Nach der Geiselhaft Renate Wallert in Göttinger Klinik
Göttingen - Wallert wurde von ihrem Sohn Dirk in das Krankenhausgebäude begleitet. Wie lange die 56-Jährige in der Klinik bleiben wird, ist unklar. Zuvor war sie nach 16-stündigem Flug von Manila am Frankfurter Flughafen eingetroffen. Gestützt auf den Arm ihres Sohnes ging sie mit unsicheren Schritten und leicht gebeugt die Gangway hinunter. Sie wirkte erschöpft und unterdrückte ein Schluchzen, als Journalisten ihr zur Heimkehr applaudierten.
Die 56-jährige Göttingerin hatte einen Strauß mit fünf roten Rosen in der Hand, als sie aus einer Lufthansa-Linienmaschine auf dem Frankfurter Flughafen auf die Gangway trat. Auf ihrem Rückflug mit dem Jumbo "Rheinland-Pfalz" war sie nach offiziellen Angaben von einem Arzt des Auswärtigen Amtes und einem Beamten des Bundeskriminalamtes begleitet worden. Renate Wallert winkte den mehr als hundert Pressevertretern auf dem Rollfeld kurz zu und stieg dann in einen grauen Bus mit abgedunkelten Scheiben, der sie zu einem Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes brachte. Zur Begrüßung erschienen auch der Asienbeauftragte der Bundesregierung, Cornelius Sommer, und der Chef der hessischen Staatskanzlei, Franz Josef Jung. Sommer hatte kurz vor Wallerts Ankunft der philippinischen Regierung für ihre Hilfe gedankt.
Die moslemische Rebellengruppe Abu Sayyaf hatte Wallert am Montag auf der südphilippinischen Insel Jolo nach zwölf Wochen Geiselhaft freigelassen und dem Unterhändler der philippinischen Regierung, Robert Aventajado, übergeben. Wallerts Mann Werner und Sohn Marc sind weiter mit 16 Leidensgenossen in der Hand der Extremisten, die für einen Moslemstaat im Süden der Philippinen kämpfen.
Sommer: Geduld der Philippiner manchmal schwer zu ertragen
Nach ihrer Freilassung hatte Wallert gesagt, ihr Glück sei nicht vollkommen, weil ihr Mann, ihr Sohn und die anderen Geiseln noch nicht frei seien. "Ich hoffe, dass sie so schnell wie möglich herauskommen." Sie dankte allen, die für sie und ihre Familie gebetet hätten. "Das ist angekommen."
Die Bundesregierung lehnte Angaben zu den Umständen der Freilassung ab. Aventajado hatte von "einer Geste des guten Willens" der Abu Sayyaf gesprochen. In philippinischen Polizeikreisen war dagegen von der Zahlung von zwei Millionen Mark Lösegeld die Rede. Vor Renate Wallert hatte die Abu Sayyaf bereits zwei malaysische Geiseln freigelassen.
Der Asienbeauftragte Sommer sagte im Deutschlandfunk, die Geduld der Philippiner sei für die deutsche Seite manchmal nur schwer zu ertragen gewesen. Er bestätigte, dass in den Verhandlungen mit den Abu-Sayyaf-Rebellen auch über humanitäre Hilfe gesprochen worden sei. Dies habe "ideell im Hintergrund" gestanden, fügte er hinzu. Die Verhandlungen mit den Geiselnehmern hätten an Nachhaltigkeit und Zielstrebigkeit stark zugenommen, nachdem Außenminister Joschka Fischer (Grüne) und sein französischer Kollege Hubert Védrine in der vergangenen Woche in Manila mit der philippinischen Regierung über das Geiseldrama gesprochen hatten.