trümmern vermutet.
Königin Elizabeth II. und ihr Sohn Prinz Charles besuchten heute Opfer des Terroranschlags. Die Queen betonte vor Angestellten des Royal London Hospitals im Ostend, die Anschläge würden die Lebensweise der Briten auf keinen Fall verändern: "Solche Gräueltaten verstärken nur unseren Gemeinsinn, unsere Menschlichkeit und unser Vertrauen in die Gesetze. Das ist die klare Botschaft von uns allen." Der öffentliche Nahverkehr in London wurde unter starken Sicherheitsvorkehrungen wieder in Betrieb genommen. Zehn der zwölf U-Bahn-Linien fuhren, drei davon jedoch mit Einschränkungen. Im gesamten Stadtgebiet waren auch Busse im Einsatz.
Die Terrorzelle sei möglicherweise noch intakt und bereite weitere Anschläge vor, warnte Polizeichef Blair. Sein Stellvertreter Andy Hayman erklärte, die Bomben hätten aus weniger als fünf Kilogramm Sprengstoff bestanden. "Wir glauben, dass jeder Sprengsatz auf dem Boden der drei betroffenen U-Bahn-Wagen abgestellt wurde", fügte er hinzu. Weiterer Sprengstoff sei nicht gefunden worden.
London: Die Wucht der Zerstörung
Der britische Innenminister Charles Clarke warnte ebenfalls vor neuen Anschlägen in London. Die Terroristen könnten abermals zuschlagen. Das gestern aufgetauchte Bekennerschreiben der bislang unbekannten Organisation Geheimgruppe für al-Qaida-Dschihad in Europa werde sehr ernst genommen, fügte Clarke hinzu. Dennoch sei es verfrüht, genauere Angaben zur Identität der Täter zu machen. Auch sei nicht klar, ob die Anschläge eine Vergeltung für die Teilnahme Großbritanniens am Irak-Krieg bedeuteten. Die britischen Behörden kündigten eine verstärkte Polizeipräsenz in der gesamten Hauptstadt an.
Spanien schickte Sonderermittler, die die britische Polizei unterstützen sollten. Ein Behördensprecher erklärte, dies geschehe auf Bitten der britischen Polizei und bedeute nicht unbedingt, dass eine Verbindung zu den Madrider Anschlägen vom März 2004 bestehe.
Frankreich verschärfte derweil die Sicherheitsvorkehrungen am Kanaltunnel nach England sowie auf den Fähren über den Ärmelkanal. Auch die Grenzkontrollen wurden ausgeweitet, wie Premierminister Dominique de Villepin erklärte.
Am kommenden Mittwoch wollen die EU-Innenminister zu einer Sondersitzung in Brüssel zusammenkommen, um über die Folgen der Londoner Anschläge zu beraten. Wie ein Sprecher der britischen EU-Ratspräsidentschaft heute weiter mitteilte, stammt die Initiative für das Treffen vom spanischen Innenminister José Antonio Alonso. Bei den Beratungen werde es unter anderem um die EU-weite Gesetzgebung im Anti-Terror-Kampf gehen. Mit Entschiedenheit sollten vor allem drei Leitlinien verfolgt werden: die "Harmonisierung von Maßnahmen zur Speicherung von telefonischen und elektronischen Daten, der Austausch von Informationen und ein EU-Mandat für die Erlangung von Beweisen".