Nepal: Zerstörung im Dolakha Distrikt
Erdbeben in Nepal In der Stadt der bunten Ruinen
Vor wenigen Wochen war Charikot noch ein bunter Touristenort, der einer kleinen, kitschigen Version von Las Vegas glich. Dann bebte in Nepal die Erde, am Dienstag erneut mit einer Stärke von 7,3. Was übrigblieb, ist eine gruselige Stadt, in der sich die Überlebenden der Umgebung versammeln und auf Hilfe hoffen.
Die einst bunten Häuser liegen in Trümmern. Die Gebäude, die noch stehen, sind dem Einstürzen nahe, denn in Charikot stehen viele Gebäude nicht mehr gerade.
Das Militär vor Ort ist mit Bergungsarbeiten beschäftigt, die Soldaten begeben sich in den engen und unsicheren Straßen selbst in Lebensgefahr.
"Unter diesem Hotel liegen zwei Todesopfer, die wir heute bergen werden. Sie haben versucht, dem Erdbeben zu entkommen, doch in diesen Gassen gab es keine Chance", sagt Ram Taut, ein nepalesischer Polizist aus dem Rettungsteam am Mittwoch. "Gestern haben wir drei Frauen unter den Ruinen einer Mikrokreditbank hervorgezogen, doch sie sind später alle im Krankenhaus gestorben."
34 Tote wurden in der Bergstadt bisher gezählt, doch es ist mit weiteren zu rechnen. Charikot war ein beliebtes Ziel für Motorradfahrer und Wanderer. Ausländische Touristen waren zur Zeit des zweiten heftigen Bebens aber nicht mehr in der Stadt.
Mit Decken bepackt laufen ein paar Menschen die Straße hinunter. Sie wollen auf den Feldern schlafen, denn ihre Häuser gibt es nicht mehr. "Für uns war das letzte Beben das Schlimmste, denn durch die Nähe zum Epizentrum war es hautnah zu spüren. Auch hat es die größte Katastrophe angerichtet", sagt Top Thapa. Von seinem Panorama Resort sind nur noch Steinhaufen übrig.
Bereits die Anfahrt nach Charikot flößt Furcht ein, dunkle Wolken hängen hier oft zwischen den Bergen fest. In der Umgebung steht kein einziges Haus mehr, ganze Dörfer sind verwüstet und verlassen. Menschen sitzen auf der Straße, denn sie haben keine Bleibe. Internationale Hilfsorganisationen sind bis jetzt kaum eingetroffen.
Eine Gruppe von Männern läuft am Tamakoshi Fluss entlang, der in einem Tal unterhalb Charikots liegt. Alle tragen Feuerholz, bis auf zwei: Sie schleppen eine in weiße Tücher gewickelte Leiche. Das Blut dringt tiefrot durch das Laken hindurch. Nahe dem Wasser wird der Körper nach hinduistischer Tradition verbrannt, Angehörige weinen laut. "Das ist mein Cousin, der am Dienstag sterben musste", sagt einer der Vorbeilaufenden in gebrochenem Englisch.
Bald beginnt die Regenzeit
"Die Erdbeben der letzten Woche haben uns alles genommen, die Menschen in Charikot stehen vor dem Nichts", sagt Judith Thapa, eine Schweizer Architektin, die seit 30 Jahren in Nepal lebt. "Grundstücke hier sind teuer, deshalb bauen Eigentümer eher in die Höhe." Viele hat diese Entscheidung das Leben gekostet.
An einem tiefgrünen Hügel mit terrassenartigen Feldern in der Nähe von Singati hat ein Erdrutsch mehrere Häuser in die tiefe Schlucht gerissen. Der sechsjährige Ayush wurde von einem großen Stein erschlagen, seine Mutter sitzt schreiend vor den Ruinen und verbirgt ihr Gesicht.
Der Dolakha Distrikt, in dem Charikot liegt, wurde am Dienstag am härtesten von dem neuen Beben getroffen. In der Gegend ist auch ein amerikanischer Hubschrauber verschollen. In der Luft kreisen weitere Helikopter, die nach den vermissten Soldaten suchen.
"Wir waren nicht auf ein zweites Beben dieser Stärke vorbereitet", sagte Premierminister Sushil Koirala, der am Donnerstag mit einem Hubschrauber in die Stadt reiste. Nun steht der Monsun bevor. "Wir brauchen Zelte, unsere Leute benötigen Schutz. In der Regenzeit wird es schwer, unter freiem Himmel zu überleben."
Viele Anwohner aus dem Dolakha Distrikt versuchen nach Kathmandu zu flüchten oder siedeln sich auf flachen Wiesen an. Die kleinen Orte sind zu Geisterdörfern geworden.
Am Mittwochnachmittag treffen in Charikot einige vollbepackte Autos mit Zeltplanen ein. Aus allen Richtungen drängen die Menschen herbei, um eine Plane zu ergattern, sie schreien und schubsen.
"Meine Familie braucht Hilfe, deshalb werde ich mich hier durchschlagen. In den letzten Tagen hat sowieso jeder nur auf sein eigenes Wohl geschaut", sagt Umesh Parajuli. In seinen Augen: Keine Gier, sondern eher Verzweiflung.