Nach Missbrauchsvorwürfen Polygamisten-Sekte vertreibt Kindermode
Washington - Eine texanische Polygamisten-Sekte, die im Frühjahr wegen des Verdachts auf Kindesmissbrauch Schlagzeilen machte, vertreibt jetzt Kindermode im Internet.
Die Ranch der "Fundamentalistischen Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage" (FLDS) war am 3. April von Beamten durchsucht worden. Weil der Verdacht nahelag, dass einige der Minderjährigen sexuell missbraucht worden sein könnten, stellte man alle Kinder unter staatliche Fürsorge. Sie kamen zu Pflegefamilien.
An Kleidung verfügten die Kinder nur über das, was sie bei der Razzia anhatten. Die Baumwolltextilien, die von den Frauen der Sekte seit jeher für den Eigenbedarf genäht wird, waren deshalb zunächst auf Anfrage der texanischen Behörden in großer Zahl hergestellt worden.
Dass die Kinder sich kleidungstechnisch an ihre neue Umgebung anpassten - davon wollten ihre Mütter nichts wissen: "Das sind unsere Kinder, und wir wollen sie nun mal genauso anziehen", sagte FLDS-Mitglied Maggie Jessop der Zeitung "The Salt Lake Tribune". Also nähten die Frauen in großen Mengen die einfarbigen, sackähnlichen Gewänder, die an die Kleidung amerikanischen Siedler aus dem 19. Jahrhundert erinnern.
Als die texanische Justiz Ende Mai die Rückkehr der Kinder auf die Ranch anordnete, hatten die Frauen offenbar Gefallen an der Massenproduktion gefunden - und das Internet entdeckt.
Auf der Website fldsdress.com vertreibt die Sekte jetzt neben Kleidern auch Jeans, T-Shirts, Nachthemden und Unterwäsche. Das Interesse sei groß, sagte Maggie Jessop.
"Bescheidenheit und ein ordentliches Erscheinungsbild" seien die Maxime bei der Herstellung der Kleidungsstücke, heißt es auf der Website, die mit Bibelsprüchen gespickt ist - und mit Fotos, die lächelnde und scheinbar glückliche Kinder in der antiquierten Kleidung zeigen.
Der Führer der Sekte, Warren S. Jeffs, 52, sitzt in Haft, mehrere Strafverfahren sind noch anhängig. Der sogenannte "Prophet", der mit bis zu hundert Frauen lebte, entschied auch darüber, welche Frau mit welchem Mann verheiratet wurde - und teilte beispielsweise einem Glaubensbruder ein 14-jähriges Mädchen zu. Im September 2007 verurteilte ihn ein Gericht in Utah wegen Beihilfe zur Vergewaltigung zu einer Mindeststrafe von zehn Jahren Gefängnis.
Seine Anhänger leben weiterhin nach seinen Geboten. Die FLDS-Frauen wollen demnächst auch Lieder und Rezepte ins Internet stellen.
pad/AFP