Neid in Kabul: "Ich wär gern mitgeflogen" - DER SPIEGEL
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Neid in Kabul "Ich wär gern mitgeflogen"

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

London/Kabul - Der Mann mit dem Turban macht ein trauriges Gesicht - er hätte auch gern in der entführten afghanischen Passagiermaschine auf dem Flughafen Stansted gesessen. "Ich beneide die Geiseln", sagt er. "Ich würde jede Strapaze auf mich nehmen, um nach London zu kommen."

Dieses Bekenntnis eines Einwohners der afghanischen Hauptstadt Kabul verblüffte Stunden vor dem Ende des Geiseldramas in Stansted die Zuschauer des britischen Fernsehens. Am Donnerstag wurde das Erstaunen dann noch größer: Die Polizei nahm nicht nur die Entführer, sondern gleich 19 Insassen des Flugzeugs fest. In den ersten Stunden beantragten 60 Passagiere Asyl. Keine Frage - dies war eine Flugzeugentführung der etwas anderen Art.

Nach Recherchen der britischen Presse ist etwa ein Drittel der Passagiere mit den Luftpiraten verwandt. "Ein alarmierender Trend für Großbritannien", kommentierte die "Times". "Flüchtlinge sind die neuen Piraten der Luft."

Die Boulevardpresse wurde deutlicher: "Oh nein - die wollen alle hier bleiben", titelte der "Daily Star". "Eine absolute Schande", schimpfte die "Sun". "Warum muss unsere Sonderpolizei eine Horde von Asylanten umzingeln? Und warum müssen wir für alles zahlen?"

Der "Mirror" hielt der Polizei vor, die freigelassenen "Highlife-Geiseln" in einem zu teuren Hotel einquartiert zu haben.

Was nicht erwähnt wird: Sollte Großbritannien die Asylanträge ablehnen, könnten die Passagiere nach ihrer Abschiebung in die Heimat der Zusammenarbeit mit den Entführern beschuldigt werden. Und dann erwarten sie schwere Strafen. Selbst bei "Vergehen" wie zu kurzen Bärten bei Männern oder fehlenden Schleiern bei Frauen werden Menschen von der Sittenpolizei der Taliban auf offener Straße ausgepeitscht.

Trotz dieses Risikos werden die Geiseln von vielen Afghanen beneidet. In der Millionenstadt Kabul gibt es kaum noch Arbeit, um die Familie zu ernähren. Die meisten haben ihr Hab und Gut - Möbel, Teppiche, Bücher und Kleidung - längst verkauft, um sich Lebensmittel zu beschaffen. Eltern, die selbst noch studieren konnten und gut bezahlte Stellen hatten, können ihren Kindern keine Zukunft mehr bieten: Die Töchter dürfen unter dem streng islamistischen Taliban- Regime nicht zur Schule gehen, für die Söhne fehlen Bücher, Labors und gute Lehrer.

"Wenn ich 9000 Dollar hätte, würde ich sofort nach Europa gehen", sagte der Ingenieur Gholam Azizi, nachdem die Vereinten Nationen im November Sanktionen und ein Flugverbot gegen die afghanische Gesellschaft Ariana verhängt hatten. Damit soll die Auslieferung des mutmaßlichen Terroristen Osama bin Laden erzwungen werden.

Post mit Geld von Verwandten im Ausland kommt seitdem nur noch mit großer Verzögerung an. Reisen in andere Länder sind, außer nach Pakistan, kaum noch möglich. Was zählen da schon ein paar bange Tage im gekaperten Flugzeug? Ein Mann, der die nach London entführte Maschine am Sonntag knapp verpasst hatte, zeigte sich gegenüber Reportern untröstlich: Er habe die Chance seines Lebens verspielt, sagte er.

Christoph Driessen und Jürgen Hein