Nepal Roter Bauernaufstand gegen den verhassten König
Singapur - Die E-Mail war im Ton verbindlich, gar versöhnlich gehalten und an "ausländische Besucher" und Reiseunternehmer gerichtet. Trotz des "Volkskrieges" seien Gäste in dem Himalaja-Staat, der sich vorwiegend durch Tourismuseinnahmen am Leben hält, weiterhin sicher, schrieb Baburam Bhattarai. Einzige Regel, die Trekker und Bergsteiger beachten müssten, sei es, tunlichst nicht in den Hotels des "erzreaktionären Shan-Rana-Clan", abzusteigen - den Herbergen also, die sich im Besitz der Königsfamilie befinden. Stattdessen sollten die Ausländer in den "revolutionären Basislagern der befreiten Gebiete" Quartier machen, wo sie "herzlich willkommen" seien.
Der Verfasser der E-Mail ist trotz der seltsam anmutenden Diktion kein durchgeknallter Spinner. Im Gegenteil: Bhattarai hat in der indischen Hauptstadt Neu Delhi Urbanistik studiert und trägt sogar einen Doktortitel. Als Chefideologe der maoistischen Guerrilla vom "Vereinigten Revolutionären Volksrat", die Nepal mit einem blutrünstigen Bauernkrieg überzieht, ist er nicht nur der meistgesuchte Mann des Himalaja-Staates, sondern vielleicht auch bald einer der mächtigsten. Denn nachdem der Guerrillaführer vor Wochen den Waffenstillstand mit der Armee aufgekündigt hat, will seine Untergrundarmee jetzt die staatliche Ordnung stürzen und den König vertreiben.
Nicht immer waren die Maoisten im Schatten der Achttausender Königshasser. Als die Nepalesen im Jahre 1990 ihren Kampf für Demokratie gewonnen hatten und der damalige König Birendra der Umwandlung des einzigen Hindu-Königreiches der Erde in eine konstitutionelle Monarchie zustimmte, drückten auch die Maoisten friedlich die Parlamentsbänke. Gemeinsam mit weiteren Linksparteien formten die Anhänger von Chinas 1976 verstorben "Großen Steuermann" Mao Tse-tung eine Kommunistische Allianz.
Doch 1994 schloss die staatliche Wahlkommission aus fadenscheinigen Gründen das rote Bündnis von dem bevorstehenden Parlamentswahlen aus. Darauf folgende Proteste beendete die Polizei mit einer Prügelorgie. Die Maoisten, die fortan den peruanischen Steinzeitkriegern vom "Leuchtenden Pfad" nacheiferten, tauchten in den Untergrund ab. Seitdem meldete sich das Genossenpaar Baburam Bhattarai und Pushpa Kamal Dahal nur noch mit martialischen Aufrufen zu Wort. 1995 haben die beiden irgendwo in den Wäldern Nordindiens, wo sich auch heute noch ihr Hauptquartier befindet, die "Kommunistische Partei Nepals" aus der Taufe gehoben. Bis zu 10.000 Mann, so schätzen Sicherheitsexperten, befehligen die roten Hochgebirgskommandeure. Die Kriegskasse füllt der "Volksrat" mit Banküberfällen und Schutzgelderpressungen auf, die Waffen stammen aus Überfällen auf Polizei- und Armeeposten.
Keine Guerrillagruppe in Asien hat derzeit eine blutigere Opferbilanz vorzuweisen als Nepals rote Hochgebirgskrieger. Allein in den ersten vier Monaten dieses Jahres sind in dem "Volkskrieg" in den Tälern des Himalaja mehr als 1800 Menschen ums Leben gekommen. Das bislang blutigste Gemetzel ereignete sich am 12. April. Als die Rebellen die Privatresidenz des amtierenden Ministers für Innere Sicherheit im Dorf Satbariya 330 Kilometer westlich von Katmandu stürmten, kamen zunächst 54 Polizisten und Einheimische bei der Verteidigung des Anwesens ums Leben.
