Nach Osterstress Tritt der Papst zurück?
Rom - "Endzeit eines Pontifikats" nennen das die Theologen. Jeder weiß das im Vatikan, kaum jemand vermag es mehr ernsthaft zu leugnen. Die Osterfeiern haben der Welt vor Augen geführt, wie hinfällig und gesundheitlich angeschlagen der einst so dynamische und strahlende Johannes Paul geworden ist. Der alte Mann schleppte und quälte sich durch die Zeremonien. Im Mai wird er 81 Jahre alt.
In sich zusammengesunken kniete Johannes Paul II. bei der Karfreitags-Prozession, eine vorbereitete Rede konnte er nicht halten. Bei der Auferstehungsfeier musste er auf einem rollenden Podest durch den Petersdom geschoben werden, und bei der Ostermesse am Sonntag kam er ins Straucheln, Helfer konnten ihn rechtzeitig vor dem Fallen bewahren.
"Wenn der Papst zu der Erkenntnis kommt, dass er sein Amt nicht mehr ausfüllen kann, dann tritt er zurück", meinte ein Pater mit Zugang zum Papst dieser Tage, "die Frage ist nur, wann er zu dieser Erkenntnis kommt." Schon im vergangenen Jahr hatte es Stimmen gegeben, die von Amtsverzicht sprachen. "Parkinson ist eine fortschreitende Krankheit", meinte ein Insider im Kirchenstaat. Im Vatikan geht die Sorge um, dem Papst könnten bei der Führung der Weltkirche die Fäden aus der Hand gleiten.
Zeitweise hieß es, Johannes Paul könnte schon bald nach dem Heiligen Jahr 2000 seinen Rückzug mitteilen. Immer wieder weisen Theologen darauf hin, dass ein Amtsverzicht nach dem Kirchenrecht sehr wohl möglich ist - der Papst müsste nicht einmal eine Begründung geben. Auch Paul VI. und Pius XII. hätten sich in diesem Jahrhundert mit Rücktrittsgedanken getragen. Dass es bislang in 2000 Jahren Kirchengeschichte keinen einzigen wirklich freiwilligen Papst-Rückzug gab, meinen Insider, würde Johannes Paul im Zweifelsfall nicht davon abhalten.
Doch dann ist der Papst auch wieder gut für Überraschungen. Bei der Messe am Sonntag sprach er mit vergleichsweise fester Stimme. Fast drei Seiten war die Osterbotschaft lang - er ließ nicht eine Passage aus. "Friede ist möglich", sagte Johannes Paul. Seine Botschaft bringt der Papst noch immer an den Mann. Auch in Zukunft ist sein Programm voll. "Die nächsten zwei Jahre sind ausgebucht", heißt es in seiner Umgebung.
Anfang Mai reist Johannes Paul nach Syrien, Griechenland und Malta. Drei Länder in fünf Tagen - das ist das Tempo von Top-Managern. Ende Mai kommen 180 Kardinäle zu einer wichtigen Reformtagung nach Rom. Es geht dabei auch um mögliche Änderungen des Papsttums. "Niemand weiß, wie er diese Strapazen durchstehen will", sagte ein Theologe im Vatikan. Beim Anblick des schwächlichen Papstes zu Ostern schien auch er erschrocken zu sein.
Peer Meinert, dpa