Nagelbombe in Köln Polizei sucht zweiten Mann
Köln - In der Kölner Keupstraße ist noch nichts normal. Zwar eröffneten bereits manche Geschäfte rund um den Tatort. In der Bäckerei gegenüber wird wieder Kaffee gekocht und einige Schaufenster sind wieder eingeräumt. Doch noch immer erinnern ausgebrannte Fenster, die nur notdürftig mit Pappe abgeklebt sind, an den Mittwoch vor zwei Wochen.
An jenem diesem Tag hatte eine mit langen Tischlernägeln gespickte Bombe 22 Menschen zum Teil schwer verletzt. Der Friseursalon, vor dem die Bombe gezündet wurde, ist vollkommen verwüstet.
Seitdem wurde über die Motive der Tat viel spekuliert und doch weiß die Polizei über die Hintergründe nicht viel. Zwar gibt es Spuren; die führen aber in die unterschiedlichsten Richtungen.
Dabei hatten die Fahnder im Laufe der Ermittlungen zumindest einmal richtig Glück. Schon kurz nach dem Anschlag meldete sich der Musiksender Viva, der seine Zentrale in der Nähe des Tatorts hat, bei der Polizei. Eine der Überwachungskameras am Gelände hatte zufällig gefilmt, wie ein Mann kurz vor der Tat mit einem Fahrrad vor der Zentrale vorbeilief.
Foto des mutmaßlichen Täters
Schon vorher hatten Zeugen von einem solchen Mann berichtet, der schließlich das mit der auf dem Gepäckträger montierten Bombe ausgestatte Fahrrad vor dem Friseursalon abstellte. Mit dem Video hatten die Fahnder ein Bild des mutmaßlichen Täters. Es zeigt einen vermutlich mitteleuropäischen Mann, etwa 30 Jahre alt, mit einer tief ins Gesicht gezogenen Baseballkappe.
Doch selbst mit dem Bild kommen die Fahnder nicht viel weiter. Bisher haben sich zwar einige Zeugen gemeldet, doch niemand hat den Mann auf dem Foto erkannt. Da die Qualität des abfotografierten Video-Bildes recht dürftig ist, soll nun das Bundeskriminalamt per Computer eine bessere Version liefern. Ob die Experten in Wiesbaden allerdings viel herausholen können, ist offen. Bis heute lag noch keine bessere Version des Bildes vor. Die Aufnahmen liefern aber einen weiteren Hinweis. Der Mann auf dem Bild trägt offenbar professionelle Radschuhe mit einer Einhakvorrichtung unter den Sohlen, obwohl das Fahrrad mit der Bombe keine solchen Pedale hat. Aus diesem Grunde vermuten die Fahnder, dass der Täter nach dem Abstellen des Rades mit einem Rennrad geflüchtet sein könnte, und suchen nach Zeugen, die in der Nähe einen Rennradfahrer gesehen haben.
Heute richtete sich die Polizei erneut an die Öffentlichkeit. Die Fahnder suchen nach einem zweiten Mann, der auf den Videoaufnahmen zu erkennen ist. Er passierte vor dem Anschlag drei Mal die Kamera - zuletzt unmittelbar vor dem Hauptverdächtigen. Etwa eine Stunde vor der Explosion ging der Gesuchte in 15 bis 20 Metern Abstand vor dem Verdächtigen, der das Fahrrad mit dem Sprengsatz abgestellt hatte.
Nagelbombenanschlag: Polizei veröffentlicht Fotos von mutmaßlichem Täter
Das erste Mal war er rund eine halbe Stunde früher zu erkennen. Zu diesem Zeitpunkt schob er zwei Mountainbikes und ging in Richtung des Tatorts. Eine Viertelstunde danach erschien er wieder - ohne die Räder. Er trug an dem Tag eine dreiviertellange Hose, eine Bauchtasche, Sportschuhe, wie der andere Verdächtige eine Baseballkappe, ferner eine Sonnenbrille. Die Ermittler der Mordkommission "Sprengstoff" forderten den Mann dringend auf, sich zu melden. Gleichzeitig betonten sie, dass es sich auch um einen Zeugen handeln könne.
Rache an kriminellem Konkurrenten?
Andere Spuren waren bisher wenig ergiebig. Bekannt ist den Fahndern, dass der Sprengsatz durch eine Glühbirne gezündet wurde. Die Täter hatten die Glashülle entfernt. Mit einer handelsüblichen Hobby-Fernsteuerung lösten sie die Bombe aus. Die mit einer Batterie verbundenen Drähte der Glühbirne entzündeten das Schwarzpulver. Der Täter war den Ermittlungen zufolge bei der Zündung noch im Umfeld des Tatorts.
Völlig offen ist weiterhin auch das Motiv der Tat. Oberstaatsanwalt Rainer Wolf schließt neben einem rassistischen oder extremistischen Hintergrund auch eine Auseinandersetzung im kriminellen Milieu nicht aus. Laut Justizkreisen wurde ein mutmaßliches Mitglied einer bekannten Rotlicht-Bande bei dem Anschlag verletzt. Allerdings geben Ermittler zu bedenken, dass Anschläge in diesem Milieu gezielter ablaufen.
Ebenso halten sich in der kriminellen Szene weiterhin Gerüchte, es könne bei dem Anschlag um Schutzgeld gehen. Demnach habe der Besitzer des Salons die Zahlung der angeblich üblichen "Sicherheits-Gebühr" plötzlich verweigert, deshalb sei sein Laden zerstört worden. Für erfahrene Ermittler in der Szene allerdings macht diese Annahme keinen Sinn, da Schutzgelderpresser ungern die Basis für ihre Geschäfte auslöschen.
Erinnerungen an die "S-Bahn-Bombe"
Für einen extremistischen Hintergrund gibt es bisher keine Hinweise. Weder ist ein Bekennerschreiben eingegangen noch gibt es Indizien für politische oder durch Nationalitäten geprägte Auseinandersetzungen in dem Viertel. Allerdings geben Fahnder zu bedenken, dass es sehr schwer ist, in der Szene zu ermitteln.
Schon jetzt dünkt es so manchem der beteiligten Ermittler, dass der Fall ähnlich offen ausgeht wie die so genannte "S-Bahn-Bombe" in Düsseldorf. Am 27. Juli 2000 hatte ein selbst gebastelter Sprengsatz an einer S-Bahnstation sieben Frauen und drei Männer schwer verletzt. Bis heute ist der Fall ungeklärt.
Wie in Köln war auch damals viel spekuliert worden. Alle Opfer waren Einwanderer aus Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Sechs von ihnen waren jüdischen Glaubens, was schnell die Option eines rassistisch motivierten Anschlags aufkommen ließ und Politiker in Heerscharen an den Tatort lockte. Letztlich löste die Bombe gar den so genannten "Aufstand der Anständigen" gegen Rechtsradikale aus, der letztes Jahr mit dem Scheitern des NPD-Verbots sein jähes Ende fand.
"An den Anschlag in Düsseldorf habe ich in der ersten Minute gedacht", sagte auch ein Kölner Ermittler, der seit Wochen in der Sonderkommission arbeitet. Allerdings sei er optimistisch, denn man habe im Kölner Fall wenigstens die Bombe rekonstruieren können und die Bilder des Verdächtigen. Damit und mit einer kürzlich ausgeschriebenen Belohung von 20.000 Euro hoffen die Fahnder noch immer, den Täter zu finden.