Über die Zahl der Getöteten auf Seiten der Bauernguerrilla gab es zunächst keine verlässlichen Angaben. Ähnlich wie einst der Vietkong schleppen die Rebellen ihre Toten beim Rückzug stets mit. Doch Tage nach der Schlacht fanden Sicherheitskräfte in den Bergen ein Massengrab. Allen 200 Leichen war der Kopf abgeschnitten worden. Mit diesem grausamen Vorgehen will die Guerrilla verhindern, dass Herkunft und Identität ihre Gefolgsleute ermittelt werden, um so deren Familien vor möglichen Repressionen der Staatsgewalt zu schützen.
Trotz der Gräuel ist der Vormarsch der Rotgardisten in den Himalaja-Tälern kaum zu stoppen. Allein in den ersten vier Monaten dieses Jahres sollen mehrere tausend junge Männer den Partisanen beigetreten sein. Die galoppierende Armut spült ihnen Kriegernachwuchs ohne Unterlass zu. Noch immer gehört der 24-Millionen Einwohnerstaat zu den ärmsten Ländern der Erde. Mindestens 400 Menschen verhungern jedes Jahr. Besserung erhoffen sich die Bauernkrieger durch die Einführung einer "echten Volksdemokratie". Militärische Erfolge lassen deshalb nicht lange auf sich warten.
In 60 von 75 Distrikten ist es mittlerweile zu Überfällen auf Polizeiposten, Armeecamps und Regierungseinrichtungen gekommen. In 22 Distrikten haben sich längst "Volksregierungen" etabliert, die gegen gierige Großgrundbesitzer Recht sprechen, prügelnden Gatten die Kniescheiben durchschlagen und den Genuss von Alkohol sowie öffentliches Glücksspiel streng bestrafen.
Zweifel, wen sie als Hauptgegner betrachtet, lässt Nepals Rote Armee nicht aufkommen: König Gyanendra und seinen verhassten Sohn Paras. Ihr Feldzug ziele auf die vollständige "Eliminierung der feudalen Monarchie" ab, heißt es in der E-Mail von Maoistenführer Bhattarai. Nepal habe genau die gleichen Rechte wie jene europäische Staaten, die ihre Monarchie schon lange abgeschafft hätten.
Die Rebellen machen das Königshaus für die "abgrundtiefe Armut, die haarsträubende Ungleichheit und chronische Unterentwicklung" verantwortlich. König Gyanendra und Paras, der im vergangenen November zum Kronprinzen ernannt wurde, nennen die Maoisten "kriminelle Gangster", die den Thron in einem blutigen Staatsstreich an sich gerissen hätten - eine Anspielung auf das blutige Palastmassaker vom vergangenen Juni, bei dem Kronprinz Dipendra, Vater, Mutter und sieben Verwandte erschoss, bevor er sich selbst richtete.
Dabei, so unterstellen die Maoisten, habe sich es um ein finsteres Komplott gehandelt, um Gyanendra an die Macht zu bringen und seinen Bruder, König Birendra, zu verdrängen.
So unsinnig die Theorie ist, längst glauben viele Beobachter, dass der amtierende Monarch kein Freund der Demokratie sei. "Es besteht durchaus die Gefahr," schreibt die "New York Times", "dass König Gyanendra gemeinsam mit dem Militär die Demokratie beendet".
Anzeichen dafür gibt es genug. In einer aufsehenerregenden Rede machte Generalstabschef Prajwalla Shumsher Rana, selbst ein Mitglied der Herrscherfamilie, unlängst die "Politiker" für die Misere des Landes verantwortlich. Auch Prabhakar Rana, Verwalter des Vermögens der Monarchen, warnte in mehreren Interviews vor einem Militärcoup. "Das Experiment mit der Demokratie ist fehlgeschlagen!, sagte er. "Die Armee soll die Macht übernehmen und den König wieder bitten, das Land zu regieren."
In den Tälern Westnepals hat die Gegenoffensive der Armee gegen die roten Bauernkrieger vor kurzem begonnen. Nach Angaben der Armee kamen allein in der vergangenen Woche mindestens 400 Maoisten ums Leben. Die Streitkräfte können dabei auf einen mächtigen Verbündeten bauen. Seit Wochen sind CIA-Berater im Land. Auch aus den Beständen des Afghanistan-Krieges hat Washington erste Ausrüstungen nach Nepal weitergereicht.